Würzburg

Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?

Die Stadt in Trümmern: Vor dem Hintergrund der Zerstörung Würzburgs 1945 würdigt der Würzburger Friedenspreis seit 25 Jahren Menschen und Gruppen, die sich für die friedliche und zivile Beilegung von lokalen, nationalen und internationalen Konflikten einsetzen und zum Abbau von Feindbildern beitragen. Foto: Walter Röder

Sehr geehrte Frau Natter,

Ihr Samstagsbrief vom 20.7.12019 hat mich und das Komitee Würzburger Friedenspreis überrascht und gefreut. Wird darin doch das Anliegen des Würzburger Friedenspreises und die Frage, was wir Bürgerinnen und Bürger, hier, in unserem Lebensbereich, für friedliches Zusammenleben und zivile Konfliktbewältigung tun können, differenziert benannt - und das mit so anerkennenden Worten!

Der Samstagsbrief der Redaktion soll ja auch der Auseinandersetzung, der Kontroverse dienen. Aber da machen Sie es uns ja durchaus schwer. Anerkennende Worte zurückzuweisen, noch dazu, wenn man das eigene Anliegen so treffend beschrieben sieht - so groß ist meine und unsere Bescheidenheit dann doch nicht…

Eine - freilich von Ihnen rhetorisch gemeinte Frage - die Sie in Ihrem Brief stellen, ist, ob wir 1995 gehofft hätten, ein Würzburger Friedenspreis sei nach 25 Jahren längst überflüssig.

Menschen, Gruppen, Organisationen, die sich für die Bewahrung des Friedens engagieren, wird allerdings nur zu gern vorgehalten, sie seien doch irgendwie naiv, Gutmenschen, fern der Realität.

Aber eine vielleicht naive Hoffnung, gab es 1995 schon: dass nämlich die Forderung „Nie wieder Krieg!“ konsensfähig sei und Bestand haben könnte. Aber was ist in 25 Jahren passiert? Dieser Imperativ ist aus der öffentlichen Diskussion so gut wie verschwunden. Dazu passt auch - vielleicht erinnert sich jemand - dass am 16. März, dem Datum der Bombardierung Würzburgs 1945, alljährlich ein großes Transparent am Grafeneckart hing, mit den Namen der Opfer. Und am Schluss der Satz: „Nie wieder Krieg!“.

Das Transparent wird inzwischen nicht mehr aufgehängt. Weil die Fassade des Grafeneckart so schön renoviert wurde? Oder vielleicht ein Ausdruck dessen, dass „Nie wieder Krieg!“ kein konsensfähiges Anliegen mehr ist? Und es stimmt ja, dass die Forderung nach Frieden ein geradezu utopisches Anliegen ist. Aber naiv?

Wie naiv ist es denn zu glauben, die gegenwärtige „Sicherheitspolitik“ schaffe Sicherheit? Und da die Welt sei, wie sie sei, brauche man mehr desselben. Und das, indem man in Deutschland das ominöse 2%-Ziel der NATO - die Mitgliedsstaaten sollten 2% ihres Brutto-Inlandsprodukts für Militär ausgeben - propagiert.

Zum Vergleich: Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI Jahrbuch 2019)  lag der russischer Militäretat 2018 bei 61,4 Milliarden $ gegenüber 649 Milliarden$ der USA. Wie bedrohlich ist es, dass die Milliarden, die zur Erreichung des 2%-Zieles nötig wären, nicht den finanziell ausgebluteten Organisationen der Vereinten Nationen zur Verfügung gestellt werden? Oder zur Konversion unserer Rüstungsproduktion? Oder für eine faire Handelspolitik gegenüber Afrika? Oder…

Naiv ist, zu glauben, mehr der bisherigen "Sicherheitspolitik" werde es schon eines Tages richten. Freilich sind die zu bewältigenden Probleme riesig, und es geht nicht mit der Formel „Friede, Freundschaft, Currywurst“. Aber am Gefährlichsten ist es, sich gar nicht erst Alternativen vorstellen zu können!

Die Evangelische Kirche Baden hat in diesem Jahr ein differenziert ausgearbeitetes Memorandum vorgestellt: „Sicherheit neu denken - von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik. Ein Szenario bis zum Jahr 2040“. Darin werden wesentliche Fragen der Sicherheitspolitik nicht beiseite gewischt, sondern es wird ein Transformationsprozess konzipiert, wie Sicherheit zunehmend zivil erarbeitet werden könnte.

Aktuell ist unsere innere Sicherheit bedroht. Dabei sind die Migration selbst und Delikte, die von Migranten begangen werden, keineswegs das größte Problem. Der aufgebrochene Rechtsextremismus und Staatschutzorgane, die sich ihm nicht konsequent entgegenstellen oder faktisch sogar klammheimlich unterstützen (NSU!), sind sicherlich die viel größere Gefahr für die Demokratie und unser Zusammenleben.

Aber was ist denn der Nährboden für den Erfolg von Rechtsextremismus- und -populismus? Sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu stellen ist unbedingt nötig. Aber wir müssen auch fragen, was führt dazu, dass die Rattenfänger so viel Erfolg haben? Wie sind die krasse Verteilungsungerechtigkeit, Abstiegsängste und eventuell subjektiv empfundene Beschämung hier wirksam? Was bedeutet es, wenn man, gerade im Osten, in einer dahinsiechenden kleineren Kommune lebt, sich politisch nicht mehr repräsentiert fühlt? Antworten auf diese Fragen zu finden, ist sicher noch eine Friedensarbeit, bei der viel zu leisten ist.

Der Würzburger Friedenspreis lädt dazu ein, zu schauen, was hier möglich ist, wo ich etwas tun kann. Welchen Nährboden brauchen wir für eine friedliche (Stadt-)gesellschaft? Die Reihe der bisherigen Preisträger zeigt, da gibt es tolle Möglichkeiten und tolle Leute, die es tatsächlich tun. Wir freuen uns, dass Sie dieses Anliegen aufgriffen und beschrieben haben.

Mit herzlichen Grüßen

Thomas Schmelter Komitee Würzburger Friedenspreis

Dr. med. Thomas Schmelter Foto: Anand Anders

Der Autor Dr. Thomas Schmelter war von 1989 bis Ende 2017 Oberarzt am Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Schloss Werneck und Leiter der Klinik für Psychosomatik im Leopoldina-Krankenhaus Schweinfurt. Er ist Mitglied von ÖKOPAX. Unter dem Namen haben sich gut ein Dutzend Leute aus Würzburg und Umgebung zusammengeschlossen, die ein besonderes Interesse an Friedens- und Umweltthemen haben. Als gemeinnütziger Verein existiert die Gruppe seit 1988, wobei die Anfänge bis ins Jahr 1983 zurückreichen. Mit dem Würzburger Friedenspreis, der auf Initiative von ÖKOPAX 1995 ins Leben gerufen wurde, werden jährlich Gruppierungen oder Personen aus Unterfranken ausgezeichnet, die sich für gewaltfreie Konfliktlösungen, Völkerverständigung oder Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen eingesetzt haben.

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