Würzburg

Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!

Martina Voss-Tecklenburg ist seit November 2018 Trainerin der deutschen Frauenfußball-Natiomalmannschaft. Foto: Philippe Huguen, AFP

Sehr geehrte Frau Voss-Tecklenburg, ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll. Ich möchte nicht als Spielverderber dastehen und die Erfolge links liegen lassen, die Sie als Trainerin mit der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft gerade in Frankreich erleben. Vielleicht ist das vor einem so bedeutenden WM-Spiel – dem Viertelfinale an diesem Samstag gegen Schweden – auch einfach nur der falsche Zeitpunkt, um sich auf Nebenschauplätze zu verirren und eine Diskussion über Defizite anzuzetteln. Andererseits ist dieser Moment aber auch günstig wie nie, weil jetzt so viele über Frauenfußball reden. Wer weiß, wie das in zwei Wochen ist.

Der Frauenfußball sollte die Zukunft sein

Sie wissen noch, als der Weltfußball-Verband die Frauen-WM 2011 nach Deutschland vergab? Da erhob sich dessen Präsident Blatter zum Orakel mit der Weissagung, die Zukunft des Fußballs sei weiblich. Das war in etwa so übertrieben wie die im Siegesrausch des WM-Gewinns von 1990 getroffene Aussage Franz Beckenbauers, die deutschen Männer seien auf Jahre hinaus unschlagbar. Die Geschichte belehrte beide Herren eines Besseren. Sie wissen genauso gut wie ich, dass der Frauenfußball immer dann in den Sucher der Öffentlichkeit gerät, wenn gerade WM ist – also genau alle vier Jahre. Dazwischen ist meist totale Leere.

Fragen Sie einen eingefleischten Fußball-Fan doch nur mal, mit wie vielen Klubs die Frauen-Bundesliga spielt. Ich wette, die meisten werden den Publikumsjoker brauchen – jene im Schnitt 800 Zuschauer pro Partie –, um auf die richtige Zahl 12 zu kommen. Der Frauenfußball benötigt weiterhin Entwicklungshilfe, aber ich habe den Eindruck, die bekommt er nicht einmal alle vier Jahre zu seinem großen Happening. Sie haben es in kurzer Zeit geschafft, das deutsche Team aus seinem Tief zu befreien, in das es unter Ihrer Vorgängerin Steffi Jones geraten war. Ihre Spielerinnen haben die Freude am Fußball zurückgewonnen und schlagen sich wacker. Aber wenn abgepfiffen ist, stellen Journalisten doch wieder Fragen wie: Tut nach so vielen Kopfbällen nicht der Kopf weh? Oder: Wer sucht im Mannschaftsbus eigentlich die Musik aus? Eine Zeitung zeigte exklusiv den Inhalt der Reisekoffer Ihrer Spielerinnen. Und natürlich durfte bei all den Klischees der Klassiker nicht fehlen: eine Bilderstrecke mit der Schlagzeile "So sexy sind Deutschlands Fußballfrauen." Ärgern Sie sich noch über so etwas? Oder ignorieren Sie es nur?

Auf dem Platz gilt Martina Voss-Tecklenburg als leidenschaftliche Arbeiterin. Bei der WM in Frankreich hat sie Deutschla... Foto: Sebastian Gollnow, DPA

Hinter derlei Beiträgen steckt ja eine klare Botschaft: Hier geht es nicht um Sport, sondern um Unterhaltung. Und als Maßstab dient der Mann. Reicht die Qualität im Frauenfußball tatsächlich nicht, wie dieser Tage ein Kollege aus Augsburg schrieb, um einerseits die Massen zu begeistern und andererseits ein System zu erkennen, nach dem sich das Spiel beurteilen ließe? Sie werden das empört von sich weisen – und auch ich halte diesen ewigen Vergleich zwischen Männlein und Weiblein im Fußball für ermüdend. Allerdings, das muss Ihnen klar sein, haben sich Ihre Spielerinnen keinen Gefallen getan mit ihrem viel beachteten Werbespot vor der WM. "Wir brauchen keine Eier, wir haben einen Pferdeschwanz", das war als Replik an alle Spießer im Land gedacht; als der Versuch, sich besonders emanzipatorisch zu geben. Dabei geht es in diesen 90 Sekunden wieder um nichts anderes als die unverstellte männliche Sicht auf den Frauenfußball.

