Schweinfurt

Samstagsbrief: Hat es sich bald ausgeböllert, Herr Gotzen?

Für eine Mehrheit der Deutschen gehört Feuerwerk zur Silvester-Tradition. Dennoch mehren sich Rufe nach einem Böllerverbot. Ein PR-Gau für den Verband der pyrotechnischen Industrie?
Der Geschäftsführer vom Verband der pyrotechnischen Industrie: Klaus Gotzen Foto: Daniel Karmann, dpa

Sehr geehrter Herr Gotzen,

kennen Sie Ulrike Schneider? Vermutlich nicht. Die Dame ist Stadträtin in Schweinfurt und hat vor einigen Wochen per Eilantrag ein Feuerwerksverbot an Silvester für die Stadt gefordert. Die Entscheidung darüber wurde zwar inzwischen vertagt. Aufs neue Jahr, also nach dem Silvesterfeuerwerk, das nun auch in der Nacht zum 1. Januar 2020 stattfinden darf. Sie, Herr Gotzen, dürfte ein solches Ansinnen dennoch vor Wut wie eine Rakete in die Luft gehen lassen.

Kurz vor Weihnachten erreichte die Redaktion eine dicke Pressemappe vom Verband der pyrotechnischen Industrie, deren Geschäftsführer Sie sind. Neben Infomaterial und mehreren Positionspapieren lag der Mappe ein Anschreiben bei, in dem Sie erklären, worum es Ihnen geht: Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Die Feuerwerksbranche, schreiben Sie, habe "sich in diesem Jahr einer Debatte ausgesetzt" gesehen, "in der falsche Darstellungen, die Vermischungen relevanter Sachverhalte und unseriöse Zahlen eine wesentliche Bedeutung gespielt haben". Sie nehmen dabei vor allem die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und das Umweltbundesamt ins Visier und kritisieren exemplarisch die Feinstaubdebatte rund ums Feuerwerk: Feinstaub, schreiben Sie, sei anders als CO2 "nicht klimarelevant", wie es "manch Politiker verkaufen möchte".

An dieser Stelle sei festgehalten, dass das weder die DUH noch das Bundesumweltamt behaupten. Beiden Stellen geht es in der Feinstaubdebatte um etwas anderes, nämlich um die Tatsache, dass Feinstaub gesundheitsschädlich ist. Sie halten dagegen, dass Feinstaub aus Feuerwerkskörpern "wesentlich unbedenklicher" sei als der Feinstaub aus Verbrennungsmotoren. Und überhaupt zweifeln Sie die hohen Feinstaubwerte an Silvester an, auf die sich DUH und Bundesumweltamt berufen.

Ich bin ja der Meinung, dass man gerade bei der DUH besser zwei- als einmal hinschaut, mit welchen Zahlen der Verein arbeitet und an welchen Grenzwerten er sich orientiert. Das hat die Diskussion um Dieselfahrverbote gezeigt, wo zumindest fraglich war, ob die Messstationen, die die Feinstaubwerte ermitteln, richtig installiert werden.

Und damals wie heute ist die Debatte ja ein bisschen heuchlerisch. Niemand will Klimasünder sein, dennoch fahren immer mehr Deutsche SUVs und urlauben auf Kreuzfahrtschiffen. Niemand will Feinstaub atmen, aber laut einer aktuellen Umfrage sagt eine große Mehrheit der Deutschen, Feuerwerke seien schön anzusehen und gehörten zum Jahreswechsel dazu. Trotzdem dürfte Sie die aktuelle Diskussion beunruhigen: 70 Prozent der Deutschen zündet nämlich selbst kein Feuerwerk, ebenso viele finden die Raketen und Böller zu teuer und nun werfen die ersten Händler die Pyrotechnik sogar aus ihrem Sortiment. Die Umweltdiskussion rund ums Feuerwerk scheint Ihnen mehr zu schaden, als die Aktion "Brot statt Böller", die schon seit knapp 40 Jahren läuft.

Klar, dass Sie da – trotz guter Umsätze in den vergangenen Jahren – reagieren müssen. Sie sind Lobbyist einer Branche, die aktuell kaum mehr eine Lobby hat. Da muss ein PR-Feuerwerk gezündet und Kritik widerlegt werden. Ihre nun gestartete "Aufklärungskampagne" mit dem Titel "Lass es krachen" klingt aber eher wie eine Gegenbewegung zu "Brot statt Böller". Und auch sonst scheinen Ihre Bemühungen nicht so recht zu zünden, weil vieles im PR-Sprech einfach schöngeredet wird.

Sie berufen sich auf die Tradition, dass mit Feuerwerk "böse Geister vertreiben" werden und beteuern, man forsche an leiseren und umweltfreundlicheren Feuerwerkskörpern. Aber was ist mit dem Müll, der auch dieses Neujahr wieder auf den Straßen bleibt? Soll jeder selbst entsorgen, im Zweifel übernehmen die Kommunen "diese Last", schreiben Sie. Und die Verletzungen, die Feuerwerk verursacht? Daran seien vor allem illegale Raketen aus dem Ausland schuld. Die Tiere, die unter dem Geböller leiden? Sie plädieren dafür, dass Feuerwerkskörper nicht in Vogelschutzgebieten gezündet werden und Tierhalter könnten ja "Maßnahmen treffen, damit auch ihre Vierbeiner gut ins neue Jahr starten".

Mal ehrlich: Was wäre denn so schlimm daran, wenn man nicht mehr selbst böllern dürfte und stattdessen zentrale Feuerwerke organisiert würden? Das wäre doch immer noch besser als das, was Stadträtin Schneider in Schweinfurt plant: Sie ruft dazu auf, an Silvester um Mitternacht mit einer Kerze auf den Marktplatz zu kommen und in "stillem Protest" das neue Jahr zu begrüßen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch

Benjamin Stahl, Redakteur

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