Grafenrheinfeld

Herr Heierth, es ist dreist wie Sie Bedenkenträger abbügeln!

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Foto: Anand Anders

Sehr geehrter Herr Heierth, wir haben vergangenen Woche einige Stunden miteinander verbracht. In der Kulturhalle in Grafenrheinfeld, als dort die Einwendungen gegen den Abriss des Atomkraftwerkes erörtert wurden.

Ganz ehrlich, es waren keine schöne Stunden. Und erörtern kann man das auch nicht nennen, was dort an zwei Tagen passiert ist. Deswegen ein paar offene Worte – an Sie, als Versammlungsleiter und Vertreter der Abteilung für Kernenergie im Umweltministerium, aber auch an Christian Müller-Dehn, den Leiter der Preussen-Elektra-Delegation. Fangen wir doch mal mit der Atmosphäre an. Und ich meine nicht nur, dass es immer schwierig ist, wenn viele Leute auf einem Podium sitzen und wenige unten im Saal. Zumal, wenn sie für Positionen, Ideologien vielleicht, stehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Trotzdem wäre das alles etwas dialogbereiter und freundlicher gegangen, Herr Heierth. Indem man auf die Namensschilder der Leute aus Umweltministerium, Preussen-Elektra und der Behördenvertreter mehr als nur den Nachnamen geschrieben hätte. Vorname und genaue Position, zum Beispiel. Ist schon nett zu wissen, ob die vielen Aussagen, die sich mit dem Satz: „Alles kein Problem“ zusammenfassen lassen, von der Abteilungsleiterin oder vom Pförtner kommen. Klar, man kann sich das alles zusammengooglen. Aber man könnte auch am Eingang bei der Anmeldung eine Liste mit den Namen bekommen, damit man weiß, wer einem gegenüber sitzt. Wäre doch ein Tipp fürs nächste Mal. Was meinen Sie?

Was ich Ihnen allerdings hoch anrechne: Sie behandeln die Menschen alle gleich. Egal, welchen Status sie haben. Das muss man können. Respekt!

Egal, ob Landrat, Rechtsanwalt, städtischer Referent, Bürgermeister, ungeliebte Aktivistin oder ganz normaler Bürger, der halt ein paar Fragen hat: Jeder fühlt sich gleich abgebügelt. Und wenn er dann noch mehrmals nachfragt, weil er gerne eine konkrete Antwort hätte, hat er auch so einen leicht gereizten Unterton in der Antwort verdient. Gerade Herr Müller-Dehn beherrscht das meisterhaft.

Ganz ehrlich: Ich kann verstehen, dass Sie beide nicht so recht nachvollziehen können, warum einige Leute, darunter hochrangige Verwaltungsleute und Kommunalpolitiker, nicht verstehen wollen, dass es doch vollkommen egal ist, ob alle Unterlagen für den Antrag von Preussen-Elektra vorliegen. Sie machen das schon. Und dann gehen auch noch Leute unter Protest, wie die vom Bund Naturschutz.

Ganz schon unhöflich, aus Ihrer Sicht, stimmt's? Sie haben den Weggang der Bund-Naturschutz-Leute mit ihrem Anwalt ja auch schwer bedauert, Herr Heierth. Ich glaube, man hätte es hinkriegen können, dass Aufstehen und Gehen keine Option ist. Wenn man es denn gewollt hätte.

Wer überspitzt formuliert zum Beispiel eine Dachgaube an seinen Hasenstall anbaut, muss peinlich darauf achten, das er auch ja alles komplett einreicht. Könnte sonst Ärger geben. Und auch Verwaltungen würden sofort eines auf die Mütze kriegen, wenn sie ähnlich nonchalant vorgehen würden. Aber bei Ihnen, beim Umweltministerium und Preussen-Elektra, scheint das anders zu sein.

Man vertraut sich halt blind. Man hat alles im Griff. Und was soll schon schiefgehen? Nur weil sich ein paar Dorfbürgermeister Sorgen machen, dass ihre Feuerwehrleute Strahlung ausgesetzt werden könnten, wenn es keine Werksfeuerwehr mehr geben sollte? Schließlich werden die Anlagen abgebaut, während noch radioaktives Material vor Ort ist. Da muss der Dorfbürgermeister einfach Verständnis haben, Ihnen vertrauen und nicht gereizt reagieren, wenn er nicht gleich eine klare Antwort bekommt.

Solche Leute können aber auch penetrant sein, oder? Das haben Sie sich auch anmerken lassen. Wäre ja noch schöner, wenn bei so einem Termin jeder sagen könnte, was ihm Sorge bereitet – nur weil er hier wohnt und das Ding jedes Mal sieht, wenn er aus dem Fenster schaut. Gut, es gab dann doch eine konkrete Antwort auf die Feuerwehr-Frage. Und am Nachmittag des zweiten Tages schienen vor allem Sie, Herr Heierth, zugänglicher und offener. Das hätte dem Ganzen viel eher gut getan.

Aber einige Fragen hätte ich zum Schluss noch an Sie. War es überhaupt Ihr Ziel, bei der Versammlung zumindest den Eindruck entstehen zu lassen, die Leute ernst zu nehmen? Oder sitzen Sie solche Termine einfach ab, weil es sein muss? Oder glauben Sie, Sie gehören zu den Guten und die anderen sind einfach nur ewig bedenkentragende Nervensägen? Können Sie verstehen, wenn nach dieser Anhörung jemand sagt: „So schafft man Wutbürger“ oder „Die stecken doch eh alle unter einer Decke und machen, was sie wollen“?

Mit besten Empfehlungen

Susanne Wiedemann

Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

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