Würzburg

Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!

Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales, prägte das Wort des Jahres 2019. Foto: Jörg Carstensen, dpa

Sehr geehrter Herr Heil, am Freitag haben wir in der Redaktion eine Kollegin verabschiedet, die 36 Jahre lang für diese Zeitung arbeitete und schrieb. Weil die Kollegin erst viele Jahre lang in Lokalredaktionen tätig war – als „Springerin“, wie wir sagen – und dann an einer ganz zentralen und verantwortungsvollen Stelle saß – als Blattmacherin zuständig für die Franken-Seiten – bekam es wohl jeder Redakteur im Laufe seines Berufslebens mit ihr zu tun. Um nur so viel anzudeuten: Die Kollegin hat eine besondere Art. Und am Freitag, bei ihrem Abschied, da zeigte sich: Sie war, ist und bleibt bei allen hochgeschätzt, wenn nicht gar beliebt! Viele werden sie vermissen. Viele werden sie beneiden, für die Freiheit, die sie in ihrer passiven Altersteilzeit jetzt hat. Und alle gönnen sie ihr, von Herzen. Kurz gesagt: Wir haben die Kollegin voller Achtung und Respekt in Rente gehen lassen.

Aber das ist mit dem Wort „Respektrente“ ja wohl nicht gemeint. Kurz bevor die kleine Feier begann, gab die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das „Wort des Jahres“ bekannt. Hätte man hier unter den Kollegen Wetten abgeschlossen, wäre „Fridays for Future“ bestimmt ganz oben gestanden. Aber den Anglizismus wählten – eben weil ein Anglizismus – die neun Juroren nur auf Platz 3. Das „Rollerchaos“ preschte bei der Kür noch an jenem Ausdruck vorbei, der dieses Jahr so sehr bestimmte. Die Zulassung von mietbaren E-Rollern auf deutschen Straßen mag in mancher Großstadt vielleicht zu Problemen geführt haben. Gravierend? Sicher nein.

Dass die junge Generation auf die Straße geht und Freitag für Freitag zur Schulzeit demonstriert, um auf verfehlte Politik und Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen – es ist ein beherrschendes Thema 2019. Aber für die Sprachwissenschaftler, die seit 1977 regelmäßig Wörter und Wendungen suchen, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich besonders bestimmt haben, war „Fridays for Future“ offenbar nicht bedeutsam genug.

 „Schaulästige“, also Gaffer an der Unfallstelle, „Donut-Effekt“, also mangelnder Wohnraum und Verödung in den Innenstädten und Ballung an den Stadträndern, oder „brexitmüde“ schafften es nur auf die nächsten Plätze. Das Wort, das für die wissenschaftlichen Mitarbeiter der GfdS das zu Ende gehende Jahr in besonderer Weise charakterisiert, wird vielmehr mit Ihnen, Herr Minister, ins Verbindung gebracht.

Sie haben in der Grundrenten-Debatte der Großen Koalition seit Jahresbeginn die Botschaft verbreitet: „Lebensleistung verdient Respekt“. Mit Blick auf die geschätzte, erfahrene Kollegin, die jetzt in Altersteilzeit gegangen ist, können wir in der Redaktion sagen: unbedingt! Aber, Herr Heil, Sie sagten auch: „Nennen Sie es ruhig Respektrente oder Gerechtigkeitsrente“.

Was soll das heißen? Nach langem Streit und erheblichen Turbulenzen hat sich Ihre GroKo gerade auf einen Kompromiss zur Grundrente geeinigt. Das sei ein Ausdruck des Respekts gegenüber Frauen, die für Kindererziehung und Pflege von Angehörigen beruflich zurücksteckten und Teilzeit arbeiteten, erklärten Sie.

„Respektrente“ – das ist erstens ein sprachlich schöner Stabreim. Und zweitens ein „Kampf- und Werbebegriff“. Die Jury hat es Ihnen quasi bescheinigt: Sie haben mit dem verklärenden Begriff ein beliebtes Muster in der derzeitigen Politik genutzt: mit einem schönen und positiv klingenden Wort zu versuchen, wie der Bürger einen trockenen, vielleicht gar nicht so positiven Sachverhalt wie „Grundrente“ zu verstehen hat. „Respektrente“ sei ein „Hochwertwort“, sagt die GfdS-Jury. Man könne kaum dagegen argumentieren. Wer „Respektrente“ sagt, will Respekt ernten. Und Wählerstimmen.

 Nein, Herr Heil, auch wenn Sie sich am Freitag gefreut haben über die Wahl der Gesellschaft für deutsche Sprache. Und meinten, dass es sich lohne, die Vermittlung politischer Ziele „kreativ“ anzugehen. „Respektrente“ ist nicht das Wort des Jahres. Sie haben damit nicht „viele Menschen erreicht“. Das Wort ist nicht populär und es hat sich nicht im Sprachgebrauch eingebürgert. Ob es den „sprachlichen Nerv“ des Jahres trifft und gar ein „Beitrag zur Zeitgeschichte“ ist, wie die Sprachwissenschaftler behaupten?

„Respektrente“ ist nur ein gutes Beispiel für die gängig gewordene politische Praxis: Ein Gesetzesvorhaben bekommt ein positives Etikett aufgeklebt. Ein nüchterner Terminus bekommt eine semantische Aufwertung verpasst. Gute-Kita-Gesetz, Starke-Familien-Gesetz, Demokratie-Abgabe.

Was haben Sie erreicht? Dass Menschen, die 35 Jahre lang gearbeitet und in die Sozialkasse eingezahlt haben, ohne Bedürftigkeitsprüfung doch etwas mehr als nur Grundsicherung bekommen. Deshalb, sehr geehrter Herr Heil, ist „Respektrente“ ein Unwort des Jahres. Verklären Sie nicht, sagen Sie „Grundrente“. Das reicht.

Mit besten Grüßen,

Alice Natter, Redakteurin

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