Würzburg

Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!

Martin Lohse, Pharmakologe und Vize-Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Foto: Wolfgang Kumm, dpa

Sehr geehrter Herr Professor Lohse,

es sind die kleinen Wörter, die auffallen und die Ihr Papier so bemerkenswert machen. Allein auf der ersten von 20 Seiten: Sofort. Entschlossen. Zügig. Schnell. Jetzt. Konsequent, unmittelbar. Und noch mal sofort, noch mal zügig. Ein zweites Mal: schnell.

In dieser Woche haben Sie mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften eine Ad-hoc-Stellungnahme zur deutschen Klimapolitik vorgelegt. Ad hoc deshalb, weil die Leopoldina im Juni erst Wissenschaftler zusammenrief mit dem Auftrag, die deutsche Klimapolitik und die Maßnahmen der Regierung zu bewerten. Das Ergebnis: ziemlich unmissverständlich. Deutschlands klügsten Köpfe haben sich auf die Seite der Protestjugend geschlagen. Und mit erstaunlicher Schärfe zeigen Sie den politisch Verantwortlichen die Versäumnisse auf.

Es ist schon die zweite deutliche Stellungnahme der ehrwürdigen Nationalakademie zur laufenden Klimawandel-Klimaschutz-Klimakrisen-Debatte in kurzer Zeit. "Saubere Luft" hieß im April  das erste Gutachten zu Stickstoffdioxiden und Fahrverboten, das unter Ihrer Leitung entstand. Angela Merkel persönlich hatte die Leopoldina damit beauftragt im wüsten Diesel-Streit. 

  • Die Stellungnahme der Leopoldina zum Klimaschutz

Apropos, haben Sie eigentlich inzwischen eine Antwort aus dem Kanzleramt bekommen? Jetzt jedenfalls gibt es ein zweites Mahnschreiben, weil sich die Leopoldina "verstärkt übergreifenden wissenschaftlichen Fragen der Gestaltung nachhaltiger Entwicklung von Klima-, Umwelt- und Naturschutz widmen will". So schreibt es Präsident Professor Jörg Hacker, wie Sie lange Jahre an der Uni Würzburg tätig, leicht sperrig im Vorwort der Stellungnahme.

Es bedeutet, hoffentlich, so viel wie: Sie, die Forscher und wirklichen Fachleute, lassen gesellschaftliche Debatten nicht einfach laufen und verweisen darauf, wie komplex Sachverhalte sind, wie vielfältig die Zusammenhänge, wie geboten die Vorsicht beim Schlussfolgern und Interpretieren. Es bedeutet, wünschenswerterweise: Sie schalten sich ein. Und werden immer so deutlich wie jetzt.

Jetzt. Heute. Nicht morgen, nächstes Jahr oder irgendwann. Das ist die zentrale Botschaft der Leopoldina-Stellungnahme zu den "Klimazielen 2030": Deutschland muss – sofort! - alle nationalen und internationalen Vereinbarungen einhalten. Und muss – jetzt! – Maßnahmen umsetzen, die - schnell! – wirken. Und, so fordern Sie, diese Sofortmaßnahmen müssen ethisch begründet und sozial verträglich sein. Und sie müssen Innovationen fördern. Damit sagen die obersten deutschen Wissenschaftler dasselbe wie die obersten Ökonomen, die Wirtschaftsweisen: Klimasteuer wird vielleicht teuer. Nichts zu tun aber wird noch sehr, sehr viel teurer.

Sie selbst sind Mediziner, Meeresbiologin Antje Boetius leitete die Arbeitsgruppe, Ingenieure, Materialwissenschaftler, Klimaforscher, Historiker, Psychologen und Gesellschaftsforscher wirkten mit. Das ist deshalb wichtig, weil es bei der "Klimafrage" immer auch um einen "Generationenkonflikt", um Lebensbedingungen, um Ängste geht. Sie fordern: Es muss Schluss sein mit den derzeitigen Ungerechtigkeiten für die Bürger. Weg zum Beispiel mit der Stromsteuer, die Leute mit kleinem Einkommen belastet, den energiefressenden Industrien aber lauter Ausnahmen erlaubt. Sie fordern einen "einheitlichen und sektorenübergreifenden Preis für Treibhausemissionen". Also einen CO2-Preis, der von Stromerzeugung über Wärme und Industrie bis zum Verkehr alle betrifft. Und bei dem die mit dem größten ökologischen Fußabdruck am meisten zahlen. Sie fordern einen sozialen Ausgleich. Und vor allem: dass die Einnahmen wieder in den Klimaschutz gesteckt werden.

Sehr geehrter Herr Professor Lohse, wie groß ist Ihre Sorge, dass das Papier in den verantwortlichen Ministerien vielleicht zur Kenntnis genommen wird, dann aber rasch in den Schubladen verschwindet? Rechnen Sie damit, gehört zu werden?

Ihr Papier ist ein Zeugnis des Scheiterns. So etwas legt man gerne ganz unten in die Ablage. Aber die Stellungnahme sollte – so heftig die Kritik auch ist – ja auch ermutigen, oder? Zumindest schreiben Sie das so. Dass alle gewinnen können, wenn man Klimapolitik endlich konsequent betreibt. Dass die Politik heute eine "einmalige Chance" hat – weil es in der Bevölkerung so viel Unterstützung gibt für einen Wandel. Wenn zum Beispiel der öffentliche Verkehr endlich so viel taugt, dass es keine Zumutung ist, das Auto stehen zu lassen.

Schneller Kohleausstieg? Technisch möglich. Modernes Stromnetz? Dringend nötig. Nahverkehr, Fernverkehr und Gütertransport? Erheblich ausbaubedürftig und verbesserungswürdig. Elektrifizierung des Verkehrs überhaupt? Massiv empfohlen. Sehr geehrter Herr Professor Lohse, Sie haben den Verantwortlichen ohne Zurückhaltung da eine unzweideutige Auftragsliste vorgelegt. Schön, wenn Wissenschaftler auch mal Klartext schreiben.

Mit besten Grüßen,

Alice Natter, Redakteurin 

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