Würzburg/Herzogenaurach

Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!

Museumsstück: Die berühmte "Adilette" von 1972 steht heute in einer Ausstellung in Herzogenaurach. Foto: Daniel Karmann, dpa

Lieber Kasper Rorsted,

Ihre Firma, der Sportartikelhersteller Adidas, feiert in diesen Tagen 70-jähriges Bestehen. Wobei: Das Wort Sportartikelhersteller hört sich so nüchtern, so mechanisch, so bürokratisch an. Verkauft Adidas nicht eher Gefühle und Illusionen? Ihr Unternehmen hatte auch schwierige Zeiten. Es gab Skandale um unmenschliche Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern und Schmiergeldzahlungen. Trotzdem ist Adidas mit seinem dreiblättrigen Logo heute eine der bekanntesten Marken der Welt. Aber Adidas spaltet. Wie sich einst die Gründer-Brüder Adolf und Rudolf Dassler entzweiten und der eine Adidas gründete und der andere Puma, so entzweite sich auch die Kundschaft.

Es gibt kein "und" in dieser Frage der Leidenschaft: Entweder Adidas oder Puma. Ich muss gestehen: Ich war immer der Adidas-Typ. Ich kann mich noch sehr gut an einen Kindergeburtstag und die Enttäuschung erinnern, als die aus dem Geschenkpapier befreite Fußballhose an den Seiten nur zwei Streifen aufwies – und keine drei. Drei Streifen trugen die Fußballidole des FC Bayern, die damals Klaus Augenthaler oder Udo Horsmann oder Kurt Niedermayer hießen und die sich als äußerste äußere Extravaganz einen Schnurrbart leisteten und keine bizarren Tintengemälde auf nahezu jedem Quadratzentimeter ihrer Haut. Wir kickten mit unseren Zweistreifenhosen noch auf weiße Holzbalkentore, und wenn die Lederblunse in den Main flog, mussten wir in einen Schelch klettern und den Ball mit einem Kescher herausfischen.

Durch fleißiges Training und stetes Knören in genervte Elternohren gab es irgendwann den dritten Streifen. Jetzt war ich auch ein Horsmann.

Kasper Rorsted, CEO des Sportartikelherstellers Adidas. Foto: Christof Stache, afp

Dazu kam es auch, weil unsere Familie irgendwann im Herzen der Altstadt von Herzogenaurach ein kleines Geschäft namens "Sport Hoffmann" entdeckte. Dort wurden Zweite-Wahl-Sportartikel von Adidas verkauft, und so manches Schnäppchen haben wir dort erstanden. Während der Abizeit wurde dann das Schuh-Modell "Allround" hierzulande in. Ob Popper oder Punker, gefühlt jeder trug diese weißen, knöchelhohen Stiefel mit den drei schwarzen Streifen.

In den 80er Jahren kaufte ich mir in Herzogenaurach auch eine weiße Tennisschlägertasche, die ich 30 Jahre lang genutzt und gehegt und gepflegt habe. Doch vor zwei Jahren waren dann die Nähte vollends gerissen und der Reißverschluss kaputt. Beim Schreiben dieser Zeilen beginne ich mich übrigens maßlos über mich zu ärgern, weil ich die zerfledderte Tasche damals in einem seltsam gefühllosen Akt auf einem Wertstoffhof entsorgt habe. Vielleicht hätte sie nach einer Reparatur nochmal 30 Jahre gehalten.

Endstation Müllcontainer: Nach 30 Jahren musste der Autor seine marode Tennisschlägertasche entsorgen. Foto: Achim Muth

Natürlich besaß ich auch ein Modell des Adidas-Tennisschlägers, mit dem Ivan Lendl auf die Bälle drosch. Klar war ich Boris-Fan, aber deswegen zum Puma-Schläger greifen? Niemals. Ich trinke ja auch keine Pepsi. Und natürlich fahre ich auch keine Völkl-Skier, sondern Atomic.

