Würzburg

"Ironie der Geschichte": Reinhard Goebel und der Tanzende Schäfer

Der Dirigent macht im Gespräch seinem Ruf als Mann des klaren Wortes alle Ehre. Er mache vieles anders als andere, weil er – wahrscheinlich – besser hingucke als andere.
'Leider spielt man heute wichtige Stücke so, als seien sie unwichtig.' Reinhard Goebel bei der Probe für den Mozartfest-Livestream im Kaisersaal.
"Leider spielt man heute wichtige Stücke so, als seien sie unwichtig." Reinhard Goebel bei der Probe für den Mozartfest-Livestream im Kaisersaal. Foto: Dita Vollmond

"Dass ich mit dem Tanzenden Schäfer ausgezeichnet werde, das ist schon Ironie der Geschichte", sagt Reinhard Goebel. "Wenn wir früher in Würzburg aufgetreten sind, so in den 80er, 90er Jahren, gab es regelmäßig Totalverrisse." Damals sei man in den Besprechungen noch belästigt worden mit Behauptungen wie, Mozart habe das Cembalo ja gar nicht mehr gekannt. Goebel lacht, wenn er zurückdenkt. "Damals war ich noch furios und nicht nur rechthaberisch", sagt er. 

Reinhard Goebel, 67, ist in diesem Jahr Artiste Étoile des Mozartfests. Ab den 1970er Jahren war er als Gründer und Leiter von Musica Antiqua Köln ein Pionier der historischen Aufführungspraxis, weltbekannt ist er heute als Geiger, Dirigent, Forscher und musikalischer Denker mit besonderer Begabung für pointierte Polemik, seit 2010 auch als Nachfolger von Nikolaus Harnoncourt am Mozarteum Salzburg. Von vier geplanten Konzerten beim Mozartfest 2020 bliebt nur der Livestream mit dem Münchner Rundfunkorchester.

Beethoven sieht Reinhard Goebel nicht als widerständigen Komponisten

Die Auszeichnung der Stadt Würzburg in Form einer Rokoko-Porzellanfigur bekommt Goebel für seine langjährige Verbundenheit mit dem Mozartfest, aber auch für seine Unangepasstheit. In der Laudatio heißt es: "Sie üben Widerstand gegen gängige Meinungen. Sie wachsen durch unablässiges Hinterfragen und den immer neugierigen Blick über den Tellerrand. Und Sie gehen weiter, auch wenn die Widerstände noch so unüberwindlich erscheinen."

Wie wenig Widerstände Goebel bremsen können, zeigt, dass er sich das Geigenspiel mit eisernem Willen andersherum beigebracht hat, als er Anfang der 1990er Jahre Lähmungserscheinungen in der linken Hand feststellte.  Beethoven, dessen 250. Geburtstag heuer gefeiert werden sollte (Goebel: "Oh, der Arme, alles ins Wasser gefallen"), hingegen ist in Goebels Augen kein Widerständiger. Es habe ja keine kollektive Bewegung gegeben, die darauf beharrt hätte, weiter so zu musizieren wie Mozart. "Er hat die Entwicklung in die Hand genommen und gesagt, ey, Leute, lass uns eine Musik für uns heute erfinden und kein Klingelingeling."

Seine eigene Arbeit sieht er als Folge von kreativen Neuanfängen

Auch seine eigene Arbeit will Reinhard Goebel nicht als Widerstand sehen. Sondern als Folge von kreativen Neuanfängen: "Ich habe nie irgendetwas nur gemacht, um das zu konterkarieren, was die anderen schon vor mir getan haben, oder um zu sagen, also ich kann das auch ganz anders." Seine Interpretationen seien immer an Musiktheorie und Beweisführungen angebunden. "Ich mache das nicht extra anders, sondern weil ich – wahrscheinlich – besser hingucke als manch anderer." 

Für dieses bessere Hingucken sei Beethoven nicht der dringendste Kandidat, sondern Mozart: "Mozart ist abgenudelt und abgedudelt. Das hat immer wieder diesen Nippesfiguren-Anstrich", sagt Goebel und singt breit und bräsig den Anfang des dritten Satzes der "Kleinen Nachtmusik". "Das ist das Furchtbare heute, dass wir irrsinnig viel imitieren." Wenn es nie neue Ansätze gebe, müsse man irgendwann Beethovens Fünfte gleich nach dem berühmten Motiv abbrechen: "So, meine Damen und Herren, den Rest spielen wir jetzt nicht, den haben Sie ja sowieso im Kopf."

Auf die Laudatio angesprochen, in der auch seine Gabe gelobt wird, Neugier zu wecken, lacht Reinhard Goebel schallend: "Bei wem? Bei mir, oder bei anderen?" Dann holt er ein wenig aus: Die Gemeinde der Alten Musik beschwere sich gerade, dass sie zerfalle und gar nicht mehr wahrgenommen werde. "Aber man kann dieses Meer von Mittelmäßigkeit ja gar nicht mehr wahrnehmen. Irgendwann ist auch mal alles abgespielt, dann gibt es nichts mehr zu entdecken." Dann könne man allenfalls noch unwichtige Stücke so spielen als seien sie wichtig. "Aber leider spielt man heute wichtige Stücke so, als seien sie unwichtig. Das ist das Problem."

Reinhard Goebel bezeichnet sich selbst als "Zwischenschaftler"

Neugier komme für ihn schon immer aus der Beschäftigung mit der Theorie. Und mit der Sache. "Ich nehme mir immer auch das äußere Umfeld von Komponisten vor. Und dann komme ich auf die zauberhaftesten Ideen." Allein vor der Partitur zu sitzen und an den Fingernägeln zu kauen, bringe nichts. Beispiel Beethovens dritte Sinfonie, die Eroica: "Wenn man bemerkt, dass die dem Fürsten Lobkowitz gewidmet ist, muss man sich mal ein Bild von den Lobkowitzens anschauen, wo die gewohnt haben und was die für eine Riesenbibliothek hatten. Und wer hat damals im Orchester gesessen? Sie geht das bei mir weiter..."

Die Bezeichnung "wissenschaftliche Schnitzeljagd" findet Reinhard Goebel sehr treffend für seine Arbeit. "Ich sehe mich als ,Zwischenschaftler'. Ich brauche sehr stark die Anregung durch andere, durch Geschichtswissenschaft, durch Kunstgeschichte oder Lokalhistorie. Und dann mache ich, was die anderen eben nicht können: Dann übertrage ich das in Musik."

Der Livestream mit Reinhard Goebel und dem Münchner Rundfunkorchester ist unter br-klassik.de ein Jahr lang abrufbar.
Weitere Karten für die Live-Konzerte: Dank der Lockerungen sind ab sofort 100 Personen bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen erlaubt. Für die Live-Konzerte des Mozartfests von 24. bis 27. Juni sind deshalb weitere Karten erhältlich: Tel (0931) 37 23 36.

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