Würzburg

Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?

Da hatte der Heilige Burkard noch sein Schwert... Foto: Patty Varasano

Lieber Heiliger Burkard,

wir kennen uns vom Sehen: Mehrmals in der Woche laufe ich in der Würzburger Altstadt über die Alte Mainbrücke. Vorbei an Ihnen und Ihren steinernen Freunden. Sie blicken seit bald 300 Jahren streng von dort oben herab und haben während dieser langen Zeit Millionen von Menschen vorbeiziehen sehen. Gestatten Sie mir eine Frage: Haben Sie sich beim Anblick dieser Menschen in all den Jahren jemals mehr als heute gewünscht, dass Ihr Sandsteinkörper beweglicher wäre, damit Sie weglaufen oder sich zumindest die Hand vor die Augen halten können?

Die Steinfigur des Heiligen Burkard auf der Alten Mainbrücke in Würzburg: Dem Schwert in seiner linken Hand fehlt die Klinge. Foto: Jürgen Sterzbach

Warum ich das frage? Ich weiß nicht, ob Sie Zeitung lesen. Wenn man jedenfalls die Nachrichten verfolgt, hat man den Eindruck, dass immer mehr Zeitgenossen ziemlich kleingeistig unterwegs sind. Zum Fremdschämen. Auch Sie sind diese Woche in die Schlagzeilen geraten – als Opfer solcher Kleingeister: Da sind doch tatsächlich ein paar Simpel zu Ihnen auf den Sockel geklettert und haben Ihnen das goldene Schwert aus der Hand gestohlen. Früher mussten Sie sich nur mit Tauben herumärgern oder waren vom Kleinkrieg zwischen Radfahrern und Schoppentrinkern genervt. Ihren Brückenheiligen-Kollegen, die die Hände frei haben wurden auch schon mal Bierflaschen in die Hand gedrückt. Oder sie wurden mit Unterwäsche "geschmückt". Im Vergleich zu Ihrem Fall alles harmlos.

Auf den ersten Blick mag der Schwertdiebstahl nach einem dummen Jungenstreich aussehen. Auf den zweiten erkennt man, wie dumm er war. Denn ein Sturz von dort oben in den Main in der Nähe der Wehre, ist lebensgefährlich. Und wenn dann noch Rettungskräfte die Diebe aus dem Wasser hätten bergen müssen, hätten die Täter nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht. Da fallen die 2000 Euro, die eine neue gusseiserne Klinge für Sie kostet, gar nicht ins Gewicht.

Ihr Schwert wurde schon häufiger gestohlen und es gibt noch mehr ähnlich gelagerte Fälle in Ihrer Nachbarschaft, Heiliger Burkard. Dem Frankenapostel Kolonat fehlt derzeit sein Dolch. Pazifistische Waffendiebe scheinen aber nicht am Werk zu sein: Dem Nepomuk und der Patrona Franconiae wurden mal die Sternenkränze von den Häuptern geraubt. Da stellt sich schon beim Blick auf den Mikrokosmos Alte Mainbrücke die Frage: Versimpelt die Gesellschaft, Heiliger Burkard? Gibt es immer mehr Kleingeister? Wird immer häufiger teurer und zum Teil auch gefährlicher Blödsinn getrieben?

Sie ahnen ja gar nicht, wie viele Simpel auch anderswo unterwegs sind! Beispiele aus den vergangenen Tagen gefällig? Aus dem Freizeitland Geiselwind (Lkr. Kitzingen) stiehlt jemand fünf Flamingos, in Rieneck (Lkr. Main-Spessart) zünden Jugendliche eine hölzerne Sitzgruppe an einem Radweg an und in Schonungen (Lkr. Schweinfurt) fährt ein Mann mit einem zweijährigen Kind auf dem Beifahrersitz betrunken durch den Ort.

Falls Sie das schon vom Sockel haut, dann seien Sie froh, dass Ihre Sicht – mit Verlaub – ziemlich eingeschränkt ist. Ich will ja nicht darauf herumreiten, aber wie bereits erwähnt, ist Ihr Körper aus Sandstein ja nicht so beweglich, dass er eine Veränderung des Blickwinkels oder gar einen Standortwechsel zuließe. Was Sie da noch alles sehen würden... Unfallgaffer, Rettungsdienstbedroher, Internethetzer, Kinder-in-heißen-Autos-Lasser. Manchmal kommt man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus.

Woher das kommt? Ich weiß es nicht. Es kann ja nicht nur an den gerne für alles verantwortlich gemachten Sozialen Medien liegen, die die Leute mutmaßlich abstumpfen lassen. Sie als erster Bischof von Würzburg würden vielleicht vermuten, dass es daran liegt, dass sich immer mehr Leute von der Kirche abwenden und nicht mehr an ihren Nächsten dächten. Vielleicht ist ja auch die Erziehung heutzutage zu lasch. Da kommt mir eine Idee: Wenn Sie Ihr Schwert wieder haben, klopfen Sie solchen Leuten doch mal ordentlich auf die Finger, wenn sie sich wieder an Ihnen zu schaffen machen. Aber nicht so fest, dass ihnen ein Finger abfällt und sie dann aussehen wie Ihr Brückennachbar Pippin. Dem wurde mal ein Finger abgebrochen. Oder ist alles gar nicht so schlimm? Gab es früher schon genauso viele Simpel? Sie, Heiliger Burkard, können das besser beurteilen als ich.

Egal wie es ist: Möglicherweise wäre es gut, wenn man Sie ohne Schwert ließe, Heiliger Burkard. Stadtführer könnten Besuchern dann erklären, dass das fehlende Schwert den Franken als mahnende Erinnerung dient, keinen Blödsinn zu machen. Auf der Alten Mainbrücke nicht und anderswo auch nicht.

Bis bald auf der Brücke!

Benjamin Stahl, Redakteur

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