Tennis und Ski alpin haben gezeigt, wie es geht

Liebe Frau Bundestrainerin, ich habe die Hoffnung, dass mit Ihnen nicht nur neue sportliche Qualität in den deutschen Frauenfußball einziehen wird. Wir sind zweifacher Welt- und achtfacher Europameister. So sehr, wie Sie für Ihre Mission brennen, würde ich mir wünschen, dass Sie auch ideell Entwicklungshilfe leisten und Ihrem Sport zu der Anerkennung verhelfen, den er verdient. Dafür ist es nötig, dass sich der Frauenfußball das Selbstverständnis einer eigenständigen Sportart gibt. Vielleicht ist es manchem schon mal aufgefallen: Das Spiel bei den Frauen ist harmonischer, nicht aufgehalten durch ständiges Provozieren, Schauspielern oder existenziell anmutende Rangeleien um einen banalen Einwurf.

Es bringt dabei gar nichts, eine wohlfeile Gehaltsdiskussion zu führen, bei der man nach den WM-Prämien der Männer schielt. Die Gagen bei einem Turnier müssen sich an den Einnahmen orientieren – ich glaube, das sehen Sie ähnlich. Für den EM-Titel 1989 mit Deutschland bekamen Sie vom Verband ein Kaffeeservice. Sie benutzen es immer noch, haben Sie in einem Interview gesagt.

Einer bekommt Post: der Samstagsbrief
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse.
Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  2. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  3. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  4. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  5. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  6. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  7. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  8. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!
  9. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
  10. Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!
  11. Antwort auf Samstagsbrief: Verständnis füreinander ist wichtig!
  12. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  13. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  14. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  15. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  16. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  17. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  18. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  19. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  20. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  21. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  22. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  23. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  24. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
  25. Klima-Debatte: Warum sich die Wissenschaftler festlegen
  26. Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!
  27. Samstagsbrief: Sie verdienen selbst den Preis, Herr Schmelter
  28. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
  29. Sind Sie Chef einer Poker-Zentrale, Herr Juncker?
  30. Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!
  31. Antwort auf den Samstagsbrief: Mehr als nur Mathe-Abi
  32. Samstagsbrief: Herr Reichhart, lernen Sie von den Tirolern!
  33. Samstagsbrief: Herr Lafontaine, ist bei Ihnen jetzt Ehekrach?
  34. Samstagsbrief: Respekt, Frau Kaniber, für Ihre Charmeoffensive!
  35. Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse
  36. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller
  37. Samstagsbrief: Frau Brunschweiger, Kinder sind keine Umweltsünde
  38. Samstagsbrief: Hat Ihnen Kevin Kühnert den Wahlkampf versaut, Herr Schulz?
  39. Samstagsbrief: Sind 30 Meter zu viel für die Gerechtigkeit, Herr Siebert?
  40. Samstagsbrief: Eure Heiligkeit, diese Haltung zu Kindesmissbrauch verstört!
  41. Herr Cryan, warum sind Abfindungen wie bei Ihnen so hoch?
  42. Samstagsbrief: Was macht Misstrauen mit uns, Herr Rörig?
  43. Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!
  44. Linke Nähe zur AfD? Klaus Ernst antwortet auf Samstagsbrief
  45. Samstagsbrief: Sie haben meinen Respekt, Greta Thunberg!
  46. Samstagsbrief: Wie nah sind sich "ganz links" und "weit rechts", Herr Ernst?
  47. Samstagsbrief: Wie trefflich locker ist Ihre Zunge wirklich, Herr Aiwanger?
  48. Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!
  49. Volksbegehren: Frau Becker, bleiben Sie hart!
  50. Samstagsbrief: Herr Minister Heil, greifen Sie bei der Grundrente einem Nackten in die Tasche?

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