Würzburg

Samstagsbrief: Was macht Misstrauen mit uns, Herr Rörig?

Seit 2011 hat Johannes-Wilhelm Rörig das Amt des unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung inne.  Foto: Sebastian Gollnow, dpa

Sehr geehrter Herr Rörig, Sie haben in ihrer Funktion als Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung letzte Woche mit mir gesprochen. Es ging um jenen Fall, der unsere Region gerade erschüttert - um einen mutmaßlichen Fall von Kindesmissbrauch: Ein Logopäde wird verdächtigt, Kinderporno-Filme ins Darknet eingespeist zu haben. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Mann seine vielfältigen Kontakte gerade auch zu behinderten Kindern auf perfideste Weise ausgenutzt hat. Mit Blick auch auf diesen Fall haben Sie zu präventivem Misstrauen geraten: Bei der Behandlung, Betreuung, Beschulung von Kindern sei das Vier-Augen-Prinzip sinnvoll. Denn grundsätzlich sei es gefährlich, wenn Eltern ihre Kinder mit einem fremden Erwachsenen allein ließen. 

Wenn ich Ihnen, Herr Rörig, jetzt schreibe, dann nicht, weil die Korrektheit Ihrer Aussagen oder meines Textes angezweifelt worden wäre. Es ist nur so, dass nicht nur mich, sondern offenbar auch manche Leser, die Vorstellung eines generellen präventiven Misstrauens kalt und angststarr werden lässt. Dass Sie als Missbrauchsbeauftragter  die Welt stets mit den Augen eines potentiellen Täters betrachten müssen, um so Sicherheitslücken aufzudecken, versteht sich. Nur so können Sie Schutzkonzepte entwickeln, wie sie in vielen Kitas oder Schulen dieser Republik ja schon umgesetzt werden; Konzepte, deren Ziel es ist, die Möglichkeiten, dass potentielle Täter an unsere Kinder herankommen, zu minimieren.

Was macht ständiges Misstrauen mit uns?

Aber was wird aus unserer Alltags-Familienwelt, würden wir diese, wie Sie es ja vorschlagen, stets mit misstrauischen Fahnder-Augen betrachten, die Möglichkeit des Missbrauchs im  Hinterkopf? Was macht das mit uns? Was macht das mit unseren Kindern? Auch ich habe als Mutter früher das ein oder andere meiner Kinder mit einem Ergotherapeuten, mit einem Schlagzeuglehrer, mit einer Physiotherapeutin alleingelassen -  immer mit dem guten Gefühl, dass sich jetzt ein Profi kümmert und ich mal nicht dran bin. Ich habe sogar bewusst den Raum verlassen bei den Ergotherapie-Stunden meines damals vierjährigen Sohns: Der Junge sollte nicht, wie er es gerne tat, den Blickkontakt mit mir suchen, er sollte sich auf die Übungen konzentrieren.  Hätte ich im Raum oder wenigstens im Wartezimmer bleiben müssen?  Hätte ich den Ergotherapeuten als potentiellen Täter sehen müssen? Hätte nicht dann - und das ist meines Erachtens eine ganz wichtige Frage - mein latentes Misstrauen auf mein sensibles Kind abgefärbt? Gerade kleine Kinder spüren das doch, wenn die Mutter nicht loslässt.

Unsere Kinder müssen auch lernen, Vertrauen zu haben

Denn das ist die andere Seite: Auch wenn wir als Erwachsene wissen, dass die Welt schlecht sein kann und auch wenn wir als Eltern dies unseren Kindern abgestuft nach Alter vermitteln müssen („Steig nicht zu fremden Leuten ins Auto! Nimm von Fremden kein Geschenk an!“), haben wir doch auf der anderen Seite die wichtige Aufgabe, unserem Kind Urvertrauen ins Leben und in Mitmenschen mitzugeben. „Kinder brauchen auch Vertrauenspersonen außerhalb der Familie“, schreibt eine Würzburger Psychotherapeutin. Sie fügt hinzu, dass unter diesen Vertrauenspersonen auch Männer sein sollten; auch schwule Männer sein dürfen. Diese Therapeutin hält die von Ihnen , Herr Rörig, vorgestellten Schutzkonzepte für richtig;  erklärt aber auch, dass sie dennoch im Einzelkontakt mit Kindern arbeite, weil dies „dem Kind einen geschützten Rahmen“ biete.  Einen weiteren wichtigen Aspekt pro Vertrauen hat ein Vater eines behinderten Kindes genannt. Man müsse an vertraute Fachleute abgeben können, sagt er, sonst sei das Leben mit einem pflegebedürftigen Kind nicht leistbar.

Was also ist der richtige Weg? Unser Wunsch, unseren Kindern bestmöglichen Schutz zu bieten, schließt aus, dass wir anderen Menschen vertrauensvoll entgegenkommen. Unser Wunsch, den Kindern Vertrauen zu Anderen zu vermitteln, öffnet Sicherheitslücken. Wie entkommen wir dieser Zwickmühle?

Generalverdacht gegenüber Betreuungspersonen scheint unausweichlich

Mir scheint unausweichlich, dass angesichts des Würzburger Falls  ein Generalverdacht gegenüber Erziehern, Therapeuten, Lehrern, Betreuern entsteht. Das ist insofern nicht komplett kontraproduktiv, als in dieser schlimmen Zeit sicherlich alle Einrichtungen, in denen Kinder betreut werden, über Schutzkonzepte diskutieren, sie einrichten, sie anpassen werden. Dennoch hoffe ich, dass wir in dieser Stadt, wenn einige Zeit vergangen ist, die Perspektive wieder wechseln können, bewusst wechseln wollen. Weil ein Leben ohne Vertrauen zu dunkel wäre. Ist das noch in Ihrem Sinne, Herr Rörig?

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