Bad Kissingen

Samstagsbrief: Herr Ludewig, regen Sie sich über die Bonpflicht auf!

Seit diesem Jahr gilt in Deutschland die Kassenbon-Pflicht. Darüber sollte sich der unterfränkische Vorsitzende des Handelsverbandes viel mehr aufregen, meint unser Autor.
Der Bad Kissinger Modehaus-Inhaber Ralf Ludewig ist unterfränkischer Bezirksvorsitzender im Handelsverband Bayern. Foto: Sigismund von Dobschütz

Sehr geehrter Herr Ludewig,
was für ein Rummel um die neue Kassenbon-Pflicht in Deutschland. Seit Jahresbeginn müssen Verkäufer dem Kunden immer einen ausgedruckten Bon in die Hand drücken. Schummeleien sollen so vermieden oder besser vom Fiskus erkannt werden.

Das ist die blödeste Form von Bürokratie. Verzeihen Sie mir die drastische Wortwahl, aber ich kann nicht anders. So verdirbt man den Spaß am Unternehmertum, so kippt man Galle in die Suppe des Einzelhandels. Schon klar, Herr Ludewig: Sie können gar nichts für die vom Gesetzgeber aufgedrückte Kassenbonpflicht. Aber Sie könnten Ihre Stimme dagegen erheben.

Bislang ist es in Mainfranken (zu) ruhig geblieben

Von ein paar explizit gefragten Händlern einmal abgesehen, hat in Mainfranken bislang kaum jemand in der Öffentlichkeit Wind gemacht. Ihr Handelsverband bezog zwar schon vor Wochen Position gegen die Bonpflicht  - aber auf jene trockene Weise, die typisch ist für solche an die Politik gerichteten Statements. Sagen Sie doch auch mal etwas zu dem Unsinn, Herr Ludewig. Seien Sie pfiffiger in der Reaktion als Ihr Bundesverband.

Sie und die Händler in Ihrem Verband sollten viel lauter sein, sollten mehr übers Thema diskutieren. Wobei wahrscheinlich die Befürworter der Bonpflicht so rar sind, dass diese Debatten schnell zu Ende wären. Behaupte ich einfach mal. Sie sollten dem Fiskus paket- oder eimerweise die erhaltenen Kassenzettel vor die Tür kippen. Herr Ludewig, Sie merken: Ich könnte mich aufregen. Nein, ich rege mich auf. Sie sollten es auch tun.

Bon für Brötchen und Kaugummi - echt jetzt?

Sie sind Modehändler und es von jeher gewöhnt, Ihren Kunden Kassenzettel auszuhändigen. Das ist in Ihrem Metier so üblich. Ähnlich, wie wenn ich einen neuen Fernseher oder ein neues Sofa kaufe. Der Bon ist dann ja schon deshalb wichtig, weil ich ihn für den Umtausch brauche.

Aber was beim Kaugummi, Eis oder Leberkäsbrötchen? Sie könnten ja einen mainfränkischen Flashmob anzetteln: Tausende Menschen kaufen in den Bäckereien einen Kipf, beißen rein, finden ihn nicht gut, gehen zurück in die Bäckerei und fordern mit Hilfe des Kassenbons den Umtausch. So führt man Unsinn ad absurdum. Was halten Sie von der Idee, Herr Ludewig?

Vielleicht wäre ein Flashmob sinnvoll

Wenn Sie das mit dem Flashmob machen, könnten Sie freilich auf jene clevere Bäckereifachverkäuferin stoßen, der ich kürzlich in ihrem Laden bei Würzburg gegenüberstand. "Wollen Sie, dass ich den Kassenbon ausdrucke?", kam sie meiner mit Zynismus gesalzenen Reaktion zuvor. Meine Antwort war klar, ich verließ zufrieden die Bäckerei.

Wie erwähnt: Die Bonpflicht ist ein Würgegriff für so manchen Händler. Das sieht auch der Bundesverband der Regionalbewegung in Feuchtwangen so, der vor wenigen Tagen die neue Regelung als einen weiteren "Sargnagel für das regionale Lebensmittelhandwerk" bezeichnete. Recht hat der Verband auch, wenn er behauptet, dass die Bonpflicht ein künstlich erzeugtes Problem vor allem für kleine Unternehmen ist.

