Würzburg

Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"

Jahrzehntelang galt Sparen als Tugend. Jetzt drohen Negativzinsen selbst den kleinen Sparern. Unsere Erwiderung an die Volksbank Fürstenfeldbruck, die ein Tabu brach.
Filiale einer VR Bank. In Fürstenfeldbruck hat die Volks- und Raiffeisenbank jetzt ein Tabu gebrochen.  Foto: Martin Schutt, dpa

Sehr geehrter Herr Fedinger,

früher war es so: Wenn ein Enkelchen geboren wurde, gingen die stolzen Großeltern feierlich zu ihrer Bank und eröffneten ebenso feierlich für das Kleine ein Konto. Und während das Enkelchen größer wurde, gaben die Großeltern immer wieder was dazu. Zum ersten Schultag, zur Erstkommunion, zum Schulabschluss.

Immer trugen freundliche Schaltermitarbeiter die Summe handschriftlich säuberlich in das Sparbuch ein, den vorangegangenen Eintrag strichen sie mit Lineal sorgsam aus. Einmal im Jahr gingen Großvater und Großmutter zur Bank und ließen die ziemlich ungeraden, aber erklecklichen Zinsen eintragen. Wenn sie gut gelaunt waren, stockten sie die Summe gleich noch auf bis zur nächsten schönrunden Zahl. Und wenn dann Enkeltochter oder Enkelsohn die Volljährigkeit erreicht hatten, übergaben Großvater und Großmutter das Büchlein, das fülliger geworden war über die Jahre.

Der Nachwuchs erfuhr auf diese Weise: Sparen lohnt sich, auch im Kleinen. Denn wenn der Enkel selbst sparte, ab und an mit den Resten vom Taschengeld das Sparschwein fütterte und es Ende Oktober, beim Weltspartag, zur Bank trug – dann gab es dafür immer eine Überraschung.

Jetzt, da Sie für die Volks- und Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck als erstes deutsches Kreditinstitut für Tagesgeld ab dem ersten Euro ein „Verwahrentgelt" für von 0,5 Prozent verlangen, macht man sich das bewusst: dass Sparen mal bürgerliche Tugend war! Und dass die Volksbanken und Sparkassen einmal um all die kleinen und großen Leute buhlten, die ihr Geld nicht verprassten, die kein Häusle bauten und stattdessen lieber was "auf die hohe Kante" legen wollten.

Sparen lohnt schon lange nicht mehr. Jetzt drohen bei Guthaben Strafzinsen. Foto: Oliver Berg, dpa

Einen sparsamen Lebensstil zu pflegen, Sparsamkeit einzuüben – das hieß, die Unterscheidung zwischen Jetzt und Morgen zu kennen und in der Zukunft wichtige Entscheidungen treffen zu können, die man sich in der Gegenwart versagte. Den Sparvereinen, die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkamen, ging es neben der Geselligkeit darum, den kleinen Leuten zu helfen, ihre Pfennige für missliche Zeiten zurückzulegen. Dass das Sparen dann rasch politisiert und im Nationalsozialismus besonders hässlich instrumentalisiert wurde ("Deutsche Art bewahrt, wer arbeitete und spart") – es zeigt nur die Bedeutung.

Mag sein, dass immer schon für individuelle Ziele gespart wurde – in der rationalen Erwartung, dafür belohnt zu werden, sich irgendwann etwas leisten zu können und abgesichert zu sein gegen Risiken im Alter. Die Erziehung zum Sparen in Deutschland jedenfalls scheint über alle Zeiten ausgeprägt und kulturell verankert zu sein – in erstaunlicher Konstanz.

Und jetzt? Jetzt ist die Debatte über Strafzinsen für Sparer voll entbrannt, weil die Währungshüter der Europäischen Zentralbank den Einlage-Zinssatz auf minus 0,5 Prozent gesetzt haben und Finanzinstitute also abgestraft werden, wenn sie bei der Zentralbank Geld parken. Der Bundesfinanzminister beeilt sich, Ihnen und den anderen Geldinstituten davon abzuraten, von kleinen Sparern Strafzinsen zu fordern. Und der bayerische Ministerpräsident wollte schon einen Vorstoß im Bundesrat starten und dafür sorgen, dass es für Guthaben unter 100 000 Euro keine "Strafzinsen" gibt. Oder "Verwahrentgelt", wie Sie ja lieber sagen.

Sehr geehrter Herr Fedinger, was soll man denn tun mit seinem Geld, das man nicht ausgeben möchte? Wenn man vielleicht nicht in Aktien machen, keine Goldbarren in den Tresor legen, keine Immobilien kaufen und sein Erspartes auch nicht unters Kopfkissen legen will?

Ja, sicher, es ist eine blauäugige Haltung aus jener Zeit, als der Weltspartag bei uns auf dem Dorf noch Ereignis war und es fürs Sparen Geschenke gab. Seit Jahren erleben Bankkunden, dass Geldhaben teurer wird und sogar Gebühren anfallen, will mal nur banal seinen Kontoauszug ausdrucken am Automaten.  Geldmarktverluste werden auf private Kleinanleger abgewälzt.

Sie werden sagen, dass auch Banken irgendwie Geld verdienen müssen. Ihr traditionelles Geschäft ist weitgehen zusammengebrochen, seit die Zinsen fast bei null dümpeln. Mit Darlehen können sie keine Profite mehr machen, das klassische Beratungsgeschäft steckt in der Krise, die Lebensversicherung hat – angesichts hoher Abschlussgebühren und minimaler Zinsen – jeden Sinn verloren.

Sie haben also nur noch eine einzige Dienstleistung zu bieten, sehr geehrter Herr Fedinger, auf die die Kunden nicht verzichten können und wollen: Sie sind ein sicherer Aufbewahrungsort fürs Ersparte. Aber dass Sie sich diesen Service jetzt nicht nur von Geschäftskunden, sondern vom kleinen Sparer teuer bezahlen lassen – es ist ein Tabubruch. Ein Kulturwandel. Andere Banken werden folgen. Und die Großeltern von heute werden den Enkeln bald das Geld in die Hand drücken und flehen: Gib es gleich aus.

Mit sparsamen Grüßen,

Alice Natter, Redakteurin

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