Schweinfurt

Matthias Ranft: Der Solocellist verlässt die Bamberger

Der Mann mit dem freundlichen Lächeln hat auch in Unterfranken eine große Fangemeinde. Von seinem Orchester verabschiedet er sich am Wochenende mit einem Paukenschlag.
Matthias Ranft – nach 35 Jahren verlässt der  Solocellist die Bamberger Symphoniker.
Foto: Marian Lenhard | Matthias Ranft – nach 35 Jahren verlässt der  Solocellist die Bamberger Symphoniker.

Matthias Ranft hat Glück mit seinen Nachbarn. Wenn's mal wieder spät und laut wird, braucht er keine Beschwerden zu befürchten. Im Gegenteil, wenn er sich am Morgen danach entschuldigen will, kommt immer die gleiche Erwiderung: "Kein Problem. Wir gehen ins Badezimmer, dort können wir besser hören."

Nun sind Matthias Ranfts Nachbarn alles andere als Stalker. Und die abendlichen Aktivitäten sind nicht etwa Techno-Partys. Matthias Ranft ist seit 30 Jahren Solocellist der Bamberger Symphoniker, seine Frau die Pianistin Tomoko Ogasawara. Im großen Musikzimmer mit der barocken Stuckdecke und dem spektakulären Blick auf die Bamberger Altstadt erklingen – zumindest, wenn gerade keine Pandemie ist – die großen Kammermusikwerke der klassischen Literatur. Zu zweit, im Trio oder im Ensemble Abraxas.

Beim Video-Interview: Matthias Ranft in seinem Bamberger Musikzimmer.
Foto: Screenshot Mathias Wiedemann | Beim Video-Interview: Matthias Ranft in seinem Bamberger Musikzimmer.

Matthias Ranft, dem man bis heute seine hanseatische Herkunft anhört, hat in Hamburg, in Freiburg und in Bloomington in den USA studiert. Schon vor dem Solistenexamen war er von 1981 bis 1983 Solocellist der Hofer Symphoniker. 1984 gewann er den Mendelssohn-Wettbewerb in Berlin. 1985 kam er zu den Bambergern, deren Solocellist er seit 1991 ist.

"Die Magie der Musik hilft, Routine zu überwinden und die Strategien, die man entwickelt, um im Metier zu bestehen.
Matthias Ranft

Als solcher hat er auch in Unterfranken eine riesige Fangemeinde. Im Theater Schweinfurt sind die Bamberger quasi Hausorchester, bei Kissinger Sommer und Mozartfest Stammgäste. Aus den "Abstechern", den Gastspielen außerhalb Bambergs, sind viele Freundschaften entstanden, erzählt Ranft. Die Menschen registrieren genau, wer an welchem Pult sitzt. Und der Mann mit dem freundlichen Lächeln und der nie ganz glatten Frisur ist ein vertrauter und willkommener Gast – im Orchester, aber auch als Kammermusiker. Besucher kommen nach den Auftritten zu ihm, wollen sich austauschen, fragen um Unterricht für ihre Kinder an.

In wenigen Wochen geht er nun in den Ruhestand. Das Orchester und er machen einander ein besonderes Abschiedsgeschenk: Unter der Leitung von Chefdirigent Jakub Hruša haben sie das Cellokonzert von Antonín Dvorák eingespielt – unter Konzertbedingungen und gezwungenermaßen ohne Publikum. Am Sonntag, 14. Februar, wird das Fernsehkonzert bei TV-Oberfranken gesendet, um 18 und 23 Uhr ist es unter www.tvo.de auch im Livestream zu sehen. 

Tomoko Ogasawara, Bart Vandenbogaerde und Matthias Ranft als Trio Franconia bei einem Auftritt in Schloss Rentweinsdorf (Lkr. Haßberge).
Foto: Sabine Meissner | Tomoko Ogasawara, Bart Vandenbogaerde und Matthias Ranft als Trio Franconia bei einem Auftritt in Schloss Rentweinsdorf (Lkr. Haßberge).

Wie viele Hunderttausende Kilometer er im Job zurückgelegt hat, kann Matthias Ranft nicht sagen. Tourneen haben ihn in die ganze Welt geführt – die erste 1986 gleich nach Südostasien. Eine Reise, die ihn tief beeindruckt hat. In Indien etwa das Nebeneinander von bitterster Armut und höchster Kultur. Und überall die außerordentliche Konzentration des Publikums.

"Die Energie, die entsteht, wenn Menschen intensiv zuhören. Wenn wir mit ihnen die Einmaligkeit des Augenblicks teilen. Ich spüre das auch in Schweinfurt oder Bayreuth oder Erlangen", sagt Matthias Ranft. Diese Magie überfalle auch ihn immer wieder. "Sie hilft, Routine zu überwinden und die Strategien, die man entwickelt, um im Metier zu bestehen. Kein normaler Mensch würde sich sonst auf Jahrzehnte auf einen so engen Raum binden lassen."

"Die Musik hilft über jeden Hügel und durch jedes Tal. Ich bin wieder voll da!"
Matthias Ranft über sein Comeback nach schwerer Handverletzung

Das nie erlahmende Bedürfnis, Musik immer wieder zu entdecken, der Reiz von Perspektivwechseln, wie sie etwa Corona erzwungen hat, und eine unbändige Lust am Lernen sind unübersehbar die prägenden Züge des Matthias Ranft. Das wird in jeder Minute des Video-Interviews klar, das er kurz nach den Fernstehaufnahmen gibt, noch ganz erfüllt vom Erlebnis als Solist des Dvorák-Konzerts.

Wie ihn die Kolleginnen und Kollegen durch dieses höchst anspruchsvolle Werk getragen haben, das als Gipfel der Celloliteratur gilt. Und wie glücklich er ist, dass das wieder möglich war. Denn vor anderthalb Jahren hatte er sich die linke Hand gebrochen, die Verletzung musste operativ versorgt werden. "Zuerst dachte ich: So, das wars."

Die Bamberger Symphoniker , 35 Jahr lang die musikalische Heimat von Matthias Ranft.
Foto: Andreas Herzau | Die Bamberger Symphoniker , 35 Jahr lang die musikalische Heimat von Matthias Ranft.

Aber dann hat er sich Beispiele genommen. Sportler, die sich nach schweren Unfällen zurück kämpften. Oder seinen Vater, der im Krieg einen Arm verloren hatte, aber ein Leben lang so hartnäckig und geschickt ohne Hilfe zurecht kam, dass etlichen Menschen seine Behinderung erst nach Jahren aufgefallen sei. "Ich habe diesen Mann nie klagen hören." Matthias Ranft arbeitete sich eisern vorwärts. "Die Musik hilft über jeden Hügel und durch jedes Tal. Ich bin wieder voll da!"

Wie es sein wird, wenn er nun das Orchester verlässt, das hat er sich noch gar nicht richtig überlegt. "Es ist wichtig, dass man immer wieder Abstand findet", sagt er. Keine Dienstpläne, Raum für eigene Projekte. "Aber es wird der Zeitpunkt kommen, wo ich das Orchester sicherlich sehr vermissen werde."

Das Fernsehkonzert mit den Bamberger Symphonikern und Matthias Ranft läuft am 14. Februar um 18 und 23 Uhr auf TV-Oberfranken, gleichzeitig im Livestream auf www.tvo.de -> Mediathek -> Livestream.

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