Würzburg

Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller

Joshua Grasmüller ist Landesschülersprecher für die Gymnasien in Bayern. Foto: LSR

Lieber Herr Grasmüller,

offene Briefe sind Ihnen nicht fremd. Kürzlich haben Sie an Kultusminister Michael Piazolo geschrieben. Betreff: "Mathematikabitur in Bayern 2019". Darin fordern Sie ihn auf, "eine Überprüfung der diesjährigen Aufgabenstellungen" bezüglich Schwierigkeitsgrad und Verhältnismäßigkeit "in die Wege zu leiten" und gegebenenfalls "weitere Schritte zu veranlassen". Als Elftklässler sind Sie nicht direkt vom diesjährigen Abi betroffen. Dass Sie sich dennoch einmischen, ist wenig überraschend. Schließlich sind Sie der Landesschülersprecher. Überraschend ist dagegen, wie viele gegen das Mathe-Abi auf die Barrikaden gehen: In Bayern machen in diesem Jahr rund 37 000 Schülerinnen und Schüler Abitur; eine Online-Petition, die fordert, die Bewertung der angeblich zu schwierigen Mathe-Prüfung anzupassen, hatte bis Freitagnachmittag knapp 74 000 Unterstützer.

Was meinen Sie? Wäre die Resonanz genauso hoch gewesen, wenn sich die Schüler über ein weniger unbeliebtes Fach beschwert hätten? Sport zum Beispiel? Nun unterstützen die Petition rund doppelt so viele Menschen wie es in Bayern Abiturienten gibt. Sie sehen, ich beginne zu rechnen, dabei konnte ich das nie besonders gut. Nein, mehr noch: Ich war richtig schlecht in Mathe. Feuchte Hände beim Aufsagen von Primzahlen in der Fünften, gescheitert an Ungleichungen in der Siebten, verzweifelt an Kurvendiskussionen in der Zehnten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Stochastikaufgabe meistere, ging stets gegen null. Schlussendlich habe ich trotzdem in Mathe Abi gemacht – weil Physik als Alternative noch schlimmer war... Für Lehrer und mich unfassbar sprangen dabei sechs Punkte heraus, eine Vier plus. Genug, um einen Hochpunkt auf meiner Glückskurve zu erreichen.

Warum ich Ihnen das schreibe? Weil ich mir das diesjährige Mathe-Abi angesehen und festgestellt habe, dass mir, der Mathe-Niete, das alles irgendwie vertraut vorkommt. Ich hätte sicher keine sechs Punkte mehr geschrieben. Aber nach höherer Raketenwissenschaft sahen mir die Aufgaben auch nicht aus. Und das, obwohl die Menge meiner Rechenkünste stets "kleiner gleich wenig" war und meine letzte Mathe-Stunde schon 16 Jahre zurückliegt. Ich weiß nicht, ob Herr Piazolo Ihnen geantwortet hat. Ihrer Aufforderung ist er aber nachgekommen und hat die Aufgaben prüfen lassen. Seine für Sie enttäuschende Einschätzung: Das Mathe-Abi war "anspruchsvoll, aber angemessen".

Mal ehrlich, Herr Grasmüller, sollte ein Abitur nicht genau das sein? Anspruchsvoll? Zuletzt war eher von einer Entwertung des höchsten Schulabschlusses die Rede. "In Bayern gibt es immer mehr Einser-Abiturienten", schrieb erst 2018 die "Süddeutsche Zeitung". Ich persönlich vermute ja, insgesamt wird das Abi nicht schwieriger – es wird nur lauter geschimpft und gejammert. Von Schülern und von Eltern. Die weinerliche Feststellung "Es wird schon viel verlangt von den Schülern" hört man immer häufiger.

Klar fühlt man sich als Schüler gerne mal benachteiligt. Von Lehrern gegängelt. Von Prüfungen gestresst. Das war zu meiner Schulzeit nicht viel anders. Wir haben auch geschimpft und gejammert. Der Unterschied: Das Internet war damals tatsächlich noch Neuland. Online-Petitionen gab es nicht. Und so auch keine große Aufmerksamkeit für unsere berechtigten oder unberechtigten Beschwerden. Jetzt finden Schüler die Mathe-Prüfung zu schwierig, und die halbe Republik diskutiert wochenlang.

Natürlich ist es gut, wenn junge Menschen für ihre Anliegen und Überzeugungen einstehen. Wenn sie sich einmischen, die Alten kritisieren, sich Gehör verschaffen. Wenn Ihre Mitschüler etwa fürs Klima auf die Straße gehen. Aber wegen einer Mathe-Prüfung auf hohem Niveau jammern? Da sind wir wieder bei der von Ihnen angemahnten Verhältnismäßigkeitsprüfung. Ich glaube, es gibt Themen, die es mehr verdient hätten, so empört von Schülern platziert zu werden. Die schleppende Digitalisierung der Schulen. Der Lehrermangel, den sich das Kultusministerium regelmäßig schön rechnet. Schulschließungen auf dem Land. Die Probleme bei der Inklusion. Die Herausforderungen, die der Unterricht von Schülern aus Flüchtlingsfamilien mit sich bringen. Der Lehrplan, der es sich leistet in der heutigen Zeit Demokratieverständnis und Medienkompetenzen wenn überhaupt nur rudimentär zu vermitteln.

Darüber würde es sich lohnen zu lamentieren. Wegen einer Mathe-Abi-Note muss sich jedenfalls niemand große Gedanken machen: Ich wurde bisher nie nach meiner Zensur gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Benjamin Stahl, Redakteur

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