Würzburg

Lieber Herr Pelzig, Sie versöhnen Leute wie mich mit Franken!

Frank Markus Barwasser alias Erwin Pelzig bei seinem Auftritt im Theater Schweinfurt, organisiert von der Disharmonie.
Foto: Oliver Schikora | Frank Markus Barwasser alias Erwin Pelzig bei seinem Auftritt im Theater Schweinfurt, organisiert von der Disharmonie.

Lieber Erwin Pelzig, danke. Einfach mal: herzlichen Dank. Warum, werden Sie fragen, wir kennen uns nicht. Stimmt, aber wir waren immerhin ein paar mal im gleichen Raum. Gut, der Raum, das waren große Säle, 500 oder 1000 andere Leute waren auch dabei und zwischen uns lagen ungefähr 32 oder 48 Stuhlreihen und mindestens anderthalb Bühnenhöhenmeter. Trotzdem: Danke!

Warum, dazu später. Erst einmal ein Geständnis. Denn am Sonntag ist Tag der Franken, deshalb muss es jetzt mal raus: Franken? Furchtbar. Schrecklich. Einfach schlimm. Wer anderswo in der Republik großgeworden ist und dann vom Schicksal nach Franken geschickt wurde, muss ganz, ganz tapfer sein. Lassen wir den Menschenschlag mal außen vor, der landesweit nicht gerade der besonderen Zugänglichkeit und Freundlichkeit verdächtig ist. Und sprechen wir mal nicht über kulinarische Höhepunkt wie Bratwürste in einem Brötchen, wahlweise eine lange geknickt oder drei mickrige nebeneinander. Die Sprache, diese Sprache! Wo die Buchstaben „t“ und „p“ nur im „Sempft“ stecken, den man an der Daangsdelle aufs Leberkesbröödle drückt. Und wo man alle anderen „p“s, „t“s und „k“s durchs Marmäladndöpfle zieht, um sie bloß schnell zu „b“, „d“, „g“ aufzuweichen.

Das Klangbild? Trotz Marmälad immer grantig und muffig. Und wenn nicht muffig, dann barsch. Relativsätze? Der wo. Die wo. Das wo. Verzeihung, aber da muss man als Zugereister doch schwer schlucken. Und für was steht dieses „fei“ eigentlich genau, das in jedem zweiten Satz verwendet wird und manchmal gleich zwei Mal? Ein verstärkender Einschub, multifunktional, ach so. Bassd scho. Dass das nicht nur als Ausdruck allgegenwärtiger Skepsis und philosophische Stellungnahme gilt, sondern auch als höchstes Lob, kapiert man immerhin schnell. Der Franke reduziert den gesprochenen Text so auf das Wesentliche wie die Soß zu seinem Kloß.

Zugegeben, wenn man selbst aus einem Winkel kommt mit einem Dialekt, über den der Rest der Republik nur laut lacht, sollte man ganz still sein, nicht mucken. Genau, alles außer Hochdeutsch, Sie verstehen. Trotzdem, nach Franken zu ziehen, das muss man sprachlich erst einmal verkraften! Und überall diese rotweißen Rechen. Auf den Bierseideln, Schoppengläsern, an Fahnenmasten, auf Babystramplern, gar auf Gurken und Tomaten. Nichts wie wieder weg von hier.

So, jetzt ist es raus. Aber bevor jetzt Tag der Franken ist, macht man sich halt so Gedanken. Was das so ist, dieses Franken. Wie es so ist. Was typisch ist. Lebkuchen, Bratwürste, Schäufala und Aischgründer Karpfen. Fränkischer Wein und noch mehr fränkisches Bier. Würzburger Residenz, Nürnberger Burg, romantische Dörfer, roter Sandstein, viel Fachwerk. Fränkische Volksmusik. Ach, lieber Erwin Pelzig, aber was davon ist denn echt echt fränkisch?

Die Residenz hat der Balthasar Neumann aus Böhmen gebaut. Der Bamberger Dom ist französische Kathedralgotik. Die Volksmusik: Eine Konstruktion aus der Nachkriegszeit, als man die Tanzmusik der Großeltern nahm und mithilfe des Rundfunks zu einem Stil ernannte. Der Silvaner: Weißweinsorte aus Österreich. Und wie alt mag der fränkische Kloß wohl sein, wo doch die Kartoffel erst Ende des 18. Jahrhunderts in hiesigen Breiten auf den Teller kam? Alles, von der Tracht über Musik, Speisen, Bauten, Bräuche: von woanders hergebracht, geholt, übernommen.

Es soll ja Leute geben, die Franken ein Land ohne Eigenschaften nennen. Eine Region ohne eigenständige Kultur, ohne unverwechselbare Identität. Stattdessen hat sich das Völkchen, das keines ist, kulturparasitär nach Belieben in halb Europa bedient. Copy and paste. Und die Region selbst: ein Konstrukt. Ein Werk der bayerischen Könige, geschaffen im frühen 19. Jahrhundert aus politischem Kalkül. Sprachfranken? Historisches Franken? Verwaltungsfranken? Die Kartografie zeigt zerrissene Flicken. Wer „den“ Franken sucht, wird ihn in Franken nicht finden. Braucht es deshalb einen Festtag, um an die Erfindung des Fränkischen Reichskreises anno 1500 zu erinnern, an eine Art Militärbündnis der frühen Neuzeit? Aber Hauptsache, es wehen jetzt am 2. Juli viele rotweiß-gerechte Fahnen.

Wieso das Danke? Ja, lieber Herr Pelzig, weil es Sie gibt. Weil es Sie mit Ihrer knitzen Art, Ihrer verstörenden Spießigkeit, Ihrem Charme, trotz oder wegen kackbraunem Feincordhütli, Herrenhandtäschli und rot-weiß-kleinkariertem Hemdli schaffen, dass sich ein frankenfremdelnder Zugezogener plötzlich doch aufgehoben fühlt – da, wo man die Bratwürste knickt. Ja, tatsächlich. Ihnen verzeiht man auch die verweichlichte Schbraach.

Und wahrscheinlich ist das das wahre Geheimnis. Dass Franken es immer geschafft hat, sich nicht gegen Fremdes zu wehren, Fremde nicht auszugrenzen, sondern Fremdes und Fremde einfach integriert. Und Sie, lieber Erwin Pelzig, sie können jemanden, der eigentlich gleich wieder wegwollte, besonders gut für sich und sogar für Franken einnehmen. Danke dafür!

P. S.: Wieso heißt Ihr neues Programm eigentlich „Weg von hier“?

Hochachtungsvoll herzliche Grüße,

Alice Natter

Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

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