Himmelstadt

Samstagsbrief: Frau Schotte, Sie lassen uns ans Christkind glauben

Bis zur allerletzten Minute an Heiligabend beantwortet das Weihnachtspostamt in Himmelstadt Briefe ans Christkind. Zeit, dass auch mal die Chefin selbst einen Brief bekommt.
Herz für Kinder und Engelchen: Seit über 25 Jahren leitete Rosemarie Schotte das einzige bayerische Weihnachtspostamt. Foto: Patty Varasano

Liebe Frau Schotte,

ist das jetzt der 356. oder der 781. oder der 2999. Brief, den Sie seit dem ersten Advent selbst in Händen halten? Bis Freitagabend haben Sie und Ihre vielen Helfer vom Weihnachtspostamt in Himmelstadt insgesamt wieder weit über 50 000 Briefe ans Christkind geöffnet, gelesen – und beantwortet mit einem netten Brief zurück.

Aber, liebe Frau Schotte, auch wenn es selbst für Sie inzwischen genug ist und Sie nicht noch einen dreitausendsten, viertausendsten, fünftausendsten Umschlag öffnen, den Bogen auseinanderfalten und die Handschrift entziffern wollen . . . dieser Brief hier geht nicht ans Christkind. Der geht an Sie.

Bürgermeister Herbert Hemmelmann hat bestimmt nichts dagegen, wenn wir sagen: Der wichtigste Mensch in der 1600-Einwohner-Gemeinde in Main-Spessart sind Sie. Zumindest im Dezember, bis Weihnachten, wenn sich in der Weihnachtspostfiliale die Postkisten türmen.

Der Bürgermeister sitzt links im Rathaus, Sie rechts

Es wird schon seinen Sinn haben, dass das einzige bayerische Weihnachtspostamt im Rathaus ist. Er sitze links im Rathaus, sagt Bürgermeister Hemmelmann, Sie rechts. Jeden Tag, ab früh um neun. Und wenn er abends die Türe abschließe und die Verwaltungsgeschäfte für den Tag beende, brenne bei Ihnen in der Sortier- und Schreibstube noch lange, sehr lange Licht.

Liebe Frau Schotte, im nächsten Jahr am Nikolaustag werden Sie 80, wie machen Sie das? Wer nach dem Warum fragt, bekommt eine ganz knappe, schnelle Antwort. Weil jetzt kurz vor Heiligabend für so was Grundsätzliches, für Sie Selbstverständliches überhaupt keine Zeit ist. Und weil Sie statt solche nebensächliche Fragen zu beantworten lieber noch einen nächsten und übernächsten Brief lesen und sich einfühlsame Antworten überlegen.

Sie sind nämlich zuständig für die schwierigen Fälle. Für jene Briefe, in denen sich ein Kind nicht klassisch Lego und Playmobil, bodenständig ein Schnitzmesser, Holzobst für den Kaufladen oder eine Popcornmaschine wünscht – „aber mit Mais, sonst nutzt sie ja nichts“. Sie kümmern sich um jene große Zahl an Briefen, in denen sich der junge Absender Sachen wünscht, die man nicht kaufen kann – Zeit mit dem Papa und dass die Oma gesund wird. Oder, „dass der Plastikmüll aus dem Meer verschwindet“.

Tröstliches in der materialisierten Welt

Bis spätabends sitzen Sie an den emotionalen, an den „Problembriefen“. Die manchmal ganz wellig sind und voller zerlaufener Tinte, weil der junge Absender, der noch ans Christkind glaubt, geschluchzt haben muss beim Malen und Schreiben. Es hat etwas Tröstliches in unserer schnelllebigen, digitalisierten, materialisierten Welt, in der Kinder sonst nur noch übers Smartphone kommunizieren, dass sie ihre Sorgen, Ängste, Herzenswünsche noch immer an die Adresse Kirchplatz 3 in 97267 Himmelstadt schicken können. Und dass sie dann Antwort bekommen. Nicht standardisiert.

Sie, Frau Schotte, versuchen jedem Kind, das selbst schwer krank ist, einen schlimmen Schicksalsschlag verkraften muss und sich in seiner Not noch ans Christkind wendet, gerecht zu werden und in einer persönlichen Nachricht die richtigen Worte zu finden. Und die Weihnachtsgrüße, die ein Junge oder Mädchen an die gestorbene Mama oder den kleinen Bruder im Himmel schickt, leiten Sie auch weiter.

Mit Achtung und Verwunderung

Der Himmelstadter Bürgermeister sagt, die Weihnachtspostfiliale sei Ihre Erfüllung. Ihr Leben seit mehr als 25 Jahren und mit ihrem Mann zusammen, der im Advent Tag für Tag Postkisten schleppt und an der Stempelmaschine steht. Sie tun das seit langem schon – der Rathauschef formuliert es mit Achtung und Verwunderung gleichermaßen – quasi „halbprofessionell“.

Gute drei Dutzend sehr fleißige ehrenamtliche Helfer hat das Christkind in seiner Himmelstadter Postfiliale. Die einen sortieren, die anderen schreiben zu Hause stundenlang Antwortbriefe, die dritten kuvertieren . . . es flutscht. 7000 Briefe gehen an einem Tag raus. Bis zu 80 000 Wünsche ans Christkind haben Sie mit ihrem Team in Rekordjahren schon beantwortet. „Wenn alle Betriebe so gut durchorganisiert wären . . .“, sagt Bürgermeister Hemmelmann.

Ein Fulltime-Job und Arbeit das ganze Jahr 

Ein Fulltime-Job für Sie als Leiterin. Wie machen Sie das nur? Sie sind ja das ganze Jahr über die „rechte Hand des Christkinds“, und wenn nächste Woche die Weihnachtspostfiliale wieder für elf Monate im Rathaus das Büro schließt, beantworten sie ja trotzdem alle Schreiben, die im Postkasten landen. „Ja ich weiß, ich bin früh dran, aber sicher ist sicher“, steht schon im Januar in den ersten Briefen.

Ihre Antwort, warum Sie das machen und wie sie das schaffen, heißt schlicht: weil Sie Kinder über alles lieben und Weihnachten auch. Und weil Sie die Not nicht kalt lässt. Liebe Frau Schotte, auch wenn man fürs Christkind schon zu alt ist – dank Ihnen kann man ans Gute glauben.

Herzlichst frohe Weihnachten,

Alice Natter, Redakteurin

Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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