Unternehmer klagen jetzt schon über zu viel Bürokratie

Ich komme häufig in Kontakt mit Unternehmern der Region. Dabei höre ich sehr oft, wie erdrückend für sie die Bürokratie in diesem Land sei. Als gäbe es nicht schon genügend Herausforderungen: Fachkräftemangel, Unternehmensnachfolge, Digitalisierung, Konjukturflaute.

Wenn ich heute Abend vielleicht in die Kneipe gehe, dann will ich keinen Bon haben. Wie doof wäre das denn? Ich will vielmehr den Bierdeckel haben, auf dem der Wirt mit Kugelschreiber die Zahl meiner bestellten Biere mit Strichen festhält. Ich verspreche Ihnen, Herr Ludewig, dem Wirt und allen, die es hören wollen: Ich werde diesen Bierdeckel nicht heimlich gegen einen für mich günstigeren tauschen. Nein, ich werde nicht schummeln. Und ich versichere Ihnen: Würde mein Wirt den Fiskus umgehen wollen, er wüsste wie. Bonpflicht hin oder her.

Von Biergärten und Sondermüll

Wenn ich genauer über das Bier nachdenke, graut es mir schon vor dem Sommer. Man stelle sich vor: Ein erfrischendes Lüftchen weht unter der Kastanie des Biergartens - und überall fliegen plötzlich diese Kassenzettel herum. Wenn sie nicht in den Bierpfützen auf den Tischen vor sich hin siffen oder sich im Baum verheddert haben.

Was dort bis zum Herbst hängenbleibt, vermischt sich später mit dem Laub am Boden. Nächstes Problem somit: Das Laub ist wegen der Zettel kein Bio-Abfall mehr. Wohl eher Sondermüll.

Verzeihung, ich werde albern. Bei der Bonpflicht passt das aber irgendwie, denn sie ist genau das. Ich habe hier bewusst nichts über die Kassenbons aus giftigem Thermopapier geschrieben. Die Bonpflicht allein reicht schon, um mit dem Kopf zu schütteln. Tun Sie es auch, Herr Ludewig. Regen Sie sich auf. Laut.

Mit freundlichen Grüßen - ohne Bon,

Jürgen Haug-Peichl
Chefreporter Wirtschaft

Einer bekommt Post: der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.
Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Sie sind ein Glücklichmacher, Herr Preuß!
  2. Samstagsbrief: Respekt für diese Thüringer Chuzpe!
  3. Antwort auf Samstagsbrief: Mit Argumenten gegen Bonpflicht
  4. Samstagsbrief: Herr Weghofer, beim Bier hört der Spaß auf!
  5. Samstagsbrief: Herr Ludewig, regen Sie sich über die Bonpflicht auf!
  6. Samstagsbrief: Herr Seehofer, sollen wir alle auf die Straße?
  7. Samstagsbrief zur Landarztquote: Hausarzt Dr. Geis antwortet
  8. Samstagsbrief: Herr Dusolt, geben Sie dem Minister einen Verweis
  9. Debatte um Feuerwerk: "Irrelevante Kennzahlen werden vermischt"
  10. Samstagsbrief: Dr. Geis, Landarzt aus Spaß ist besser als durch Quote
  11. Samstagsbrief: Hat es sich bald ausgeböllert, Herr Gotzen?
  12. Samstagsbrief: Frau Schotte, Sie lassen uns ans Christkind glauben
  13. Samstagsbrief: Miss Bayern, Du bist mehr als eine Blondine!
  14. Samstagsbrief: Warum ist Bildung Glückssache, Frau Karliczek?
  15. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  16. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  17. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  18. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  19. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  20. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  21. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  22. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!
  23. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
  24. Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!
  25. Antwort auf Samstagsbrief: Verständnis füreinander ist wichtig!
  26. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  27. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  28. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  29. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  30. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  31. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  32. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  33. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  34. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  35. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  36. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  37. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  38. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
  39. Klima-Debatte: Warum sich die Wissenschaftler festlegen
  40. Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!
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  42. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
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  44. Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!
  45. Antwort auf den Samstagsbrief: Mehr als nur Mathe-Abi
  46. Samstagsbrief: Herr Reichhart, lernen Sie von den Tirolern!
  47. Samstagsbrief: Herr Lafontaine, ist bei Ihnen jetzt Ehekrach?
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  49. Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse
  50. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller

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