MEININGEN

Rettungslos in der Gedankenblase

Überall und nirgendwo: Vivian Frey irrlichtert als Prosperos Luftgeist Ariel durch die Fantasie.Marie Liebig
Foto: Foto: | Überall und nirgendwo: Vivian Frey irrlichtert als Prosperos Luftgeist Ariel durch die Fantasie.Marie Liebig

Diese vermaledeite Verwirrung der Sinne! Schon an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ließ der Meininger Schauspielchef Karl-Georg Kayser die Zuschauer in seiner Inszenierung von Shakespeares letztem großen Werk, „Der Sturm“, glauben, sie selbst seien auf ein wüstes Eiland gewirbelt worden. Und jetzt entfacht Andreas Morell im neuen Meininger „Sturm“ den Illusionszauber mit einer Fantasieoffensive, die einem ein wohlig-ängstliches Bauchkribbeln beschert.

Tragikomödie über die Menschen

Was einst als Metapher auf den Abgang Shakespeares von den Bühnen seiner Zeit verstanden wurde, hat sich längst zur Tragikomödie über der Zukunft der Menschheit entwickelt. Prospero ist heute in vielen Interpretationen – auch bei Morell – nicht mehr die Verkörperung des intellektuellen Musenfreunds, sondern ein durchaus zwiespältiger, alternder Mann mit resignativen und tyrannischen Zügen.

Das frühere Berliner Ensemble-Mitglied Michael Kind mimt Prospero ganz in diesem Sinne. Selbst das gelegentliche Vernuscheln der Worte passt zum Charakter. Prospero ist bestenfalls ein gescheiterter Herrscher mit rapide schwindender Hoffnung auf Läuterung der Menschheit. Und der Regisseur scheint in dieser Inszenierung so etwas wie ein Superprospero. Er hält die Strippen in der Hand. Nur dass an ihnen nicht das gestrandete Mannsvolk hängt, sondern wir, die Zuschauer, baumeln.

Ob mordlüstern wie die sturmverwirbelte Herrschersippe (Reinhard Bock als Antonio, Renatus Scheibe als Alonso, Matthias Herold als Sebastian), ob naiv wie Prosperos Töchterchen Miranda (Carla Witte) im ewig rosaroten Kinderzimmertraum, ob ahnungslos die Liebe entdeckend wie Königssohn Fernando (Yannick Fischer), ob schlammverkrustet wie der durch und durch getriebene Hexenbastard Caliban (Meret Engelhardt), ob fantastisch freischwebend wie der Luftgeist Ariel, der einem als irrlichternder Gestaltwandler Vivian Frey wie ein Schalk im Nacken sitzt – egal, was diesen zusammengewirbelten Inselhaufen (aus dem der gute alte Gonzalo gestrichen wurde) antreibt: Alle sitzen in einer Gedankenblase fest.

Ewig rosaroter Traum

Bühnen- und Kostümbildner Christian Rinke und Daria Kornysheva lassen uns glauben, dieses Fantasiegebilde sei nichts anderes als die Ruine eines stillgelegten U-Bahnhofs. Vielleicht in New York. Vielleicht in unseren Köpfen. Wer weiß das schon, wenn einen dieses Alptraumrefugium mit Prospero als unterirdischem Obdachlosen gnadenlos in die Geschichte zieht.

Sogwirkung der Inszenierung

Zudem werden wir allerorten von geheimnisvollem Gezwitscher und Geknister verfolgt. Als seien wir, dank der Sound- & Music-Zauberbude, die Geräuschemacherin und Komponistin Caroline Siegers am Bühnenrand versteckt hat, als seien wir Gefangene in einer virtuellen Dolby-Surround 7.1.-Welt. Sogar in der Pause schlurfen der Luftgeist und sein anarchistischer Gegenspieler durch sektnippende Zuschauergrüppchen und liefern sich Wortgefechte über die Zukunft Prosperos und der Welt. Ariel: Es gibt Hoffnung. Caliban: Vergiss es. Das macht die unheimliche Sogwirkung der Inszenierung aus: Die Magiere hinter den Kulissen – hier seien noch Choreograf Axel Carle und Videospezialistin Lina Walde genannt – und die wie von Zauberhand geführten Schauspieler scheinen sich mit großem Vergnügen gegenseitig in der Kreation von Fantasie und Illusion zu überbieten. Höhepunkt der Komik: Ariels Showtreppenauftritt mit Sinatras Song „Love and Marriage“ auf den Lippen und fünf maskulinen Showgirls aus der Inseltruppe an seiner Seite.

Auf in die nächste Fantasieblase

Zur Erbauung des jungen Liebesglückes von Miranda und Fernando, versteht sich, natürlich in Szene gesetzt vom erziehungsberechtigten Strippenzieher. Da kommt Freude auf, gefolgt von Verwirrung der Sinne und schließlich dem schleichenden Verdacht, dass diese Welt nicht mehr zu retten ist. Also, auf in die nächste Fantasieblase! In Dolby-Surround und selbstverständlich mit VR-Brillen „Mixed Reality“.

Vorstellungen: 19.1. und 8.2., jeweils 19.30 Uhr, 4.3., 19 Uhr, 30.3., 19.30 Uhr. Karten: Tel. (0 36 93)-45 12 22. www.meininger-staatstheater.de

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Liegt Prosperos Hoffnung auf Rettung der Menschheit in seinem Töchterchen Miranda? Fraglich. Michael Kind als Prospero, Carla Witte als Miranda.Marie Liebig
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