Würzburg

Frau Meining, Mozart käme sicher gern!

Mozartlabor Würzburg       -  Evelyn Meining, die Intendantin des Mozartfests.
Foto: Susanne van Loon | Evelyn Meining, die Intendantin des Mozartfests.

Liebe Frau Meining, würde man Wolfgang Amadeus Mozart ins 21. Jahrhundert holen können – er wäre am Freitagabend im Kaisersaal der Residenz sicher gerne bei Ihnen in der ersten Reihe gesessen. Oder nein, er hätte bestimmt noch lieber selbst dirigiert. Wenn die Camerata Salzburg schon seine lange vergessene, übersehene Sinfonie „Il re pastore“ spielte.

Und an diesem Samstag wäre der Mann, dessen Name musikalisch die nächsten vier Wochen Würzburg prägt, sicher mit Freude an Ihrer Seite den ganzen Tag in der Stadt unterwegs. Raus aus dem Konzertsaal, rein in die Fußgängerzone! Umsonst, draußen und für alle spielen kleine und große Ensembles aus der ganzen Region seine Stücke. Und wenn wir schon dabei sind: Dass im Mainfranken Theater bald Papageno rappt und Hip-Hopper und Breakdancer die „Zauberflöte“ singen und tanzen – ja, vermutlich machte dem Komponisten das gehörigen Spaß.

Provinziell? War gestern.

Liebe Frau Meining, das Mozartfest läuft. Und dass man sich als Würzburger darüber freuen kann, daran haben Sie einen gehörigen Anteil. Weit muss man nicht zurückblicken in der 97-jährigen Geschichte. Es ist nicht so lange her, dass das Mozartfest Würzburg – nun, versuchen wir es vorsichtig zu formulieren, um nicht unhöflich zu werden – etwas angestaubt war. Etwas verkrustet. Eher elitär. Auf jeden Fall: provinziell. Das Festival gab sich erhaben, anspruchsvoll. Um angemessene Garderobe ward gebeten.

Bei Ihnen, Frau Meining, ist Mozart auch mal Pop. Gestern Abend sprachen Sie zum fünften Mal als Intendantin in der Residenz die Eröffnungsworte. Und, das sei unterstellt, Sie werden das mit allerhöchster Neugier darauf getan haben, was im kommenden Monat musikalisch passiert, was diskutiert wird, was sich an Überraschungen, Erkenntnissen, Begegnungen auftut. Egal, ob das Publikum Anzug und Fliege oder abgewetzte Jeans trägt.

Was ein bisschen sperrig und verkopft klingt . . .

Rapper und Breakdancer auf der Opernbühne, Streichquartett mit Videoprojektionen im Kino, A-cappella-Quartett, das in der Leerguthalle der Hofbräu „Mundmukke“ macht. Ja, das ist das Mozartfest. Mehr als 60 Konzerte an 20 Spielstätten wird es bis zum 24. Juni geben unter dem Motto „Aufklärung, Klärung, Verklärung“. Das mag ein bisschen sperrig klingen, verkopft. Aber Ihnen geht's um (neue) Mündigkeit, um Freiheit. Sie wollen mit Ihrem Programm Geist und Sinne gleichermaßen ansprechen, Hirn und Herz, Bauch und Verstand. Und sie wollen damit eben nicht nur den üblichen Konzertbesuchern, den Klassikfreunden etwas bieten. Sondern jungen wie älteren Leuten, die mit Mozart, Haydn oder Schumann sonst nichts am Hut haben und denen es egal ist, ob der Pianist das Adagio h-Moll, KV 540, nun schnell oder langsam, streng oder besonders expressiv interpretiert.

Wer im gediegenen Ambiente, in stimmungsvoller Atmosphäre, in barock-prunkvollem Rahmen klassische Musik gespielt von erstklassigen, renommierten Künstlern erleben möchte, der ist beim Mozartfest Würzburg, das als das älteste in Deutschland gilt, genau richtig. Wer Lust hat, sich in der Odeon Lounge auf die groovigen Sounds einer Pianistin, eines Geigers und eines Audiodesigners einzulassen, auch. Wetten, dass der ins 21. Jahrhundert geholte Mozart da im Club gerne selbst am Mischpult stehen würde?

Sie verstecken die hohe Kunst nicht

Liebe Frau Meining, Sie wollen mehr Menschen für Klassik begeistern. Es gelingt Ihnen gut. Sie schaffen tatsächlich, wie versprochen, mit Ihrem Kurs einerseits musikalisch höchsten internationalen Anspruch zu erfüllen. Ragna Schirmer, Hartmut Haenchen, Arvo Pärt – man muss nur auf die Künstler, die von diesem Wochenende an nach Würzburg kommen, schauen. Und andererseits verstecken Sie die hohe Kunst eben nicht in einem elitären, exklusiven, womöglich arroganten Raum. Den Mozarttag in den Straßen und auf den Plätzen haben Sie nicht erfunden. Doch Sie haben das Mozartfest Würzburg zu einem Mozartfest der Würzburger gemacht. Dieses Festival, bundesweit beachtet, ist kein provinzielles Musikereignis mehr. Sondern eines, das auch ein Festival mit der und für die Region geworden ist.

Sie konservieren nicht, rütteln nicht des Rüttelns wegen

Wer Ihnen begegnet, erlebt Sie als ruhige, souveräne, geduldige, offene und interessierte Kulturmanagerin. Die sich und ihr Festival gut verkauft. Die sich auf Künstlerempfindlichkeiten so einlassen kann wie auf Politiker und Sponsoren. Sie achten (gute) Traditionen, rütteln nicht an Bewährtem, nur um Bestehendes umzuwerfen. Aber sie konservieren eben nicht, bewahren und huldigen Mozart nicht nur. Sondern hinterfragen. Sie möchten, dass wir uns mit ihm, mit seiner Zeit, seiner Musik aus unserer Gegenwart heraus auseinandersetzen. Mit den neuen Formaten – Mozartlabor, Gesprächen – laden Sie ein zu einer auch wissenschaftlichen, gesellschaftlichen Beschäftigung mit dem, was auf und jenseits von Partituren war und wird.

Frau Meining, Sie holen Mozart ins Heute. Bleibt nur die Frage: Hätte der Salzburger beim Eröffnungskonzert neben Ihnen Frack oder Jeans getragen?

Herzliche Grüße,

Alice Natter

Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

Jede Woche lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.
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