Würzburg

Mainfranken Theater fragt: Was ist barbarisch?

Bedrohlich: Cedric von Borries und Georg Zeies
Foto: Gabriela Knoch | Bedrohlich: Cedric von Borries und Georg Zeies

Was ist barbarisch? Und wer sind diese Barbaren? Im Roman „Warten auf die Barbaren“ des südafrikanischen Autors John M. Coetzee, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2003, scheint die Rollenverteilung klar. Die Barbaren sind die Feinde des Reiches. Zu ihrer Bekämpfung kommt Oberst Joll mit einer Spezialeinheit aus der Hauptstadt ins Grenzgebiet, um mittels als Verhör getarnter Foltermethoden Geständnisse zu erpressen und einen vermeintlich bevorstehenden Aufstand der Barbaren zu verhindern. Dieses rabiate Vorgehen führt zum Konflikt mit dem regionalen Regierungsvertreter, dem auf Ausgleich mit den Einheimischen bedachten und sein ruhiges Leben gewohnten Magistrat.

Regisseur Martin Kindervater hat aus dem 1980 erschienenen Roman eine Bühnenfassung erstellt und in den Kammerspielen des Würzburger Mainfranken Theaters zur Uraufführung gebracht. Der Magistrat und dessen innere Konflikte zwischen Loyalität zum Reich und der Ablehnung der von Joll ausgeübten oder befohlenen Gewalt stehen im Zentrum der Inszenierung.

Die Angst vor dem Fremden

Schwer trägt Georg Zeies an diesem Zwiespalt, ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einem angenehmen Leben und seinen Pflichten als Staatsdiener. Statt sich dem gewalttätigen Treiben von Joll (Hannes Berg) und seinen Leuten (Cedric von Borries) zu widersetzen, verlagert er seine Emotionen auf die individuelle Ebene, indem er ein misshandeltes Mädchen (Miriam Morgenstern) pflegt. Sein halbherziges Handeln zeigt, wie schmal der Grat sein kann, auf dem menschliche Werte ruhen und wie leicht sie zu erschüttern sind. Und sei diese Erschütterung nur die Angst vor dem vermeintlichen oder tatsächlichen Fremden, für das in Coetzees Roman „die Barbaren“ als Allegorie stehen.

Text und Inszenierung erzählen die ergreifende Geschichte überaus zurückhaltend. Folter, Gewalt und Angst werden nicht ausgestellt, und liegen dennoch geradezu beklemmend im Raum, etwa in den fratzenhaft erstarrten Gesichtern der Spezialeinheit.

Kindervater und seinem mit Ausnahme von Georg Zeies in mehreren Rollen eingesetzten Darsteller-Team (das durch Paul Grote vervollständigt wird) ist mit „Warten auf die Barbaren“ eine düstere Parabel auf unsere Gegenwart gelungen, in der das Barbarische mindestens ebenso in uns selbst liegt, wie wir es im anderen, im Außen vermuten.

Nächste Vorstellungen: 17. und 28. Mai. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124

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