LITERATUR

"Shades of Grey": Buch-Hits mit derber Erotik

Shades of Grey: Dem Mann total unterworfen: Ist es das, was Frauen wollen? E. L. James verärgert mit ihrer trivialen Trilogie Feministinnen – und begeistert gleichzeitig weltweit Millionen. Band eins gibt's jetzt auf Deutsch.
Wollen Frauen das? Die Bücher mit den sexuellen Fantasien von E. L. James verkaufen sich jedenfalls großartig. Im Bild die Einbanddeckel der deutschen Ausgaben.
Foto: dpa | Wollen Frauen das? Die Bücher mit den sexuellen Fantasien von E. L. James verkaufen sich jedenfalls großartig. Im Bild die Einbanddeckel der deutschen Ausgaben.

Der Schatten von Christian Grey liegt auf Anastasia Steele. In endloser Wiederholung herrscht er sie an, sie möge nicht immer auf ihrer Lippe kauen, der Anblick mache ihn scharf. Aber genau das will Ana erreichen. Sie will, dass Chris sie auspeitscht, fesselt und quält, wobei beide den sexuellen Höhepunkt erklimmen. Das verbindet die blutjunge College-Absolventin mit ihrem sadistischen Milliardärs-Lover.

„Shades of Grey“, die Romantrilogie der Britin E. L. James, hält in der Bestsellerliste der „New York Times“ seit Wochen die Plätze eins bis drei. Auf Platz vier liegt der Sammelband mit allen drei Romanen. Nach und nach erscheinen die Bücher auch auf Deutsch. Band 1, „Geheimes Verlangen“, führt, kaum in den Läden, schon die media control Buch-Hitparade an.

So freizügig der Roman auch daherkommt – erzählt wird letztlich eine konventionelle Aschenputtel-Geschichte. Die hörige Ana wird vom Sadisten hart bestraft, gewinnt aber dadurch auch sein Herz. „Mein ganzer Körper schmerzt, glüht regelrecht von seinen erbarmungslosen Hieben“, lässt die Autorin ihre Heldin stöhnen. Der Lüstling stöhnt ebenfalls. „Heiser“ natürlich.

Die 49-jährige Autorin wird vom „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt gezählt, neben der mächtigen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der mutigen birmesischen Oppositionspolitikerin Aung San Sun Kyi. In den USA und Kanada ist das Buch 15 Millionen Mal verkauft worden. Noch vor Jahresfrist hockte E. L. James, bürgerlich Erika Leonard, im unauffälligen Haus im Londoner Westen und schrieb, während die beiden Kinder in der Schule und der Gatte bei der Arbeit waren. „Das Buch war meine Midlife Crisis“, erzählt sie in Interviews. „Statt einen Sportwagen zu kaufen oder eine Affäre anzufangen, habe ich einfach pausenlos geschrieben.“ Sie wollte sich in eine Traumwelt versetzen. Und sie sagt: „Für mich ist das Buch eher eine zeitgemäße Romanze als eine erotische Fiktion.“

Romanze? Die jungfräuliche Ana wird von ihrem Lover mit der Gerte geschlagen, bis sie blau ist, er knebelt sie und lässt sie von der Decke hängen. Er befiehlt, was sie anzieht, wohin sie blicken, wie oft sie zur Toilette gehen darf. Den Kopf gesenkt, gehorcht die 21-Jährige ihrem Gebieter und „explodiert“ vor Lust. Literarisch wertvoll ist das nicht. Es ist Trivialliteratur. Aber Frauen können heute so schreiben, ohne dass eine Hexenjagd einsetzt. Erica Jong wurde in den 1970er Jahren noch als Hure beschimpft, als sie in „Angst vorm Fliegen“ ihre sexuellen Fantasien veröffentlichte, damals in 27 Sprachen übersetzt. E. L. James' Gewalt- und Unterwerfungsträume erscheinen zeitgleich in 37 Ländern. Wer die Autorin auf dem Foto sieht, kann sich nur vorstellen, dass sie lieb und nett ist. Ihre erotischen Szenarien sind aber grobschlächtig. Wie in einem Schulaufsatz werden die Werkzeuge in der Folterkammer aufgezählt, verdrehte Körperhaltungen, der Reiz an der Qual. Gerade wurden die Filmrechte für „Shades of Grey“ verkauft – für fünf Millionen Dollar. Wollen Frauen das? Sadomaso-gedemütigt werden, niederknien vor dem Gebieter, die Hände streicheln, mit denen er die Peitsche schwingt? In der angelsächsischen Welt hat der Bucherfolg eine Diskussion ausgelöst. Vom Tabubruch ist die Rede. Plötzlich sind Umfragen da, die Unglaubliches verkünden. Mehr als die Hälfte der Frauen stellt sich demnach hin und wieder vor, zum Sex genötigt zu werden. Noch mehr Frauen hatten angeblich schon Vergewaltigungsfantasien.

Bekannt ist, dass, was geträumt wird, für den realen Sex nicht gewünscht wird. Oder doch? Feministinnen sind grimmig, das ganze Werk der Gleichberechtigung gerät ins Wanken, nur weil eine Hausfrau sich mit dem Laptop an den Küchentisch setzte. Und soll man sich wirklich vorstellen, dass die durch Frauenquoten geförderte Riege an weiblichen Führungspersönlichkeiten, erfolgreich im Job, im Chefsessel davon träumt, einen derben Klaps auf den Hintern zu bekommen und nachts von einem Mann im Bett dominiert zu werden?

Demnach wünschten sich Frauen, so vermittelt es James, einen zupackenden Macho, der auch rücksichtsvoll ist. Einen, bei dem frau loslassen und die Kontrolle verlieren kann, um den Druck der Arbeitswelt spielerisch auszugleichen. Das Interessante an dem Buch ist, dass das bekannt wird. Das Enttäuschende, dass alles auf ein bekanntes Klischee hinausläuft: Das arme, unscheinbare Mädchen begegnet dem reichen Mann. Es ist schwer, ihn für sich zu gewinnen. Aber am Ende wird alles gut.

E. L. James: Shades of Grey – Geheimes Verlangen (Goldmann, 608 Seiten, 12,99 Euro), Band 2 und 3 erscheinen im Früh- und Spätherbst.

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