Würzburg

Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!

Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!
Richard Grenell ist seit Mai 2018 US-Botschafter in Deutschland. Foto: dpa

Sehr geehrter Herr Botschafter Grenell,

oder sollte ich besser sagen: Exzellenz? Ich habe gelesen, das sei die konservativere Anrede für Beschäftigte Ihres Ranges. Und Sie sind doch – nach allem, was man so hört – ein Konservativer. Voriges Jahr sagten Sie in einem Interview, Sie wollten „anderen Konservativen in Europa, anderen Führern, zu mehr Macht verhelfen“. Das war nur wenige Wochen nach Ihrem Antritt als US-Botschafter, aber keineswegs die erste Provokation im neuen Amt. Die hatten Sie sich geleistet, als Sie deutschen Firmen mit Sanktionen drohten, sollten diese weiterhin Geschäfte mit dem Iran machen. Und jetzt sind Sie schon wieder aus der Rolle gefallen mit Ihrer Attacke gegen die Haushaltspläne der deutschen Regierung und der Klage, sie investiere zu wenig in die Verteidigung.

Der Aufschrei in Berlin war groß. Aber warum eigentlich? Warum sollten Sie anders klingen als der Präsident der USA, dessen Vertreter Sie doch sind? Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, der selbst gerne mal zündelt, sieht in Ihnen den „Hochkommissar einer Besatzungsmacht“ und würde Sie lieber heute als morgen ausweisen. Allein das zeigt, auf welchem Level die deutsch-amerikanischen Beziehungen mittlerweile sind. Für den SPD-Politiker Carsten Schneider sind Sie ein „diplomatischer Totalausfall“. Das ist harter Tobak in einem Geschäft, in dem es einmal auf Nuancen in der Wortwahl ankam. Dass diese Zwischentöne längst verhallt und einem dumpfen Poltern gewichen sind, hat auch mit Ihrem Präsidenten zu tun – er hat sich von Beginn an gegen die Diplomatie entschieden und reitet lieber auf einem Elefanten durch den Porzellanladen.

Haben Sie sich, Herr Grenell, jemals die Frage gestellt, wie Donald Trump reagierte, würde alle paar Wochen das Scherbengericht des deutschen Botschafters in Washington über ihn tagen? Als einstiger Fernsehkommentator sind Sie nicht so naiv, um nicht zu wissen, wie solche Interventionen wirken. Sie sind kein Botschafter im klassischen Sinn, Sie sind eine Botschaft Ihres Präsidenten. Ein Gesandter des ideologischen Trump-Systems, ein Brückenkopf auf der anderen Seite des Atlantiks – ausgestattet mit dem Auftrag, die hiesige Politik zu infizieren, und zwar nach dem Muster hiesiger Rechtspopulisten: Mal schauen, wie weit ich gehen kann, wie weit ich die demokratischen Normen in meinem Sinn verschieben kann.

Sie setzen sich über die ungeschriebene politische Regel hinweg, dass Diplomaten nicht aktiv in die Politik eingreifen sollten. Es genügt Ihnen nicht, als Botschafter die sowieso arg angeschlagenen deutsch-amerikanischen Beziehungen zu gestalten. „Diplomat zu sein bedeutet für mich, Klartext zu sprechen – gerade gegenüber Freunden“, sagten Sie einmal. Aber wenn Sie Freundschaft sagen, meinen Sie Gehorsam und Gefolgschaft. Sie wollen lieber gleich Deutschland und Europa gestalten und gerieren sich dabei wie ein antieuropäischer Cheerleader, indem Sie ankündigen, „Konservative“ zu unterstützen, die sich gegen die Eliten auflehnen. Vermutlich sind Sie der einzige Botschafter der Welt, der sich nicht zur Elite zählt.

