RADEBEUL

Karl May, der Rätselhafte

Seine Fantasie schlug gerne über die Stränge. Das brachte dem Sachsen jede Menge Ärger ein. Es machte ihn aber auch zum erfolgreichen Schriftsteller. Doch warum wirkt das Spätwerk wie eine Spaßbremse?
Karl May       -  Karl May als Kara Ben Nemsi
Foto: Karl-May-Verlag | Karl May als Kara Ben Nemsi

Ich bin“, schrieb er, „im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers.“ Man wird Ardistan auf keiner Landkarte finden. Es ist ein imaginärer Ort, gelegen auf einem Märchenstern, dem Stern Sitara. Ardistan ist dort das ungesunde Tiefland, „Ard heißt Erde, Scholle, niedriger Stoff, bildlich bedeutet es das Wohlbehagen am geistlosen Schmutz und Staub. Ardistan ist die Heimat der niedrigen selbstsüchtigen Daseinsformen, das Land der Gewalt- und Egoismusmenschen.“ Weit entfernt davon, im Hochland, liegt Dschinnistan, dazwischen Märdistan, ein gefährlicher Urwaldstreifen, eine Art Labyrinth, wohin sich nur Männer wagen dürfen. Dort liegt auch die Geisterschmiede, wo der Waghalsige unendliche Qualen erleiden muss . . .

Was sich hier wie Fantasy-Literatur a la J. R. R. Tolkien lesen mag, ist purer Karl May. Prosa jenes Mannes, dessen literarische Orte man sonst eher zwischen Prärie und Silbersee zu suchen geneigt ist. Das kraftmeiernde Abenteuer aus seiner Feder ist hier plötzlich einer märchenhaften Poesie gewichen.

Wie konnte es dazu kommen? So fragten sich schon Generationen lesehungriger Knaben, die sich durch viele grüne Bände hindurchgefressen hatten, um schließlich ratlos an den späten Büchern des alten Karl May zu scheitern. Und das fragte sich auch die Literaturwissenschaft, als sie sich endlich dazu herabließ, einen anfangs scheelen Blick auf Deutschlands meistgelesenen Schriftsteller zu werfen. „Ardistan“ und „Der Mir von Dschinnistan“ wie auch „Im Reiche des silbernen Löwen“ galten den jungen Lesern als Spaßbremsen und den Literaturprofis als unlesbar verquast, als merkwürdige Ausrutscher eines anscheinend senilen Mannes. Dabei ist der Stern Sitara mit seinen fantastischen Landschaften das faszinierende Ziel einer abenteuerlichen Lebensreise, der Lebensreise eines rätselhaften Menschen.

Legenden und Missverständnisse
Wer war dieser Karl May? Was scheinbar leicht zu beantworten ist, entpuppt sich dann doch als komplexe Frage. Das Biografische ist überschaubar, die Irrtümer, Legenden und Missverständnisse sind rasch auszuräumen. Mays „Ardistan“ war der kleine Ort Ernstthal am Rande des Erzgebirges. Dort wurde er vor 175 Jahren, am 25. Februar 1842, geboren. „Ich bin der Sohn blutarmer Webersleute“, schrieb er im hohen Alter. „Man hielt mich für begabt. Man wünschte, ich solle studieren.“

Es gelang der Familie zumindest (eine Kraftanstrengung bei 14 Kindern, von denen nur fünf das Erwachsenenalter erreichten), ihm die Ausbildung an einem Lehrerseminar zu ermöglichen. Schon das wird eine Zeit der Querelen und Anstößigkeiten; Karl May ist einer, der gern aus dem Ruder läuft. Mit 19 Jahren wird er Hilfslehrer an einer Armenschule; es geht nur eine Woche gut, weil er sofort eine Liebesaffäre mit der Ehefrau seines Vermieters beginnt – Entlassung. Neue Chance als Fabrikschullehrer, diesmal hält er sechs Wochen durch, dann kommt es an Weihnachten zu dem Vorwurf, er habe eine Uhr gestohlen. Er wird zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt und natürlich erneut entlassen.

