Veitshöchheim

Samstagsbrief: Herr Dusolt, geben Sie dem Minister einen Verweis

Lehrer sollen eine Unterrichtsstunde pro Woche mehr halten. Damit will der Freistaat dem Personalmangel begegnen. Warum die Pädagogen sich das nicht gefallen lassen sollten.

Sehr geehrter Herr Dusolt,

es ist kein Spaß mit so einer Nachricht ins neue Jahr zu starten, oder? In der vergangenen Woche durften Sie sich als Rektor vermutlich einiges Murren anhören im Veitshöchheimer Lehrerzimmer. Frust, Ärger und ein wenig Ratlosigkeit: So stelle ich mir die Reaktionen aus dem Kollegium der Eichendorffschule auf die angekündigten Maßnahmen des Kultusministeriums vor. Das ist übrigens meine alte Grundschule, in der ich vor 19 Jahren das ABC lernte und beim Völkerball versagte. Und wenn ich mich so zurückerinnere, hatten Ihre Kollegen schon damals keinen leichten Job, Herr Dusolt.

Vergessene Turnbeutel und geklaute Buntstifte, Prügeleien auf dem Schulhof und Heimweh im Schullandheim: Das alles waren damals Gründe für Tränen und Streit bei uns Schülern. Geduldig haben (die meisten) unserer Lehrerinnen uns damals getröstet und geschlichtet. Das allein war sicherlich schon anstrengend genug. Und dann mussten sie uns ja auch noch schriftliches Multiplizieren und Schreibschrift – zugegeben, beides habe ich heute verlernt – beibringen, also den eigentlichen Unterrichtsstoff. 

Spöttische Kommentare: Eine Stunde mehr macht doch keinen Unterschied

Dass viele Lehrer nun sauer sind, kann ich gut verstehen, Herr Dusolt. Ich wäre es auch. Wer erfährt schon gerne, dass er in Zukunft bei gleichem Gehalt mehr arbeiten soll? Die  Lehrer müssen ausbaden, was die bayerische Staatsregierung anders offenbar nicht gelöst bekommt: den Personalmangel an Grundschulen, Mittelschulen und Förderschulen. 

Der Rektor der Grundschule Veitshöchheim, Stefan Dusolt. Foto: Christian Kelle

Um die unbesetzten Stellen zu kompensieren, hat sich Kultusminister Michael Piazolo überlegt, dass Lehrer einfach eine Unterrichtsstunde mehr in der Woche halten sollen, an der Grundschule in Zukunft also 29 Stunden. "Das ist doch gar nicht so viel! Typisch Beamte, die sollen sich nicht so anstellen. Die haben doch Ferien ohne Ende." Über spöttische Kommentare in diesem Stil müssen Sie und ihre Kollegen derzeit vermutlich ausgiebig den Kopf schütteln, Herr Dusolt. Dass Lehrer diesen zusätzlichen Unterricht auch mühsam vor- und nachbereiten müssen, vergessen viele.

Aber wie Sie wissen, Herr Dusolt, will es der Kultusminister auch nicht bei einer Erhöhung der Wochenstunden belassen. Ihre Kollegen sollen später in Rente gehen, dürfen kein "Sabbatjahr" mehr einlegen und die Pflichtstunden für Teilzeitlehrer hat das Ministerium ordentlich aufgestockt. Ich bin mir zwar sicher, dass Sie und Ihre Kollegen, das alles mit Zähneknirschen bewältigen können. Doch ich bin auch der Meinung, dass eine Wertschätzung Ihrer Arbeit anders aussieht.

Ein Zeichen der Wertschätzung sieht anders aus

Herr Dusolt, ich kann nicht glauben, dass dieses Maßnahmenpaket die Lehrer an der Grundschule Veitshöchheim und anderswo motiviert, sich im Schulalltag reinzuhängen und mit Elan zu unterrichten. Mit welcher Energie auch? Die Anforderungen an Lehrer nehmen doch ohnehin ständig zu. Zu meiner Zeit an der Eichendorffschule stand ein alter Computer mit Windows 98 in unserem Klassenzimmer. Immerhin war darauf ein halbwegs lustiges Spiel installiert, doch im Unterricht kam das Gerät nie zum Einsatz.

Damals war das Internet noch nicht allgegenwärtig. Doch mittlerweile haben viele Kinder schon in der dritten Klasse ein Smartphone im Schulranzen. Spätestens jetzt müssen Lehrer auf den technischen Fortschritt pädagogisch reagieren. Verständlicherweise dürfte das gerade einige Ihrer älteren Kollegen überfordern – ich weiß das, ich habe auch ältere Kollegen.

Dazu kommt, dass Eltern zunehmend Druck auf Lehrer ausüben, wenn es um den Übertritt auf eine weiterführende Schule geht. "Dass mein Sohn nur jedes zweite Wort im Diktat mitgeschrieben und es der Anna dann in Form eines Papierfliegers gegen den Kopf geworfen hat, liegt nur daran, dass er hochbegabt ist! Und Sie fördern ihn nicht richtig!" Kommen Ihnen solche Anschuldigungen bekannt vor, Herr Dusolt? 

Wie soll man so Nachwuchs an den Grundschulen gewinnen?

Es ist schon ironisch. Der Freistaat braucht dringend Nachwuchs an seinen Grundschulen, senkt gleichzeitig aber die Attraktivität des Berufs. Die Lehrer sollen mehr arbeiten, bekommen aber weniger Gelegenheit, sich zu erholen. Der Staat verlangt Solidarität von Ihnen, zeigt sich selbst aber unsolidarisch. Und noch immer kriegen Grundschullehrer weniger Gehalt als Gymnasiallehrer – bei mehr Unterrichtsstunden. Fair ist das alles nicht.

Herr Dusolt, ich hoffe, dass Ihnen und Ihren Kollegen nicht gänzlich der Spaß an Ihrer Arbeit vergeht – auch wenn es schwer fällt. Aber Sie wissen auch: Wer sich wie ein Rüpel verhält, kriegt auch mal einen Verweis vom Lehrer. Sollte das nicht auch für das Kultusministerium gelten?

Mit freundlichen Grüßen,

Corbinian Wildmeister, Redaktionsvolontär

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