Würzburg

Samstagsbrief: Herr Seehofer, sollen wir alle auf die Straße?

In Würzburg und der Region jagt derzeit eine Demo die nächste. Das könnte daran liegen, dass Bürger sich durch ihre Regierung nicht mehr vertreten fühlen.
"Machen Sie Druck auf die Politik, um Änderungen herbeizuführen", sagte CSU-Innenminister Horst Seehofer zu den Beamten, als diese sich bei der Tagung des Beamtenbunds über massive personelle Engpässe beschwerten. Funktioniert denn in diesem Land nichts mehr ohne öffentlichen Protest? Foto: Fabian Sommer, dpa

Sehr geehrter Herr Seehofer,

ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Es ist nicht die Frage, die Sie jetzt vielleicht erwarten. Ich will nicht wissen, ob Sie jetzt, nach Markus Söders Attacken, Angst haben um Ihr Innenministeramt. Ich frage Sie auch nicht, was Sie von ihrem Nachfolger auf dem bayerischen Ministerpräsidentensessel wirklich halten. Tatsächlich geht es mir weniger um Ämter und Amtspersonen, mich kümmern mehr die Bürger.

Ich möchte wissen, ob wir, die Bürger eines der reichsten Länder der Welt, wirklich erst auf die Straße gehen müssen, um das zu bekommen, was wir brauchen. Und ja, für diese Frage sind Sie der richtige Adressat. Denn Sie, Herr Seehofer, waren es doch, der am Dreikönigstag bei der Tagung des Beamtenbunds den Beamten, die sich über massive personelle Unterbesetzung im öffentlichen Dienst beschwerten, empfohlen hat: „Machen Sie Druck auf die Politik, um Änderungen herbeizuführen!“

Was sagt das über ein Land aus, wenn der Innenminister höchstelbst zum Protest aufruft?

Hallo? Was sagt das über ein Land aus, wenn der Innenminister höchstselbst die Beamten zum Protest ermuntert? Schließen wir daraus, dass die Regierung, die dafür da ist, um diesen Staat zu lenken, ohne Druck nicht mal mehr die eigenen Beamten zufriedenstellen mag? Und wenn heutzutage schon gehätschelte Beamte bessere Konditionen gegen ihre eigene Regierung erkämpfen müssen – wie ergeht es dann den schlechter abgesicherten Bürgern? Den kleinen Angestellten, den outgesourcten Selbstständigen, den Armutsrentnern? Müssen wir im Jahr 2020 alle auf die Straße gehen, um das zu bekommen, was uns doch eigentlich zusteht: ein auskömmliches Leben?

Frankens Bauern demonstrieren oft und massiv: an diesem Freitag erst wieder. Rund 200 Bauern starteten mit ihren Traktoren von Iphofen aus zur Großdemonstration nach Nürnberg. Foto: Daniel Peter

Sieht ganz so aus, oder? Ich nehme an, Herr Seehofer, dass es für Sie jetzt am Wochenende eng wird, weil Sie ja wohl mit Söder was zu bereden haben, aber wenn doch Zeit übrig bleibt, dann schauen Sie doch in Unterfranken vorbei. Da jagt eine Straßendemo die nächste! Auch wenn wir die Friday-for-Future-Kids außer Acht lassen, weil die ja schon am Freitag protestieren, bleiben uns in Würzburg am Samstag in der Früh die feinstaubgenervten Kämpfer für die „Verkehrswende jetzt“ und am Nachmittag die überarbeiteten Grundschullehrer. Ein paar Dutzend Kilometer weiter, in Iphofen, trommeln am Sonntag 500 existentiell verängstigte Bauern.   Sie können aber auch, Herr Seehofer, am nächsten Freitag nach Schweinfurt kommen, wo abgeschlagene Endfünfziger Mahnwachen gegen Altersarmut organisieren.

Was sagt uns das, wenn die Protestler aus der Mitte der Gesellschaft kommen?

Was sagt uns das, wenn – sogar bei uns, in der ruhigen fränkischen Provinz – immer mehr Leute auf die Straße gehen; aus dem Gefühl heraus, dass niemand ihre Forderungen ernst nimmt, wenn sie sie nicht laut herausschreien? Was sagt uns das, wenn diese megafonschwingenden Menschengruppen nicht, wie etwa in den Siebziger und Achtziger Jahren, junge Rebellen mit außerparlamentarischen Einstellungen sind, sondern – wie die Lehrer, die Alten, die Bauern – Gruppen aus der Mitte der Gesellschaft? Das sagt uns: Ein großer Teil der Gesellschaft fühlt sich durch ihre Regierung nicht mehr repräsentiert.

Vielleicht hat ja die gesamte Staatsregierung sich überlebt

Sehr geehrter Herr Innenminister, bitte nehmen Sie es nicht persönlich, wenn ich jetzt überlege, ob nicht nur Sie selbst sich überlebt haben, sondern die gesamte Regierung. Vielleicht ist es jetzt ja auch mal gut mit der großen Koalition. Diese kann sich zwar rühmen, über Jahre die deutsche Wirtschaftsmacht massiv ausgebaut und das Bruttoinlandsprodukt auf ein nie gekanntes Höchstmaß von 3,44 Billionen Euro gesteigert zu haben, ignoriert leider aber, dass man aus glänzenden Wirtschaftskennzahlen nicht auf glänzende Lebensumstände der einzelnen Menschen schließen kann. Denn von der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands hat nachweislich gut die Hälfte der deutschen Bürger nicht profitiert. Die Bauern zum Beispiel nicht. Die Grundschullehrer nicht. Die armen Alten erst recht nicht.

Seit über einem Jahr gehen in Frankreich Menschen mit gelben Jacken auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren.  Foto: Sadak Souici, dpa

Schaut man nach Frankreich, erkennt man, was passiert, wenn es den kleinen Leuten endgültig reicht. Gelbwestenbewehrt toben die Franzosen seit Monaten etwa gegen Steuererhöhungen oder Rentenreformen und legen dabei Teile ihrer Städte lahm. Manche Kommentatoren sprechen von „Aufruhr“, manche von „sozialem Widerstand“. Und auch wenn die Lehrer, Bauern, Rentner und Klimakids hierzulande keine Westen tragen, ist „sozialer Widerstand“ doch das Wort, das all diese Proteste auf einen gemeinsamen Nenner bringt.

Ich denke, dieser Begriff greift auch für die Demos in der fränkischen Provinz. 

Mit besten Grüßen nach Berlin, 

Gisela Rauch

Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Sie sind ein Glücklichmacher, Herr Preuß!
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  8. Samstagsbrief: Herr Dusolt, geben Sie dem Minister einen Verweis
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  10. Samstagsbrief: Dr. Geis, Landarzt aus Spaß ist besser als durch Quote
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  23. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
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  26. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  27. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  28. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  29. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  30. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  31. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  32. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  33. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  34. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  35. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  36. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  37. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  38. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
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  42. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
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  50. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller

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