Dass Sie Deutschland wahlweise drohen oder zu erpressen versuchen, übersteigt Ihre Kompetenzen. Ob sich deutsche Firmen am Bau der Ostsee-Pipeline beteiligen und sich das Land damit abhängig macht von russischem Erdgas, ob Berlin beim Ausbau des neuen Digitalnetzes chinesischer Technologie vertraut, obliegt allein der deutschen Regierung, nicht der in Washington, und noch weniger deren Botschafter. Und noch etwas, Herr Grenell: Sie sollten deutschen Unternehmen nicht Geschäfte mit dem Iran verbieten, solange es US-Konzerne gibt, die mit einem Regime wie Saudi-Arabien um Waffen dealt, einem Staat also, der systematisch Menschenrechte unterdrückt.

Es geht nicht so sehr darum, ob die Forderung berechtigt ist, dass Deutschland seine Rüstungsausgaben bis 2024 auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukt erhöhen soll. Darüber kann und muss man reden. Verstörender ist, dass Ihr Präsident die Europäer wie Untergebene herumkommandiert, sie unter Druck setzt und im geopolitischen Machtkampf mit Russland und China zu instrumentalisieren versucht. Herr Trump macht es uns Europäern zunehmend schwer, ihn und sein Handeln zu verstehen. Es genügt ihm offenbar nicht, mit seinen Ressentiments die eigene Nation gespalten zu haben – einem Staat, dessen Landschaften so weit sind, wie es die Herzen der Menschen einst waren. Wenn Sie wie sein Agent nun daran mitwirken, Europa in einzelne Lager zu dividieren, sollte Deutschland Sie nach Hause schicken.

Mit besten Grüßen nach Berlin

Eike Lenz

Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  2. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  3. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  4. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  5. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  6. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  7. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  8. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!
  9. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
  10. Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!
  11. Antwort auf Samstagsbrief: Verständnis füreinander ist wichtig!
  12. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  13. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  14. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  15. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  16. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  17. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  18. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  19. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  20. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  21. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  22. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  23. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  24. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
  25. Klima-Debatte: Warum sich die Wissenschaftler festlegen
  26. Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!
  27. Samstagsbrief: Sie verdienen selbst den Preis, Herr Schmelter
  28. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
  29. Sind Sie Chef einer Poker-Zentrale, Herr Juncker?
  30. Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!
  31. Antwort auf den Samstagsbrief: Mehr als nur Mathe-Abi
  32. Samstagsbrief: Herr Reichhart, lernen Sie von den Tirolern!
  33. Samstagsbrief: Herr Lafontaine, ist bei Ihnen jetzt Ehekrach?
  34. Samstagsbrief: Respekt, Frau Kaniber, für Ihre Charmeoffensive!
  35. Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse
  36. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller
  37. Samstagsbrief: Frau Brunschweiger, Kinder sind keine Umweltsünde
  38. Samstagsbrief: Hat Ihnen Kevin Kühnert den Wahlkampf versaut, Herr Schulz?
  39. Samstagsbrief: Sind 30 Meter zu viel für die Gerechtigkeit, Herr Siebert?
  40. Samstagsbrief: Eure Heiligkeit, diese Haltung zu Kindesmissbrauch verstört!
  41. Herr Cryan, warum sind Abfindungen wie bei Ihnen so hoch?
  42. Samstagsbrief: Was macht Misstrauen mit uns, Herr Rörig?
  43. Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!
  44. Linke Nähe zur AfD? Klaus Ernst antwortet auf Samstagsbrief
  45. Samstagsbrief: Sie haben meinen Respekt, Greta Thunberg!
  46. Samstagsbrief: Wie nah sind sich "ganz links" und "weit rechts", Herr Ernst?
  47. Samstagsbrief: Wie trefflich locker ist Ihre Zunge wirklich, Herr Aiwanger?
  48. Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!
  49. Volksbegehren: Frau Becker, bleiben Sie hart!
  50. Samstagsbrief: Herr Minister Heil, greifen Sie bei der Grundrente einem Nackten in die Tasche?

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