Diebstähle aund Betrügereien
Die folgenden Jahre sind unübersichtlich. Es ist Karl Mays Räuber-und-Gendarmen-Zeit. Er schlägt sich mit Diebstählen und Betrügereien durchs Leben. Seine Fantasie treibt dabei skurrile Blüten. Ob als Augenarzt Dr. med. Heilig, als Polizeileutnant von Wolframsdorf oder als Albin Wadenbach, Plantagenbesitzer auf Martinique – virtuose Maskerade und Camouflage.

Um Einfälle ist er schon damals nicht verlegen, Menschen fallen reihenweise auf ihn herein. Doch die Justiz des Königreichs Sachsen lässt sich nicht lumpen: Im ersten Anlauf vier Jahre Arbeitshaus (von denen er gut drei Jahre absitzen muss), im zweiten Anlauf eine Zuchthausstrafe von vier Jahren, die er als Züchtling 402 bis zum allerletzten Tag verbüßt. „Meine Strafe war schwer und lang“, schreibt er. Dann ist er geläutert, er hat die Geisterschmiede hinter sich, er blickt noch einmal auf Ardistan zurück und macht sich auf den weiten Weg nach Dschinnistan.

Was nun folgt, ist Lebensbewältigung durch Schreiben. Es ist eine Legende, dass Karl May seine Bücher im Gefängnis geschrieben habe. Höchstwahrscheinlich ist dort keine einzige Zeile entstanden. Dennoch ist er in den langen Jahren der Haft zum Schriftsteller geworden: Weil er seiner Fantasie freien Lauf gelassen hat und gleichzeitig Pläne entwickelte, diesen Fantasien einst eine Form zu geben. Er wollte die wiedererlangte Freiheit allein dafür nutzen, um zu schreiben. Erzählungen, Romane. Er wollte seine Fantasie auf Reisen schicken. Damit überlebte er das Zuchthaus, und damit meisterte der 32-Jährige dann den Rest seines Lebens.

Am 2. Mai 1874 wurde er entlassen, bereits im November erschien in der Deutschen Novellen-Flora seine erste Erzählung „Die Rose von Ernstthal“.

Schreiben als Lebensbewältigung
Der Erfinder des Apachenhäuptlings Winnetou schrieb nicht nur, um – im materiellen Sinn – leben zu können. Er schrieb, um sein Leben zu ordnen, zu deuten, zu bewältigen, zu rechtfertigen. Was ihm in 30 Jahren widerfahren war – die armselige Kindheit, die verpfuschte bürgerliche Karriere, die Zeit als Hallodri, Schlitzohr und Krimineller – all das wurde nun Stoff seiner unzähligen Geschichten und Erzählungen. Kaum eine Seite darin, die nicht autobiografisch gefärbt wäre, die sein Leben in immer neuen Brechungen spiegelt.

Aber wieder schlug seine Fantasie dann mächtig über die Stränge. Er wollte sich von der Seele schreiben, was ihn belastete – und imaginierte sich dabei in eine neue Rolle: die des Superhelden, der in zwei Kostümen auftrat, als Old Shatterhand und als Kara Ben Nemsi. Als er schließlich zu einem der erfolgreichsten Autoren Deutschlands geworden war, machte er das auch ganz wörtlich wahr.

May ließ sich in fantastischen Kostümen fotografieren und schwor seinen Lesern Stein und Bein, jedes geschilderte Abenteuer genauso erlebt zu haben. Über Jahre hinweg hat man ihm das abgenommen. Eine interessante Beobachtung im postfaktischen Zeitalter. Es ist eine bis heute nicht befriedigend gelöste Frage: War das alles für Karl May ein großes Spiel, das er durchaus zu steuern wusste – oder glaubte er durch eine Art Persönlichkeitsspaltung letztlich selber, der omnipotente Held seiner Bücher zu sein? Das ist – um mit Fontane zu sprechen – ein weites Feld.

