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Megaloh: Ein Rap-Genie und keiner merkt's?

Megaloh: In der Rapszene gilt der gebürtige Frankfurter als Genie – doch der Erfolg lässt lange auf sich warten. Mit seinem Album „Regenmacher“ will der 36-jährige Paketverlader die Dürrephasen beenden.
Megaloh       -  Megaloh bei einem Auftritt. Der Künstlername leitet sich von der griechischen Bezeichnung für Größenwahn (Megalomanie) ab. Im wahren Leben tritt der 36-Jährige dagegen eher bescheiden auf und hält sich und seine Familie mit Lagerjobs über Wasser.Fotos: dpa
Foto: Philipp von Ditfurth (dpa) | Megaloh bei einem Auftritt. Der Künstlername leitet sich von der griechischen Bezeichnung für Größenwahn (Megalomanie) ab.

Wäre sein Leben ein Spielfilm, könnte es in Hollywood als Erfüllung des amerikanischen Traums gelten. Denn Uchenna van Capelleveen alias „Megaloh“ ist seit über zehn Jahren auf dem Weg vom Lagerarbeiter zum erfolgreichen Musiker. Seit seinem ersten Album „Im Game“ 2005 hat der deutsche Rapper niederländisch-nigerianischer Abstammung das Musikgeschäft mit all seinen Vorzügen und Nachteilen kennengelernt. Mit seinem neuen Album „Regenmacher“ will der 36-Jährige jetzt endlich den Durchbruch schaffen. Vor seinem Auftritt am 26. April in der Würzburger Posthalle spricht der Rapper am Telefon über seinen Hass auf soziale Netzwerke, Druck des Managements und den Zusammenhalt unter Musikern.

Frage: Sie rufen auf die Sekunde pünktlich an, das ist ungewöhnlich. Seht der Manager mit der Stoppuhr neben Ihnen?

Megaloh: Ja, ich habe hier tatsächlich so einen tollen Zeitplan vor mir, wen ich wann anrufen soll. Bis jetzt halte ich mich ganz brav daran (lacht).

Mit dem Erfolg wachsen eben auch die Pflichten. „Regenmacher“ ist von dem Hip-Hop-Magazin Juice zum Album des Jahres gewählt worden. Wie erleichtert sind Sie?

Megaloh: Es fühlt sich wirklich gut an, wenn man solche Komplimente bekommt. Das tut der geschundenen Seele sehr gut.

Auf Ihrer Facebookseite hat neulich ein Fan geschrieben: „Wie ist es eigentlich, der beste Rapper in Deutschland zu sein und keiner merkt's?“

Megaloh (lacht): Er hat glaube ich noch dazugeschrieben, dass es nur die Künstler merken. Und ja, ich meine, zum Glück merken die es. Ich habe schon früh von Kollegen die Bestätigung bekommen und davon in all den Zeiten, in denen keiner meine Musik hören wollte, gezehrt. Das ist schon eine Ausnahmeposition, die ich habe. Ganz ohne angeben zu wollen. Dass man so unerfolgreich ist, aber einen viele Kollegen so schätzen. Dafür ist der Erfolg überschaubar – das ist seltsam.

Hätten Sie es lieber andersrum?

Megaloh: Nein, das ist glaube ich schon gut so. Es gibt genug Künstler, die total erfolgreich sind und es sich nur wünschen, den Respekt von der Szene zu bekommen – vergeblich.

Auf Ihrem Album singen unter anderem Max Herre, Patrice, Jan Delay oder MoTrip mit. Das sind Namen, von denen andere Musiker nur träumen . . .

Megaloh: Da bin ich auch wirklich sehr gesegnet und sehr dankbar. Max und Co sind echte Künstler, und die erkennen auch, wenn jemand etwas leidenschaftlich macht. Es gibt genug andere, die nur nach den Klicks gehen und sich erst dann bei dir melden, wenn du erfolgreich bist. Aber es gibt die Leute, die Musik machen, weil sie die Musik lieben. Und die setzen sich dann auch anders mit den Kollegen auseinander.

Wie bauen Sie sich Ihr Netzwerk auf?

Megaloh: Ich tue mir ehrlich gesagt ganz schwer damit, irgendjemand zu fragen, ob er etwas mit mir machen will. Das war noch nie meine Stärke. Klar muss ich manchmal anfragen, aber meist kam es von der anderen Seite oder hat sich zufällig ergeben. Aber ich bin kein „Kontakt-Hussler“ – leider. Das ist auch meine Schwäche.

Das ganze Phänomen Megaloh basiert auf dem ständigen Kämpfen und Scheitern eines jungen Mannes aus armen Verhältnissen. Darf Megaloh überhaupt Erfolg haben?

Megaloh: Das ist das erste Mal, dass mir das jemand so zusammenfasst. Und vermutlich stimmt das sogar. Für mich ist Megaloh einer, der einfach ehrlich ist und die Leute an seinem Zustand und seiner Entwicklung teilhaben lässt. Wenn er Lagerjobs machen muss, um seine Familie zu ernähren, weil die Musik nicht ausreicht, dann schämt er sich nicht, das zuzugeben. Und wenn er endlich erfolgreich ist, gibt es sicher auch noch gut zu erzählen. Ich hoffe, dass die Leute dann auch diese Phase interessiert. Ich habe keine Angst davor und freue mich darauf – diese Dürrephase hat echt zu lange gedauert.

