Samstagsbrief

Großhirn an alle: Otto . . . finden wir gut

Otto
Otto Waalkes im Caricatura Museum Frankfurt vor seinem Gemälde "The Ottifantenking". Foto: Fabian Sommer

Lieber Otto, natürlich kann ein Brief an Dich nicht mit „Lieber Otto“ beginnen. Am Anfang muss ein herzhaftes „Holladihi“ stehen. Mensch, Otto, altes Haus, an diesem Sonntag steht Dein 70. Geburtstag an. Otto und 70 – das geht nur schwer zusammen. Dann vielleicht so: Herr Waalkes wird 70! Hört sich zwar offizieller, aber auch nicht besser an. Zumal das Du schlichtweg dazugehört. Es wird von Dir selbst bei den Pressekonferenzen in unterfränkischen Kinos zu diversen Starts Deiner Filme gepflegt und kultiviert. Otto ist ein Du. Einer von uns. Zu Otto Sie zu sagen, würde sich anfühlen wie ein Heiratsantrag von Horst Seehofer an Angela Merkel.

Aber ich schweife ab. Heute gilt es, einen der Urväter des deutschen Humors zu würdigen. Einen wie Loriot. Nur anders. Du hast den Deutschen den Humor gebracht. Den Spaß am Blödeln. Hast gute Laune verbreitet und uns durch die 70er und 80er Jahre zuverlässig begleitet. Von Kindesbeinen an hast Du bei uns dazugehört. Kein Schulhof, auf dem es nicht fröhlich „Wir rufen Harry Hirsch!“ hallte. Es konnte passieren, dass wir AC/DC in die schuleigene Sitzbank geritzt haben – und direkt daneben einen Ottifanten. Damals gingen derlei unterschiedliche Dinge noch zusammen, es schloss sich nicht wie heute von vorneherein alles aus.

Otto – der Name steht für eine gute Zeit. Und mittlerweile auch für eine lange Zeit. Weshalb der frühere Slogan Deines Versandhaus-Namensvetters für Dich bis heute gilt: „Otto . . . find ich gut!“ Und, ganz ehrlich: Es hat sogar etwas sehr Tröstliches, dass es Dich noch gibt. Schon alleine, weil Du der Beweis bist, dass sich Qualität durchsetzt. Weil Du die Leichtigkeit des Seins verkörperst. Und weil das Original im Zweifelsfall immer besser ist als irgendwelche Durchlauferhitzer-Komiker.

Zumal Du auch der einzige Mensch auf der Welt bist, der mit 70 noch auf der Bühne hoppeln und jodeln kann, ohne peinlich zu sein. Du kannst Deine Klassiker spielen, ohne dass es nervt. Dein Hänsel und Gretel wird nie langweilig, „Leber an Milz“ nie Staub ansetzen.

Das hat etwas mit Deiner Art zu tun: Bei Deinen ersten Auftritten hast Du zunächst auch Lieder gesungen und Witze erzählt – aber es fehlte was. Als Dir dann immer wieder nervös das Mikrofon aus der Hand fiel und Du Dich dafür unnachahmlich entschuldigt hast, kam die Würze dazu. Bei den Entschuldigungen bog sich das Publikum vor Lachen – der Grundstein für die Otto-Mania war gelegt.

Es sollte eine einmalige Karriere werden: Otto – der Komiker. Otto – die Erfolgsfilme. Allein der erste Otto-Film 1985 wurde von 14 Millionen Menschen im Kino gesehen. Otto – der Zeichner, Schauspieler und Regisseur. Otto – der Synchronsprecher . . . an dieser Stelle muss ich kurz die Tastatur loslassen, um dringend niederzuknien für Deine Sid-Stimme bei „Ice Age“.

Jetzt ist auch Gelegenheit, Deinen Vater Karl hochleben zu lassen: Er war es, der Dir als Kind ein selbst gemachtes Kasperletheater geschenkt hat – und damit eine einzigartige Karriere einläutete. Wenig später erhob sich der ostfriesische Götterbote über ein Land, dem man absprach, auch nur ansatzweise etwas mit Humor am Hut zu haben. Du warst einer der wenigen Gegenbeweise. Absolut humorprägend. Und ein bisschen auch für Geografie zuständig: Durch Dich habe ich gelernt, dass das Friesenland ganz da oben vielleicht doch nicht so verkehrt ist.

Und noch etwas ist wohltuend: Du konzentrierst Dich auf Deine Arbeit, fällst nicht von Talkshow zu Talkshow und lebst in Florida, Deinem Zweitwohnsitz, ein unaufgeregtes und vor allem unerkanntes Leben. Das würde man so manchem Zeitgenossen wünschen, der so gar kein Privatleben mehr hat und sich darüber definiert, wie oft er aus den Medien oder den Sozialen Netzwerken herausguckt. Wären alle im Leben so unaufgeregt wie Du Otto – die Welt wäre ein entspannter und definitiv schönerer Ort.

Man muss sich das mal vorstellen: Seit 53 Jahren stehst Du auf der Bühne und bringst Menschen zum Lachen. Einige nennen das verächtlich blödeln. Aber das sind die Humorbefreiten, die nichts davon wissen, dass Zumlachenbringen eine der unterschätztesten Aufgaben ist. Du beherrschst sie und zeigst uns, dass Komiker zudem alterslos sein können. Ich habe mir für diesen Brief übrigens mal kurz ausgemalt, wo der Humor ohne Otto wäre – es war ganz grausam und ich habe den Gedanken sofort wieder weggewischt.

Um doch mal offiziell zu werden: Wenn Du, lieber Otto Gerhard Waalkes, jetzt denkst, das war es hier – von wegen. Denn, um Dich noch einmal zu zitieren: einen hab' ich noch! Bitteschön: Leber an Großhirn: Wo bleibt der Alkohol? Genau die richtige Schlussfrage: Wir werden – Leber mal kurz weghören – am 22. Juli auf Deinen 70. das Glas erheben. Darauf – Großhirn an alle – ein dreifaches Holladihi!

Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

Jede Woche lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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