Immerhin: Als der Herbst seines Lebens begann, flog ihm das ganze Konstrukt um die Ohren. Er musste seiner eigenen erfundenen Wahrheit ins Gesicht schauen. Es wurde ruchbar, dass er Jahre im Zuchthaus verbracht hatte – er hatte es peinlichst verschwiegen. Die „Old-Shatterhand-Legende“ wurde aufgedeckt – er hatte bis dahin nie eine Reise ins Ausland unternommen. May wurde als Lügner und Schundschriftsteller diffamiert und von der Presse als „geborener Verbrecher“ abgestempelt. Es schien, als würde er zum Ende seines Lebens ins „niedrigste, tiefste Ardistan“ zurückgestoßen werden, aus dem er gekommen war.

Die Old-Shatterhand-Legende
Doch Karl May wäre nicht er selbst gewesen, wenn er sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hätte. Kurzerhand griff er zwei Jahre vor seinem Tod erneut zur Feder und schrieb sein Leben noch einmal neu. In seiner Autobiografie erklärte er das Märchen vom Stern Sitara zum eigentlichen Thema all der Bücher und Geschichten. Alles, was er bisher geschrieben habe, sei nur symbolisch gewesen. Die Reisen, die Abenteuer – all das sei sinnbildlich zu verstehen, als Schilderung der großen Lebensreise des kleinen sündigen Menschen Karl May vom tiefen Ardistan hinauf nach Dschinnistan, das er nun das „verheißene Land der Edelmenschen“ nannte.

Acht Tage vor seinem Tod hält er in Wien vor über 2000 Zuhörern einen großen Vortrag – „Empor ins Reich der Edelmenschen“ –, Selbstkritik und Überhöhung seiner selbst, Reue und Vision. Seine Lebensreise geht danach jäh zu Ende, er stirbt am 30. März 1912. Seine letzten Worte sollen „Sieg, großer Sieg, Rosen, rosenrot“ gewesen sein.

Gastautor Lothar Reichel ist Redaktionsleiter der Radioredaktion der Diözese Würzburg, Kenner und Bewunderer des Werks von Karl May, Mitglied der Karl-May-Gesellschaft sowie – unter anderem – Autor des Jugendromans „Winnetou darf nicht sterben“

Karl May – Biografie in Stichpunkten

Geburtstag: Als Carl Friedrich May geboren am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal (heute Große Kreisstadt Hohenstein-Ernstthal im Osten des Landkreises Zwickau) Eltern: Der Weber Heinrich May und seine Frau Christiane Wilhelmine Geschwister: Karl war das fünfte von 14 Kindern, von denen neun bereits in ihren ersten Lebensmonaten starben. Karl war der einzige überlebende Sohn

Kindheit: Bittere Armut bis hin zur Hungersnot Ausbildung: Volksschullehrer, 1863 Entzug der Lehrbefugnis Tätigkeit: Redakteur, später freier Schriftsteller Haft: Mehre Haftstrafen wegen Diebstahls, Betrugs und Prellerei Prozesse: Mehr als 50 Prozesse als Kläger, Beklagter oder Zeuge Veröffentlichungen: etwa 80 Werke, darunter 33 Bände „Gesammelte Reiseerzählungen“ von 1892 bis 1910. Familie: Zweimal verheiratet, kinderlos Fernreisen: Orient (1899/1900), USA (1908) Letzter Wohnsitz: Villa „Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden Todestag: 30. März 1912 dpa

Karl May in seiner Bibliothek in der 'Villa Shatterhand'
Foto: Karl-May-Verlag | Karl May in seiner Bibliothek in der "Villa Shatterhand"
'Winnetous R}ckkehr'       -  Karl Mays berühmteste Figur: Winnetou (hier dargestellt von Pierre Brice)
Foto: Horst Ossinger (dpa) | Karl Mays berühmteste Figur: Winnetou (hier dargestellt von Pierre Brice)
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