Kitzingen

Samstagsbrief: Wie trefflich locker ist Ihre Zunge wirklich, Herr Aiwanger?

Müdes Lächeln: Hubert Aiwanger bei "Fastnacht in Franken" vorletzten Freitag auf dem roten Teppich. Foto: Silvia Gralla

Lieber Hubert Aiwanger,

am Rosenmontag bekommen Sie ihn von den Kitzinger Narren umgehängt, den etwas Furcht einflößenden Orden, der eine Narrenmaske mit weit aufgerissenem Mund zeigt. Dann sind Sie ein Schlappmaul und reihen sich in eine illustre Galerie ein: Von Jürgen Möllemann, Hans-Dietrich Genscher und Lothar Späth bis hin zu Guido Westerwelle und Gregor Gysi – und sogar Helmut Kohl. Die Liste ist lang und reicht nunmehr schon 30 Jahre bis 1989 zurück.

Aiwanger und Schlappmaul. Schlappmaul und Aiwanger. Wie ich es auch drehe, mir fällt es noch schwer, Sie als jemanden zu sehen, dem man eine "gar trefflich lockere Zunge“ bescheinigen kann, wie es in den Kitzinger Narren-Regularien steht. Auf das zweite Kriterium, ein „schlagkräftiges Wort zu führen“, können wir uns vielleicht gerade noch einigen.

Ganz ehrlich: Ich weiß auch gar nicht, ob Fasching überhaupt zu Ihnen passt. In Veitshöchheim bei der "Fastnacht in Franken" sind Sie mir ins Auge gestochen, weil Sie eher mittelschwer gequält wirkten. Wie jemand, der sich großräumig verlaufen hat. Oder hat das getäuscht? Ich würde jedenfalls nicht zwangsläufig auf die Idee kommen, dass die Narretei und Sie beste Freunde sind. Mein Eindruck ist eher, dass Sie zu jener Gattung Mensch gehören, die zum Lachen im Zweifelsfall in den Keller gehen. Es war tatsächlich so: Wenn das Fernsehen Sie groß im Bild einfing, blinkte bei mir daheim auf dem Bildschirm eine eher spaßbefreite Zone auf.

Ich bin deshalb gespannt, was Ihrer Schlappmaul-Vorgängerin Barbara Stamm zu Ihnen einfällt. Die Laudatio könnte etwas schwierig werden, weil Sie irgendwie nicht richtig zu fassen sind. Und manchmal mit dem ausgeprägten Niederbayerisch auch nicht richtig zu verstehen. Man liest so viele unterschiedliche Dinge über Sie: Als Fettnäpfchen-Garant tauchen Sie in Überschriften ebenso auf wie als Macher. Mal werden Sie als Populist bezeichnet. Manchmal klingt es auch nach Krimi, wenn Sie beispielsweise als "Der Mann ohne Selbstzweifel" bezeichnet werden.

Scheinbar sind Sie alles: Gerade noch Pragmatiker. Dann wieder Alleinherrscher der Freien Wähler und zugleich – was sich eigentlich ausschließt – Sprachrohr des kleinen Mannes. Haudrauf, Bauchpolitiker, Biedermann – es mangelt nicht an widersprüchlichsten Etiketten. Je mehr Porträts über Sie erscheinen, desto unübersichtlicher wird es. Irgendwie scheint alles dabei zu sein. Dazwischen tauchte irgendwo sogar ein "Super-Hubert" auf – aber das war wohl eher ironisch gemeint, weil Sie sich gerne als Retter der bürgerlichen Mitte und damit wohl auch des Abendlandes sehen. 

Nach markanten Sprüchen von Ihnen - und darum geht es ja letztlich bei der Ehrung - habe ich auch gegoogelt. Dabei fällt auf, dass Sie ein ziemlich großer Produzent von Floskelwolken sind. Einer, der sich gerne in Allgemeinplätzen ergeht. Dass man den Tourismus stärken muss. Dass bei der Energiewende keine Zeit zu verlieren ist. Dass Sie das Handwerk neu aufstellen wollen. Dass Sie weniger Bürokratie und vernünftige Vorschriften wollen. Solche Sätze gibt es viele von Ihnen. Ankündigen scheint Ihre Spezialität zu sein. Alles sagt sich schön dahin, wenig ist greifbar. So wie der Satz "Wir müssen gesellschaftliche Werte-Debatten führen." Klar, da kann keiner was gegen sagen – aber es passiert eben auch nichts. Die geballte Ladung Polit-Populismus.

Könnte, müsste, sollte - aber wo bleibt das Machen, Herr Aiwanger?

Ganz oft taucht bei Ihnen auch die Formulierung von "denen da oben" auf. Also da, wo Sie als stellvertretender Ministerpräsident, Bundes- und Bayern-Chef der Freien-Wähler und Wirtschaftsminister inzwischen selber sind. Es sieht so aus, dass Ihnen viele diesen Spagat noch längst nicht abgenommen haben.

Ab und an, lieber Preisträger, geht es aber doch mit Ihnen durch. Dann verschwindet plötzlich das Blatt vorm Mund und der Phrasendrescher steht still. In solchen Momenten werfen Sie der CSU so ziemlich alles vor, von "Filz" über "Spezlwirtschaft" bis zu der Ankündigung, den Christsozialen "die Sporen zu geben". "Korrupt und gekauft" – so lautet Ihre CSU-Definition. Die Bundesregierung haben Sie gar als  "Versagertruppe" tituliert. Und dass die Freien auf Bundesebene bald schon mehr zu sagen haben als die CSU, steht für Sie, den Selbstzweifellosen, sowieso fest.

Na bitte, da ist es ja dann doch noch, das Schlappmaul. Gratulation zu der närrischen Auszeichnung! Und viel Spaß bei der Ehrung am Montag in der Florian-Geyer-Halle in Kitzingen. Dort müssen Sie übrigens zum Lachen nicht in den Keller gehen – weil es keinen gibt. 


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Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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