Samstagsbrief

Samstagsbrief: Leisten Sie sich weiter eine Meinung, Herr Kretzschmar!

Leisten Sie sich weiter eine Meinung, Herr Kretzschmar!
Der frühere Handball-Star Stefan Kretzschmar nimmt kein Blatt vor den Mund. Foto: dpa

Der frühere Handball-Star Stefan Kretzschmar vermisst den Mut zur eigenen Meinung – und bekommt ein Gefühl dafür, was passiert, wenn man ihn trotzdem hat.

Sehr geehrter Herr Kretzschmar, meine Redaktion meinte, ich solle Ihnen mal schreiben. Ich weiß nicht, ob ich es andernfalls gemacht hätte. Nicht, weil ich Sie unsympathisch fände oder Ihnen nichts mitzuteilen hätte. Aber ich glaube, dass Sie gerade Post von allen Seiten bekommen. Sie haben dieser Tage ein Interview gegeben, in dem Sie getan haben, was man Ihrem Selbstverständnis nach eigentlich gar nicht tun dürfte: eine Meinung zu haben – und diese auch noch offen zu vertreten. Das, so sagten Sie, sei in diesem Land inzwischen nahezu unmöglich. „Es sei denn, es ist die Mainstream-Meinung, mit der man nichts falsch machen kann.“

Wenn ich die Reaktionen richtig deute, dann entsprach ein wesentlicher Teil Ihres Interviews nicht der Mainstream-Meinung. Insofern hätten Sie nach Ihrer eigenen Definition alles falsch gemacht. Aber bitte: Lassen Sie sich von diesen Reaktionen nicht beirren. Ihnen wurde ja auf Ihre Einlassungen hin so ziemlich alles vorgehalten. Ich möchte mal mit dem Vorwurf beginnen, es sei Ihnen mal wieder nur um PR in eigener Sache und Aufmerksamkeit gegangen. Wer sich mal die Mühe macht, das Gespräch in Gänze zu lesen, und sich nicht wie üblich auf einige aus dem Kontext gerissene Passagen stützt, wird rasch feststellen: Es geht in besagtem Interview – zu einer Zeit, da in Deutschland die Handball-WM stattfindet – tatsächlich im Kern um Handball und um die aktuelle Spielergeneration. Und dann geht es um die Frage, in welchem gesellschaftlichen und politischen Umfeld diese Generation im Gegensatz zu Ihnen aufwächst und sozialisiert wird. Da wird es heikel.

Soziale Medien vergiften das Klima

Sie streiten gar nicht ab, dass es die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit gibt – sie sagen nur, dass sich ein Sportler de facto keine abweichende Meinung mehr leisten könne, ohne dafür von seinem Arbeitgeber oder von der Gesellschaft belangt zu werden. Sei es mit „Repressalien“, wie Sie meinen, oder mit Ächtung. „Für alles, was dich von der Masse abhebt, erntest du einen Shitstorm“ – das sind Ihre Worte, und ich weiß nicht, was daran kritikwürdig sein soll. Jeder weiß doch, dass die Sozialen Medien heute so ziemlich jeden Diskurs verkürzen und das Klima in der Gesellschaft vergiften. Das zeigen im Übrigen auch die Reaktionen auf Ihr Interview. Das muss man aushalten können – nicht jeder kann das. Die Folge ist, dass sich viele einfach wegducken und nicht mehr an Debatten und damit am so wichtigen politischen Meinungsbildungsprozess beteiligen.

Viele ziehen nur noch die Köpfe ein

Viele Vereinsbosse und Sportler haben Ihnen widersprochen; sie wiederholten mantrahaft, es gebe selbstverständlich die „Möglichkeit“, offen seine Meinung zu sagen. Ja, die gibt es. Aber aus dieser Möglichkeit folgt noch längst keine Wahrscheinlichkeit, es auch zu tun. Warum sonst ziehen es die allermeisten vor zu schweigen, sobald es politisch heikel werden könnte? Warum sonst ziehen viele die Köpfe ein wie die Schildkröten, wenn Gefahr droht? Sie hätten als Beispiel – obwohl Sie gar nicht danach gefragt wurden – auf Mats Hummels verweisen können. Der Fußball-Star des FC Bayern München schrieb auf Twitter mal etwas von Gutmenschen – völlig anders gemeint, als von AfD-Anhängern zur Verhöhnung gesellschaftlich engagierter Bürger missbraucht, aber dazu geeignet, ihn in eine bestimmte Ecke zu stellen. Der Shitstorm folgte.

Von Skinheads bewusstlos geprügelt

Ich glaube, dass auch Sie missverstanden wurden, Herr Kretzschmar. Versehentlich oder ganz bewusst, denn natürlich passt Ihre These von beschnittener Meinungsfreiheit bestens zur Propaganda einer staats- und systemkritischen Partei wie der AfD, die sich in ihrer Paranoia gegen die sogenannten Mainstream-Medien mit ihren sogenannten Mainstream-Meinungen mundtot gemacht fühlt. Und wer Ihnen Arges will, könnte Ihnen vorwerfen, Sie seien gegen eine bunte und offene Gesellschaft – nur, weil Sie als Beispiel für eine sogenannte Mainstream-Meinung Toleranz gegenüber Flüchtlingen nannten. Mit Blick auf Ihre Biografie ist ein solcher Vorwurf großer Unsinn. Bei der Recherche für diesen Brief bin ich auf die Nachricht gestoßen, dass Sie in Teenager-Tagen von einer Horde Skinheads bewusstlos geschlagen wurden, einer ihrer Freude sogar totgeprügelt wurde.

Ich war nicht immer ein Anhänger Ihrer Unangepasstheit. Manche nennen Sie einen Handball-Punk, einen Revoluzzer, weil Sie einst in der Berliner Hausbesetzerszene und im linken Milieu unterwegs waren, ehe Sie zu einem ganz Großen des Handballsports wurden. Ich war auch nicht immer einer Meinung mit Ihnen – zum Beispiel als Sie vor Jahren behaupteten, Deutschland sei kein souveräner Staat und der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichte im Ukraine-Konflikt die Unwahrheit. Sie sagen selbst – wenigstens habe ich das so von Ihnen gelesen –, dass Ihnen beim Blick auf Ihre Karriere vieles peinlich und unangenehm sei. Aber ich war und bin Ihnen dankbar dafür, dass Sie eine Haltung haben und den Mut besitzen, diese auch zu vertreten. Bitte, Herr Kretzschmar, leisten Sie sich weiterhin eine eigene Meinung!

Mit freundlichen Grüßen

Eike Lenz, Redakteur

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