WÜRZBURG

Uraufführung im Dom: Als würden die Nägel in Jesu Kreuz getrieben

„ . . . dona nobis pacem“ – gib uns Frieden. Die letzen Worte des Oratoriums „Der Sohn des Zimmermanns“ verhallen in der Weite des Kiliansdoms. Aus den Türmen dringt der Klang der Glocken, erst dumpf, dann immer lauter, bis das Geläute zum 65. Jahrestag der Zerstörung Würzburgs die ganze Welt zu erfüllen scheint. Das Ende der Uraufführung des Oratoriums von Wilfried Hiller (Musik) und Winfried Böhm (Text) dürfte kaum einen der Besucher in dem nahezu voll besetzten Gotteshaus kalt gelassen haben.

Immer wieder hält das gut eineinhalb Stunden dauernde Werk Momente bereit, die mehr als nur das Hören von Tonfolgen und Akkorden sind. In seinen starken Phasen wird das im Rahmen der Reihe „Endspiel. Würzburger Apokalypse“ aufgeführte Stück zum Erlebnis, das den ganzen Körper packt. Wenn während des „Vater unser“ und des Abschiedsmahls mit einem Hammer auf Holz geschlagen wird, als würden schon die Nägel ins Kreuz getrieben, wenn der Männerchor die Palast-Szene unablässig in rhythmischem Sprechgesang mit aggressivem „kreuzige, kreuzige ihn“ unterlegt, Steine hart aneinanderschlägt und dazu „voces coelestes“ von überall her zu klingen scheinen – dann bindet das den Zuhörer emotional in das Geschehen ein. Schauer rieseln über den Rücken.

Der Münchner Komponist erreicht dies durch ungewöhnliche, teils exotische Instrumentierung (Violen, Viola d'amore, großes Schlagzeug, Klarinette, Zither, Hackbrett, Harfen, Gongs . . .). Er mischt Stile und Epochen. Chorsätze, wie sie auch von Bach stammen könnten, stehen neben orientalischen Harmonien und Gospel. Hiller scheut nicht vor heftigen Effekten zurück. Das Crescendo der Trommeln rollt durch den Dom wie ein Gewitter. Der Körper bebt. Domkapellmeister Martin Berger hat Chöre (Domchor, Jugendkantorei, Mädchenkantorei) und Musiker im Griff. Unterstützt von Domkantorin Judith Schnell im sechsten Bild malt er ein farbiges, kontrastreiches Klangbild. Dass manches verschwimmt, liegt am Nachhall der Kirche.

Erzählt wird zwar die Geschichte Jesu, Böhms Libretto kommt aber ohne die Hauptfigur aus. Jesus spricht durch die Musik oder ist in der Reflexion der Apostel gegenwärtig. Maria Magdalena (sicher und mit warmer Stimme: Ann-Katrin Naidu) übersetzt die Musik in Worte. Heidi Elisabeth Meier singt den Versucher. Wenn die Koloratursopranistin, bekannt als Königin der Nacht aus der Würzburger „Zauberflöte“, ihre Stimme in die Höhe jagt, scheint der Böse dem Wahnsinn nahe.

Alles gut also. Und doch scheint das Werk mehr Kraft zu haben, als die Aufführung im Dom zeigt. „Der Sohn des Zimmermanns“ ist als Oper angelegt. Eine konzertante Aufführung kann nicht das volle Potenzial ausschöpfen. Das Mainfranken Theater plant eine szenische Aufführung, vielleicht 2012 in der Frankenhalle.

Die Uraufführung im Dom wird am 5. April im Radio übertragen (BR Klassik, 20.05 Uhr).

Themen & Autoren
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)