Apropos. Von Ihnen, Herr Rorsted, weiß ich, dass Sie auch gerne Skifahren und mit Ihrer Familie im Winter oft in St. Anton am Arlberg sind. Mein Freund und Nachbar hat mir das erzählt, der früher bei Henkel in Düsseldorf zeitweise mit Ihnen zusammengearbeitet hat. Er beschreibt Sie als sehr fokussierten Manager, der stets exakt die richtigen Fragen stellt und dem für eine zweiwöchige Dienstreise in die USA das Handgepäck, Laufsachen und ein Smartphone reichen.

Zum Jubiläum wurde nun in Herzogenaurach die neue Konzernzentrale eröffnet. Sowieso ist aus dem beschaulichen Städtchen mit seinem niedlichen Sportgeschäft längst eine Art Sport-Outlet geworden. Auf den Äckern rundum sind zahllose Geschäftskomplexe entstanden. Das Wachstum scheint keine Grenzen zu kennen. Sportbekleidung ist ästhetisch und alltagstauglich geworden. Girlies gehen in Sportleggings zur Schule, Vorstandsbosse tragen Turnschuhe zum Anzug. Und was wären die Deutschen an den Stränden dieser Welt ohne die Badelatschen namens Adiletten. Nirgends mehr sind zwei Streifen zu sehen.

Der frühere Tennis-Star Stan Smith steht beim Sportartikelhersteller Adidas neben seinem gleichnamigen Schuh. Foto: Daniel Karmann, dpa

Die Macht der Marke lässt sich schön belegen am Beispiel des früheren Tennisspielers Stan Smith, mit dem Adidas bereits Anfang der 70er Jahre ein gleichnamiges Schuhmodell entwickelte, und das aktuell in einer modernen Version eine Renaissance erlebt. Smith gewann 1972 in Wimbledon und insgesamt 37 Einzeltitel. Mit den USA holte er sieben Mal den Davis Cup. Er ist ein berühmter Sportler, doch seine Biografie nannte er: "Manche Leute glauben, ich bin ein Schuh."

Lieber Herr Rorsted, was ich eigentlich sagen wollte: Glückwunsch!

Achim Muth, Redakteur

Einer bekommt Post: der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.
Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch.
Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  2. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  3. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  4. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  5. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  6. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  7. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  8. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!
  9. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
  10. Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!
  11. Antwort auf Samstagsbrief: Verständnis füreinander ist wichtig!
  12. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  13. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  14. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  15. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  16. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  17. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  18. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  19. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  20. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  21. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  22. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  23. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  24. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
  25. Klima-Debatte: Warum sich die Wissenschaftler festlegen
  26. Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!
  27. Samstagsbrief: Sie verdienen selbst den Preis, Herr Schmelter
  28. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
  29. Sind Sie Chef einer Poker-Zentrale, Herr Juncker?
  30. Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!
  31. Antwort auf den Samstagsbrief: Mehr als nur Mathe-Abi
  32. Samstagsbrief: Herr Reichhart, lernen Sie von den Tirolern!
  33. Samstagsbrief: Herr Lafontaine, ist bei Ihnen jetzt Ehekrach?
  34. Samstagsbrief: Respekt, Frau Kaniber, für Ihre Charmeoffensive!
  35. Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse
  36. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller
  37. Samstagsbrief: Frau Brunschweiger, Kinder sind keine Umweltsünde
  38. Samstagsbrief: Hat Ihnen Kevin Kühnert den Wahlkampf versaut, Herr Schulz?
  39. Samstagsbrief: Sind 30 Meter zu viel für die Gerechtigkeit, Herr Siebert?
  40. Samstagsbrief: Eure Heiligkeit, diese Haltung zu Kindesmissbrauch verstört!
  41. Herr Cryan, warum sind Abfindungen wie bei Ihnen so hoch?
  42. Samstagsbrief: Was macht Misstrauen mit uns, Herr Rörig?
  43. Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!
  44. Linke Nähe zur AfD? Klaus Ernst antwortet auf Samstagsbrief
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  47. Samstagsbrief: Wie trefflich locker ist Ihre Zunge wirklich, Herr Aiwanger?
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  50. Samstagsbrief: Herr Minister Heil, greifen Sie bei der Grundrente einem Nackten in die Tasche?

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