Würzburg

Sie stehen für intellektuelle Redlichkeit, Frau Wagenknecht

Sahra Wagenknecht       -  „Ich will deutlich machen, dass sich was ändern muss””: Sahra Wagenknecht. Foto: Bernd von Jutrczenka/Archiv
| „Ich will deutlich machen, dass sich was ändern muss””: Sahra Wagenknecht. Foto: Bernd von Jutrczenka/Archiv

Sehr geehrte Frau Wagenknecht, vor einigen Tagen hat die „Süddeutsche Zeitung“ ein Portrait über Sie veröffentlicht; ein dicht geschriebenes und ganz und gar abwertendes Portrait. Am Textbeginn dürfen namentlich nicht genannte Personen Sie als „Autistin“, als „gefährlich“ und als „unterwegs nach rechts“ beschreiben. Am Textende heißt es, dass Sie „in anderthalb Stunden kein einziges Mal gelacht“ hätten. Dazwischen erfährt der Leser, dass Sie Halb-Iranerin sind, Ihr „eigenes Fremdsein aber unterwegs abgestreift haben“, dass Sie einen eleganten Mantel tragen und Ihr Ehemann Oskar Lafontaine von einem Nazi-Lehrer geprägt worden ist. Wozu all diese subtil als biografische Details verbrämten Spitzen? Wozu anonyme Beschimpfungen? Ach so – um zu zeigen, dass Sie, die Spitzenkandidatin der Linken, „oft stramm rechts“ klingen. Das ist die These der Autorin. Und so steht es in der Überschrift.

In Bundestagsreden nachgelesen

Der Text hat mich nicht losgelassen. Manchmal muss ich herumwühlen in Geschriebenem, um herauszufinden, ob Andeutungen stimmen. Also habe ich, sehr geehrte Frau Wagenknecht, viel über Sie und von Ihnen gelesen, unter anderem Ihre Bundestagsreden. Auch jene vom November 2016, aus der die SZ-Autorin unter dem Motto „Und der Ton wird schärfer“ zitiert: „Je mehr Hartz-IV-Empfänger – und Sie wissen, dass die meisten Flüchtlinge im nächsten Jahr Hartz IV bekommen werden – , desto teurer wird es für den Postzusteller und die Aldi-Kassiererin“. Dieser Satz; er gilt der Süddeutschen offenbar als Beleg für rechtes Denken.

Chefs von Gesellschafts-Aufgaben verschont

Ja, Frau Wagenknecht, den Satz haben Sie gesagt. Allerdings nicht ins Blaue hinein, wie es der SZ-Text suggeriert, sondern mit Blick auf steigende Krankenversicherungsbeiträge für gesetzlich Versicherte.

Doris Pfeiffer, Chefin des Spitzenverbands der gesetzlichen Kassen, hat schon vor Monaten genau diesen Bezug hergestellt zwischen vielen anerkannten Flüchtlingen und steigenden Krankenkassenbeiträgen, wie man etwa in der „Zeit“ vom 14. Juli 2016 nachlesen kann. Was Sie in Ihrer Rede weiter gesagt haben, war, dass über höhere Krankenkassenbeiträge die kleinen Leute die Zahlungen für Hartz-IV-Leistungen für Flüchtlinge in stärkerem Maße finanzieren müssen als deren „privat versicherter Chef“, der samt seiner Konzerne von der Finanzierung solcher gesamtgesellschaftlicher Aufgaben verschont werde. Das haben Sie gesagt, nicht mehr. Einen stramm rechten Denkansatz kann ich dabei nicht erkennen. Ich sehe nur eine leicht linkslastige Erklärung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Vielleicht bin ich zu unvoreingenommen.

Reflexartige Unterstellung rechter Gesinnung

Das war jetzt zynisch, ich weiß. Aber mir scheint, dass der angeblich so politisch korrekte Teil unserer Gesellschaft reflexartig mit der Unterstellung einer rechten Gesinnung reagiert, wenn jemand die Kosten für die Aufnahme von weit über einer Million Flüchtlinge berechnet oder wenn er analysieren will, welche Folgen dies für unsere Gesellschaft haben wird. Sie, Frau Wagenknecht, haben sich erlaubt, zu prognostizieren, dass die Migranten, die in Deutschland Arbeit suchen, „die Lohnkonkurrenz“ verstärken, „gerade im Niedriglohnsektor“.

Ja, klar werden die Migranten das tun. Sie werden auf dem Bau arbeiten und zur Konkurrenz für einheimische ungelernte Arbeiter werden. Sie werden in der Gastronomie arbeiten und legal fragwürdige Stundenlöhne unterm Mindestlohnniveau akzeptieren – Löhne, für die zu arbeiten sich die einheimische alleinerziehende Mutter nicht leisten kann. Den Menschen in unserer Gesellschaft, die am wenigsten haben und deshalb um das, was sie haben, am meisten fürchten müssen, wird das – durchaus nachvollziehbar – Angst machen. Sie haben sich lediglich getraut, das anzusprechen.

Sie haben Recht; Probleme löst man besser, wenn man sie benennt. (Außer man heißt Martin Schulz: Der SPD-Kanzlerkandidat startet ja gerade eine Wohlfühloffensive für kleine Leute, wobei er es, politisch geschickt, vermeidet, auf den Grund dafür einzugehen.)

Ängste konkret benannt

Sie haben sich, aus Sicht des politisch korrekten Teils der Gesellschaft, weniger geschickt verhalten. Sie haben die Ängste der kleinen Leute nach der Aufnahme der vielen Flüchtlinge thematisiert. Sie haben also auf eine Wunde gezeigt, auf die zuvor auch AfD-Politiker gezeigt haben. Und genau damit haben Sie eine Todsünde begangen. Dass Sie, Frau Wagenknecht, anders als die AfD die Ängste der kleinen Leute ernst nehmen, ohne dabei auch nur ansatzweise Hetze zu betreiben, bringt Ihnen keine Absolution.

Liebe Sahra Wagenknecht, ich wünsche mir nicht unbedingt Ihren Wahlsieg. Aber ich wünsche mir gerade im Wahljahr eine Gesellschaft, in der Aussagen auf ihre Stichhaltigkeit hin geprüft werden können – in der inhaltlich diskutiert wird. Eine Gesellschaft, die zugeben kann, dass eine Aussage rein inhaltlich richtig sein kann, selbst wenn sie vom politischen Gegner stammt.

In diesem Sinne sind Sie, Frau Wagenknecht, für mich eine intellektuell redliche Person. Ich freue mich auf Ihre Reden im Wahljahr. Von mir aus können Sie dabei Ihren eleganten Mantel anlassen und während der ganzen Redezeit hindurch kein einziges Mal lachen.

Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

Künftig lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.
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