Wie groß ist die Sorge, wieder in Vergessenheit zu geraten?

Megaloh: Man kann immer wieder fallen. Mit dem nächsten Projekt könnte ich mich wieder ins Aus schießen. Und diese Angst schwingt immer mit, aber davon muss man sich komplett lösen. Am Besten ist es, wenn ich mich ehrlich mit mir auseinandersetze und diese Musik rausbringe. Man sollte nicht strategisch rangehen, sondern aus dem Bauch heraus agieren. Der Anspruch an die eigene Wahrhaftigkeit ist für mich wichtig.

Sie haben am eigenen Leib erlebt, wie hart das Musikbusiness sein kann. Wenn jetzt einer zu Ihnen sagt: „Ich will Rapper werden“, was raten Sie ihm?

Megaloh: Bist du wirklich bereit, 20 Jahre lang einen Marathon zu laufen, bis sich die ersten Anzeichen von Erfolg einstellen? Also ich würde es keinem raten. Aber wenn man das wirklich will, dann sollte man daran glauben. Meine Ratschläge wären: Stehe Dürrephasen durch und glaube fest an dich. Das geht nur, wenn du die Musik so sehr liebst, dass du gar nicht anders kannst. Das war in meinem Fall so. Man muss sich von der Illusion befreien, dass das alles so einfach geht.

Die Illusion wird leicht verbreitet. Dank der sozialen Netzwerke kann jeder über Nacht zum Star werden. Sie selbst bezeichnen sich als Social-Media-Hasser.

Megaloh: Ja, das ist gar nicht meins. Ich weiß immer noch nicht genau, wie ich richtig damit umgehen soll, weil es sich ständig verändert und immer etwas Neues dazukommt. Dieses Social-Media-Ding gehört mittlerweile scheinbar komplett zur Künstlerperson dazu. Anderseits macht es mir Hoffnung, dass es immer noch Künstler gibt wie Frank Ocean, die da nichts in dem Bereich machen.

Dennoch sind Sie mittlerweile auf Facebook, Instagram und sogar auf Snapchat. War der Druck des Managements stärker als der eigene Wille?

Megaloh: Tatsächlich haben Label und Management schon seit Jahren versucht, mir nachdrücklich klarzumachen, dass das die Zukunft ist und ich mehr tun muss. Ich habe mich immer gesträubt – und sträube mich noch immer. Aber gerade lasse ich mich wie ein störrischer Esel immer schrittweise bewegen. Ich möchte das nicht so, aber verstehe, dass man als Fan neugierig ist und sich mit dem Künstler identifizieren möchte. Aber das hat für mich alles eine Grenze.

Wo liegt diese Grenze bei Ihnen?

Megaloh: Täglich fünf Posts und damit zwanghaft alles transparent zu machen, damit es interessant wird, ist überhaupt nicht meine Welt. Ich hoffe, dass ich das nicht irgendwann überdenken muss, aber in erster Linie geht es mir nur darum, dass meine Musik an den Mann kommt und deshalb bin ich für Kompromisse bereit. Anfang letzten Jahres habe ich noch großspurig auf einem Song gesagt „Ich snappe nicht“ – und acht Monate später hatte ich einen Snapchat-Kanal.

Folgt auf so einen Sinneswandel ein Shitstorm von den alten Hip-Hop-Fans?

Megaloh: Ich glaube, die Leute können mir verzeihen und das abstrahieren. Ich schauspielere dann ja nicht. Ich bin, wie ich bin und sage dann auch auf Facebook live, dass ich das alles gerade nur für die Klicks mache. Aber gleichzeitig bin ich natürlich dankbar für jeden, der mich unterstützt. Das geht schon Hand in Hand. Man sollte jetzt nur nicht so tun, als ob man das alles liebt. Ich glaube, wenn ich das mache und mich dabei nicht selbst verliere und nichts mache, was ich nicht machen möchte, ist das schon ok. Aber ich werde auf nie dieser Social-Media-Gigant werden, das ist ganz sicher.

Kein Megaloh 2.0?

Megaloh (lacht): Das bin ich ja schon fast. Aber darunter leidet natürlich alles andere. Denn die Zeit, die ich in so etwas reinstecke, kann ich nicht in die Musik stecken. Und das finde ich total pervers. Mittlerweile ist der Künstler seine komplette eigene Promomaschine. Damit müsste einhergehen, dass man den größten Teil des Kuchens bekommt. In der Hinsicht sehe ich den Weg in Richtung Selbstermächtigung der Künstler. Das ist gut.

Sie ermächtigen sich in Ihrem neuen Album auch immer wieder zu neuen Musikstilen. Was ist bei Megaloh noch alles möglich?

Megaloh: Unter dem Namen „Megaloh“ werde ich vermutlich keine Schlager singen, aber was mit Rap und ehrlichem Inhalt zu tun hat, da ist es musikalisch richtig offen. Das ist so ein momentanes Geschmacksding, also worauf man in dem Moment Bock hat, wenn das Projekt beginnt. Ich würde auch gern noch mehr im afrikanischen Kontext machen. Rapmusik basiert ja aus kleinen Stellen von Songs, die genommen und verwurstelt werden. Rap hat die Möglichkeit, jegliche Musik zu verwursteln und was Neues draus zu machen. Darüber bin ich sehr dankbar.

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