SOMMERHAUSEN

Zwischen Sex und zartem Gefühl

Zhanna Kalantay und Murali Perumal.
Foto: (c) Angelika Relin | Zhanna Kalantay und Murali Perumal.

Der spontane Sex, meint Er, sei wie Skifahren – nur außerhalb der Piste! Dass man dabei eine Lawine lostritt, die Gefühle durcheinanderwirbelt und unbeherrschbar macht, erleben Sie und Er lust- und schmerzvoll in Philippe Blasbands Stück „Eine pornographische Beziehung“, das im voll besetzten Torturmtheater eine hin- und mitreißende Premiere feierte.

Die reizvolle Inszenierung von Eos Schopohl zeichnet die Liaison zweier wildfremder Menschen, die sich „nur für Sex“ per Annonce begegnen, mit einer gelungenen Mischung nachdenklicher und heiterer, ernsthafter und witziger Elemente. Wer angesichts des provozierenden Titels Rotlicht im Torturm flackern sieht, liegt deutlich daneben. Weder die Wortwahl noch die Andeutungen sexueller Aktivitäten überschreiten Grenzen. Dabei ist Sie in der Beschreibung ihrer erotischen Fantasien nicht zimperlich, und Er entlockt dem Publikum spontane Lacher, wenn ihn postkoitaler Muskelkater zur Mäßigung treibt: „Zwei Mal am Tag muss die Ausnahme bleiben!“ Schopohl lässt aus der banalen Zufälligkeit sexbetonter Zweisamkeit eine sich zaghaft entwickelnde Bindung wachsen, die auf einen ungeplanten Höhepunkt zuläuft und das Scheitern im Schlepptau hat.

Dafür reicht eine mit zwei Stühlen bestückte Bühne, zu denen sich ein Tisch mit Tuch gesellt. Zwei weibliche Akte an den Wänden sorgen für einen Hauch von Erotik. Dafür braucht?s zwei Akteure, die den vielfältigen, häufig wechselnden Gefühlsschattierungen prägnanten Ausdruck verleihen können. Zhanna Kalantay (Sie) und Murali Perumal (Er) meistern diese diese diffizile Herausforderung mit Bravour.

Kalantay spielt Sie mit herzerfrischender Offenheit in ihrem sexuellen Mikrokosmos, ihren Männerwünschen und ihrem weiblichen Begehren. Dabei schwankt sie zwischen forschen Tönen und holprigem Zaudern, gibt die Richtung in der Stellungssuche vor und wird vor Verlegenheit rot. Sie kann sich ausgelassen freuen, bitter weinen und einen Wangenkuss als unglaubliche Zärtlichkeit erleben. Die anfängliche Zurückhaltung legt Er (Perumal) zusehens ab. Er lässt seinen Eindrücken freien Lauf, findet den ersten Sex gut, aber auch ein bisschen enttäuschend. Die Angst vor der Macht aufkommender Gefühle, die an Liebe erinnern, macht ihn aggressiv. Zugleich treibt ihm die Zuneigung zu Ihr Tränen in die Augen.

Nach 70 Minuten wird der emotionale Theaterabend mit langem Schlussapplaus bedacht.

Auf dem Spielplan bis 28. Mai. Karten Tel. (0 93 33) 268

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