Schweinfurt

Mehrdeutige Bilder zwischen Tod und Leben

Genieße den Augenblick, denn irgendwann ist dein Leben zu Ende. Dazu mahnten in früheren Jahrhunderten Vanitas-Bilder. Ein moderner Künstler setzt den Gedanken auf seine eigene Weise um.
Ansichtssache: Rainer Schmelzeisens Bild „Dornen“ von links gesehen . . ..
| Ansichtssache: Rainer Schmelzeisens Bild „Dornen“ von links gesehen . . ..

Hinter der jungen Sängerin lauert der Tod. Vielleicht steht er auch neben ihr. Leben oder Tod? Es kommt auf den Standpunkt an: Tritt der Betrachter zwei, drei Schritte nach rechts, wird aus dem bleichen Schädel die Sängerin. „Dornen“ ist eines der Werke von Rainer Schmelzeisen im „Kunstsalong“ der Schweinfurter Kunsthalle (siehe Kasten). Der Freiburger arbeitet häufig mit dem Effekt des sogenannten Wackelbildes. Ein Linsenrasterbild, wie es korrekt heißt, zeigt hinter einer speziell geformten, durchsichtigen Oberfläche verschiedene Bilder, täuscht Bewegung oder Dreidimensionalität vor. Je nach Blickwinkel.

Tod und Leben. Schädel und Sängerin. Zwei Wirklichkeiten, gleichzeitig in ein und demselben Bild. Eine überlagert stets die andere. Da kann sich der Betrachter hinstellen, wo immer er will, kann sich bücken und strecken. Der Totenschädel grinst allzeit hinter der Sängerin mit dem Mikrofon. Andererseits wird er auch immer wieder von der jungen Frau – also dem Leben – überlagert. Keines der Bilder wird so richtig klar.

Hinter Rainer Schmelzeisens modernen Arbeiten stehen Jahrhunderte der Geistesgeschichte wie in einem Lentikularbild – man braucht nur die passende Perspektive einzunehmen.

„Wir dürfen ganz in Glück vergehn. In unserm Blute ist kein Dorn“: Das Zitat von Gottfried Benn (1886 bis 1956) erscheint neben der Sängerin. Es weist, wie die Motivik, in Richtung der sogenannten Vanitas-Darstellungen – also Bildern der Vergänglichkeit. Seit dem Mittelalter erinnern derartige Bilder den Menschen an die Endlichkeit seines Lebens. Welkende Blumen, überreifes Obst, verlöschende Kerzen oder Totenschädel transportierten den Gedanken symbolisch: „Memento mori“ – denke daran, dass du sterben wirst. Ihren Höhepunkt erreichte diese Kunst ausgerechnet im als sinnenfroh geltenden Barock. Das muss kein Widerspruch sein. Denn Freude am Leben und der Gedanke an den Tod müssen sich nicht ausschließen.

Der Barockmensch zweifelte nicht an den heiligen Schriften und deren Verheißungen. Er sah im Tod erstens nur einen Übergang in eine bessere Welt. Zweitens war die Mahnung „memento mori“ im Bewusstsein des 17. und 18. Jahrhunderts auch mit der Devise „Carpe diem“ – frei übersetzt: „Genieße den Augenblick“ – verbunden. Wer sich daran erinnert, dass er sterben wird, kann jeden Tag besser genießen, weil er sein Leben nicht als selbstverständlich hinnimmt. In der von Gegensätzen geprägten Denkweise des Barock können Vanitas-Darstellungen geradezu Anleitungen zur Freude am Leben sein. So paradox das heute klingen mag, in unserer Zeit, die den Gedanken an den Tod verdrängt. Nährboden für „Memento mori“-Kunst war das Christentum. Weil es ein besseres Leben im jenseits versprach.

Während es bis in die Zeit der Aufklärung hinein keine Zweifel an der Religion als Heils- oder wenigstens Hoffnungsbringerin gab, tut sich der Künstler des 21. Jahrhunderts da nicht mehr so leicht. Auch hier steckt die Geistesgeschichte dahinter. Er zweifelt. Er ironisiert. Rainer Schmelzeisen zeigt das in diversen Installationen. Seine „Vanitas“-Darstellungen sind säkular, sein Zugang zur Religion bisweilen augenzwinkernd.

Ob religiös motiviert oder nicht. Die Aussage ist heute mindestens ebenso bedenkenswert wie seinerzeit im Barock: Genieße den Augenblick. Denn irgendwann ist dein Leben zu Ende.

Ausstellung in Schweinfurt

„Trümmer des Südens“ heißt die Ausstellung des Kunstvereins Schweinfurt mit Werken von Rainer Schmelzeisen. Im Kunstsalong der Kunsthalle sind gut zwei Dutzend Objekte (hinterleuchteten Bilder, Linsenrasterbilder, Installationen) des 58-Jährigen zu sehen.

Die Arbeiten, meist Großformate, reizen den Spieltrieb des Betrachters. Die Linsenrasterbilder etwa zeigen, je nach Standort, unterschiedliche Ansichten. Aus dem vordergründig Verspielten wachsen existenzielle Themen – vom Endzeit-Gedanken bis zu Kommentaren über Religion. Auch fernöstliches Gedankengut findet sich.

Rainer Schmelzeisen, Ärztlicher Direktor der Klinik für Mund, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Freiburg, ist Vorsitzeneder der Gottfried-Benn-Gesellschaft. Das Denken des Dichters und Arztes (1886 bis 1956) spielt auch in den Bildern eine Rolle.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–17, Donnerstag bis 21 Uhr. Bis 31. Juli.

. . . und von rechts. Die Wirklichkeiten überlagern sich.
Foto: Ralph Heringlehner | . . . und von rechts. Die Wirklichkeiten überlagern sich.
Schmelzeisen-Werk „Der Herr ist mein Licht“
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