Feucht/Würzburg

Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse

Stefan Pfeiffer, Leiter der Verkehrspolizei Feucht, stellte nach einem Unfall auf der A6 Schaulustige, die mit dem Handy filmten, zur Rede. Foto: News5/Grundmann

Lieber Herr Pfeiffer,

aus dem Nichts heraus sind Sie in dieser Woche zum Medienstar avanciert. Ich glaube nicht, dass das Ihre Absicht war. Trotzdem ist es gut, dass der spontane Ausbruch eines Polizisten gegen Auto- und Lkw-Fahrer, die ihre Handys auf Unfallopfer richten und dabei die Rettungsarbeiten behindern, jetzt im Internet die Runde macht. Das zehntausendfach geklickte Video spricht potenzielle Gaffer auf emotionale Weise an – und erzielt so mutmaßlich mehr Wirkung als jeder Bußgeldbescheid.

Video

Groß öffentlich geäußert haben Sie sich bislang nicht zum Geschehen am Dienstagvormittag auf der Autobahn A6 zwischen Roth und dem Kreuz Nürnberg-Süd. Ich denke, Ihnen als erfahrener Verkehrspolizist ist einfach der Kragen geplatzt, als Sie wieder mal erleben müssen, wie Gaffer frei von Empathie und Pietät einen tödlichen Unfall fotografieren, während die Rettungskräfte noch mit den Bergungsarbeiten beschäftigt sind. Einem Autofahrer bieten Sie daraufhin an, er könne "gern aussteigen und sich die Leiche anschauen". Der Mann verzichtet. Völlig perplex ist auch ein ausländischer Lkw-Fahrer, dem Sie auf Englisch zurufen: "Sie wollen tote Menschen sehen? Kommen Sie, da liegt er. Wollen Sie ihm Hallo sagen?". Sichtlich betreten, verzichtet der Mann. Und Sie setzen noch ein "Schämen Sie sich" obendrauf.

Respekt, dieser Auftritt rüttelt auf, er lässt niemanden kalt. Weil Sie so authentisch reagieren. Weil Sie, lieber Herr Pfeiffer, kein Polizei-Deutsch sprechen, sondern so reden, wie Sie es in diesem Augenblick fühlen. Wütend und aufgebracht sind Sie, das merkt man. Ja, prinzipiell finde auch ich, dass Ruhe und Besonnenheit ganz wichtige Eigenschaften sind, die ein Polizeibeamter haben sollte. Dem Lehrbuch entspricht ihr Ausbruch vermutlich nicht. Aber in dieser Situation hätte Zurückhaltung nichts gebracht. Gar nichts.

Uns in Mainfranken erinnert Ihre Reaktion an einen Feuerwehrmann aus Waldaschaff (Lkr. Aschaffenburg). Der hatte vor anderthalb Jahren nach einem tödlichen Unfall auf der A3 im Spessart mit dem Schlauch auf die Scheiben von Lastwagen gespritzt, durch die Brummifahrer mit dem Handy filmten. Auch diese Tat entsprach dem spontanen Ärger eines Helfers. Der Wehrmann erntete viele Sympathien in der Bevölkerung. Er bekam aber auch Kritik seitens der Polizei zu hören, weil er angeblich seine Kompetenzen überschritten hatte.

Ihnen, lieber Herr Pfeiffer, wird in den sozialen Netzwerken fast ausschließlich Zustimmung zuteil. Nur ganz vereinzelt wird mal eine Stimme laut, die Ihnen eine "Show" unterstellt, weil das Team eines Nachrichtensenders vor Ort war. Ja, und. Geistesgegenwärtig vor einer Kamera die Chance zu ergreifen und endlich mal zu sagen, was einen schon länger umtreibt, wer will Ihnen das ernsthaft vorwerfen. Die breite Masse sieht es wie wir: Polizist Pfeiffer hat richtig reagiert, sein Verhalten sei vorbildlich. Einige nennen Sie einen "Held des Alltags". 

Schön auch, dass sich neben vielen Polizeikollegen auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hinter Sie gestellt hat. "Das Verhalten vieler Gaffer ist unverschämt und unverantwortlich. Ich freue mich, dass der Polizeikollege das einigen Gaffern auch mal emotional nahe gebracht hat", schreibt Ihr oberster Dienstvorgesetzter bei Facebook. Wenn das keine Rückendeckung ist. Mittlerweile sind auch schon Forderungen laut geworden, man müsse Ihnen ein Verdienstkreuz oder einen Orden für Zivilcourage überreichen. Das fände ich dann doch etwas übertrieben. So bescheiden, wie Sie bislang aufgetreten sind, passt das auch gar nicht zu Ihnen.

Was ich mir wünschen würde, ist etwas anderes: Lassen Sie uns gemeinsam, Behörden, Medien und Zivilgesellschaft, doch mal diskutieren, woher diese scheinbar unbändige Lust vieler Menschen kommt, sich am Leid anderer zu ergötzen. Was ist falsch gelaufen, wenn Empathie und Anstand in diesen digitalen Zeiten – so fühle ich es – immer mehr verloren gehen? Gibt es die Möglichkeit, gegenzusteuern? Gelingt es uns, Werten wie Rücksichtnahme, Mitgefühl oder auch Höflichkeit in der Gesellschaft wieder den Rang zu verschaffen, den sie verdienen, weil ein friedliches, freiheitliches  Miteinander sonst auf Dauer in Gefahr ist.

Das mag zwar etwas altmodisch klingen, ist aber wahrscheinlich vonnöten. 

Beste Grüße aus Würzburg  

Michael Czygan, Redakteur

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