REICHENBERG

Larry Coryell reißt sich selbst vom Stuhl

Er kann es noch. Larry Coryell rockt kraftvoll über die Bühne, treibt seine Mitspieler mit lauten Rufen bis zum Schweißausbruch an, duelliert sich mit den Schlagwerkern in rhythmischen Phrasen. Den 71-jährigen Altmeister des Jazzrock reißt es selbst vom Stuhl, wenn ihm sein ekstatisches Gitarrenspiel durch den Körper fährt.

So energiegeladen wie diesmal hat man den Texaner, Stammgast beim Reichenberger Guitar Masters, schon lange nicht mehr dort erlebt. Das lässt sich auch Kollege Peter Horton nicht entgehen, der nach seinem eigenen Konzert in Rottenbauer noch als Zuhörer kommt.

In der siebten Auflage des Gipfeltreffens für Jazz-, Fingerpicking- und Bossa-Nova-Gitarristen versammelt sich am Ende eine siebenköpfige Allstar-Band um die Legende Coryell. Er gibt den Ton an und die Stilrichtung vor, vielseitig wie kaum zuvor in der Wolffskeelhalle, die 400 Besucher fasst, in die aber viel mehr hineinwollen – seit Wochen ausverkauft.

Reminiszenzen an Jack Bruce

Mit dem Schotten Martin Taylor wird Coryell am schnellsten warm. Das Duo spielt Reminiszenzen an einen anderen Schotten: Jack Bruce, im Herbst verstorbenes Gründungsmitglied von Cream und gleichen Jahrgangs wie Coryell. Der Hit „Sunshine of your love“ wird den Konzertabend beenden.

Die Ein-Mann-Combo Taylor eröffnet das erste Set. Britisches Understatement in der Moderation, eine feingeistige Spielweise, die Melodieführung, Basslinie und Harmoniebegleitung in kongenialer Perfektion auf einer Gitarre vereint, machen schnell Laune. Taylor wechselt zwischen Blues-Ballade, Gershwin-Interpretation, Samba und karibisch inspirierten Eigenkompositionen.

Der Brasilianer Robertinho de Paula ist in der Klassik seiner Heimat bestens bewandert. Mühelos trägt er fein ziselierte Sambas und Bossa Novas vor, aber mit den italienischen Begleitperkussionisten findet er nicht so recht zur gemeinsamen Linie. So wirkt ihr Schlagwerk oft störend. De Paula wäre mehr Konzentration auf sein Spiel zu gönnen gewesen.

Zu fortgeschrittener Stunde tut es gut, dass mit dem Niederländer Harry Sacksioni eine „Rampensau“ das Publikum mit fluffig-leicht präsentieren Fingerpicking-Kompositionen und witzigen Anekdoten unterhält. Mit kindlicher Freude und raffiniert arrangierten Pop-Hits spielt er sich in die Herzen der Zuhörer.

Dann Coryells Combo, die den Star in den Mittelpunkt stellt, mal rockig, mal balladesk, aber auch dem explosiven, schwindelerregenden Spiel von Schlagzeuger Paul Wertico Raum lässt. Power Trio – das passt.

Nach sechs Stunden sind die Zuhörer noch aufnahmebereit für die Schluss-Session, die Larry Coryell dominiert, ohne dabei seine Kollegen an die Wand zu spielen. Alle haben ihren Spaß. Ganz besonders das Publikum.

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Andreas Brachs
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