WÜRZBURG

Samstagsbrief: "Ich gönne Ihnen Ihre Schlager-Millionen, Frau Fischer!"

Helene Fischer gehört zu den bestverdienenden Musikerinnen der Welt. Foto: Britta Pedersen, dpa

Liebe Frau Fischer,

über Geld spricht man nicht. In Deutschland ist das irgendwie Konsens. Das Einkommen ist ein Tabuthema. Wer wie viel verdient - diese Frage stellt man nicht. Höchstens innerhalb der Familie. Selten bis nie im Freundeskreis. Und schon gar nicht am Arbeitsplatz. Jedenfalls gilt das für Otto Normalverbraucher. Also nicht für Sie. Diese Woche veröffentlichte das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" die Liste mit den bestverdienenden Musikerinnen der Welt. Die Liste macht - sorry, ich kann es mir nicht verkneifen - atemlos. Sie landeten auf Platz acht und sind damit die einzige Europäerin unter den Top 10. Ich weiß nicht, ob ich Sie dafür beglückwünschen oder Sie bedauern soll.

32 Millionen US-Dollar oder 28,2 Millionen Euro haben Sie zwischen Juni 2017 und Juli 2018 laut "Forbes" verdient. Da konnten selbst Celine Dion oder Britney Spears nicht mithalten. Wie ist das, wenn plötzlich die ganze Welt weiß, was die meisten am liebsten für sich behalten? Wenn, überspitzt ausgedrückt, der eigene Kontoauszug zur Titelseite wird? Ich glaube, ich hätte damit ein Problem. Schließlich hinterfragt kaum jemand, wie diese Zahl zustande kam. Was Sie dafür geleistet haben. Ob es für Sie ein eher schwaches oder ein irrsinnig gutes Jahr war. Ob von dieser Summe vielleicht noch Dutzende Mitarbeiter bezahlt werden müssen.

Und unweigerlich kommt Otto Normalverbraucher, der aus seinem Gehalt ein Staatsgeheimnis macht, aber die deutsche Neidkultur pflegt und genau registriert, wenn beim Nachbarn ein neues Auto vor der Garage steht, ins Grübeln. 28,2 Millionen - das ist viel mehr als ein vollzeitbeschäftigter Helene-Fischer-Fan in seinem gesamten Arbeitsleben verdient: Geht man vom monatlichen Durchschnittsbrutto in Deutschland von rund 3770 Euro aus, müsste man für Ihr Jahreseinkommen knapp 7500 Monate arbeiten. 28,2 Millionen - das ist auch deutlich mehr als der Politiker Friedrich Merz pro Jahr verdient, dem sein Vermögen gerade als "Schwachpunkt" seiner Kandidatur um den CDU-Vorsitz ausgelegt wird. Nach eigenen Angaben kommt er im Jahr auf etwa eine Million Euro. Seines Geldes wegen müsse er "fürchten, als Teil einer abgehobenen Elite wahrgenommen zu werden", urteilte etwa das "Manager-Magazin". 28,2 Millionen - das ist auch mehr als die meisten Bundesliga-Fußballer verdienen, die gerne mal als "Millionarios" verhöhnt werden und die sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, sich schon aufgrund ihres Gehaltes viel zu weit vom Fan in der Kurve entfernt zu haben.

Auch Sie füllen regelmäßig Stadien. Befürchten Sie, dass Ihre Anhänger sich jetzt fragen, warum Sie Ihnen, der Super-Reichen, noch über 100 Euro für die billigste Konzertkarte bezahlen sollen? Dass Ihre Fans Sie nun als Teil einer abgehobenen Elite wahrnehmen? Für Ihr Produkt, das ein gutes Stück vom Heimeligen lebt, für die Figur Helene Fischer, die immer so sympathisch rüber kommt, wäre das fatal. "Mein Geheimnis ist, dass ich das Mädchen von nebenan geblieben bin. Ich kann gar nicht anders", sagten Sie einmal in einem Interview. Aber Mädchen von nebenan sind nun einmal nicht millionenschwer.

Deswegen glaube ich, Sie haben zwar nichts gegen Ihren finanziellen Erfolg, dass Sie sich aber so weit oben in der "Forbes"-Liste wiederfinden - darauf hätten Sie gerne verzichtet. Doch seien Sie getröstet: Helene-Fischer-Fans, so erlebe ich das, sind extrem treu. Sie verteidigen Sie auch gegen diejenigen, die bei "Atemlos" am liebsten Reißaus nehmen würden. Ich werde das wieder an Heiligabend erleben, wenn sich die Mehrheit der Familie durchsetzt und die Helene-Fischer-Weihnachts-CD aufgelegt wird. Und vermutlich kümmert ein Großteil Ihrer Fans das Geld auch gar nicht. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Mehrheit Ihnen die Millionen gönnt. Ich persönlich finde ja, wer hart und gut arbeitet, sollte sich nicht für sein volles Konto rechtfertigen müssen. Und gerade Ihren Job muss man erst mal machen: Vom Talent abgesehen, braucht es dafür eine gehörige Portion Energie und Durchhaltevermögen. Wenn Sie einmal schlechte Laune haben, müssen Sie trotzdem auf der Bühne Lebensfreude versprühen. Wenn Sie nach drei Konzerttagen hintereinander am vierten einmal müde oder lustlos sind, können Sie es sich nicht leisten, dass man Ihnen das anmerkt. Dazu kommt: Prominent und ständig auf Achse zu sein - das schlägt sich auch aufs Privatleben nieder. Wenigstens dürfte Ihr Partner da Verständnis haben...

Insofern gönne ich Ihnen Ihren Erfolg und Ihr Geld. Wenn bei uns an Weihnachten Ihre Interpretation von "Kling, Glöckchen, klingelingeling" läuft, könnte es allerdings sein, dass ich an Goldmünzen denken muss, die in Ihr Sparschwein fallen.

Atemlose Grüße

Benjamin Stahl, Redakteur

Der Samstagsbrief: Jede Woche erscheint am Samstag unsere „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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