WÜRZBURG

Auch krumme Gurken schmecken

Jeder zweite Kopfsalat wird bei der Ernte aussortiert. Und jedes fünfte Brot wird vom Handel entsorgt. Es sind erschreckende Erkenntnisse, die Valentin Thurn in seinem Kinofilm „Taste the Waste“ präsentiert: Das Essen, das wir in Europa wegwerfen, würde zweimal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. Ein Gespräch über Nahrungsmittelverschwendung.

Frage: Was haben Sie zuletzt weggeworfen?

Valentin Thurn: Heute Morgen war ich bei meiner Mutter. Die hatte noch ein drei Tage altes Brötchen. Das war so hart, das habe ich nicht mehr gegessen.

Vor kurzem hat eine Studie ermittelt, dass im Schnitt jeder Deutsche fast 82 Kilo Lebensmittel jährlich in die Tonne kippt. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?

Thurn: Die Studie an sich ist völlig in Ordnung. Was die Politik daraus gemacht hat, hat mich enttäuscht. An 61 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel ist der Verbraucher schuld, heißt es. In allen Nachbarländern liegt dieser Anteil deutlich niedriger. Das hat auch damit zu tun, dass man die Landwirtschaft für diese Studie außen vor gelassen hat. Zudem haben Handel und Industrie die Forscher nicht in ihre Tonnen schauen lassen. Daher sind die Zahlen ungenau.

Die Welternährungsorganisation geht davon aus, dass die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet. Ein Großteil davon wird bereits auf dem Acker vernichtet . . .

Thurn: In der Landwirtschaft wird aussortiert, was nicht gut ausschaut. Die Bauern kriegen Produkte, an denen ein kleiner Makel ist, nicht mehr los. Zum Teil sind das aberwitzige Geschichten. Landwirte haben uns Rote Beete gezeigt, die sie aussortieren mussten, weil sie einen kleinen Riss hatten. Das passiert, wenn besonders viel Zucker in den Zellen ist. Das sind eigentlich die leckersten. Und genau das schmeißen wir weg.

Das trifft genauso auf Gurken, Kartoffeln und Karotten zu?

Thurn: Die krumme Gurke, die Kartoffel mit den Micky-Maus-Öhrchen, die Karotte mit drei Beinen – alles muss weg. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Die sind frisch, die schmecken genauso gut, die sind vielleicht etwas komplizierter zu schälen. Schuld ist der Handel, der gemerkt hat, dass sich Lebensmittel umso besser verkaufen, je perfekter sie aussehen.

Welche Mengen werden denn auf diese Art und Weise aussortiert?

Thurn: Ich habe dazu keine wissenschaftliche Untersuchung gemacht. Bauern, mit denen wir gesprochen haben, berichten von einem Viertel bis einer Hälfte ihrer Ernte. Dazu kommt, dass beim Handel und beim Verbraucher weggeworfen wird.

Wer bezahlt das?

Thurn: Wir alle. Die Waren, die aussortiert werden, sind bereits eingepreist. Mein Wunsch lautet: Wenn wir weniger wegwerfen – und ich glaube, dass das machbar ist – sollten wir das, was wir einsparen, in höherwertige Lebensmittel stecken. Die industrielle Landwirtschaft hat uns zwar günstige Lebensmittel beschert, aber nicht bessere.

Müssen wir aufpassen, dass wir unsere Nahrungsmittel nicht verramschen, wie Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner zuletzt gewarnt hat?

Thurn: Auf jeden Fall. Es findet eine Entwertung unseres Essens statt. Es ist die Entfernung der Menschen zur Landwirtschaft, die diese Entwicklung bedingt. Je länger wir in der Stadt leben, desto weniger haben wir den Bezug zu erkennen, was gut oder schlecht ist.

Wenn man abends um halb acht zum Bäcker geht, sind die Regale noch voll. Müssen wir, wenn wir weniger Lebensmittel in der Tonne haben wollen, uns daran gewöhnen, dass es zu dieser Zeit nicht mehr das volle Sortiment gibt?

Thurn: Das denke ich schon. Wir haben das Anspruchsdenken, dass bis Samstagnachmittag noch 100 Joghurt-Sorten da sein müssen oder das komplette Angebot in der Bäckerei. Das geht nicht. Aber es liegt auch am Handel. Einzelne Bäckereien haben reagiert und verringern ihr Angebot gegen Abend. Und was dann noch in den Regalen liegt, gibt es billiger. Das tun viel zu wenige. Es gibt auch andere Gedanken: Man könnte etwa das Mindesthaltbarkeitsdatum in den Barcode des Joghurts integrieren und automatisch einen Rabatt an der Kasse geben. Die Leute würden dann nicht nach den längsten, sondern nach den kürzesten Mindesthaltbarkeitsdaten suchen, um Geld zu sparen.

Sind unsere Lebensmittel zu billig, wenn man einen Joghurt für 39 Cent eher wegwirft als ihn zu probieren?

Thurn: Definitiv. Das liegt vor allem am Druck, den die fünf verbliebenen Handelsketten ausüben. Nehmen Sie nur die Milchpreise, die jetzt wieder gesunken sind. Es gibt zwar eine faire Milch, aber keinen fairen Joghurt. Die paar Cent würde ich gerne drauflegen.

Frau Aigner hat als Folge der Wegwerfstudie eine Kampagne unter dem Motto „Zu gut für die Tonne“ gestartet. Derzeit werden Flyer verteilt, um über das Mindesthaltbarkeitsdatum aufzuklären. Reicht das, um dieses Problem anzugehen?

Thurn: Gut ist, dass endlich etwas gemacht wird. Es fängt am falschen Ende an. Das meiste, was weggeworfen wird, hat gar kein Datum. Aber wenn man schon über das Mindesthaltbarkeitsdatum aufklären will, wäre es eigentlich sinnvoll, das auf dem Produkt selber zu machen. Die Leute müssen den Unterschied erkennen zwischen dem Verbrauchsdatum und Mindesthaltbarkeitsdatum. Das eine hat mit Gesundheitsgefährdung zu tun, das andere nicht. Viele schmeißen schon aus Vorsicht abgelaufene Waren weg. Man könnte es dem Verbraucher einfacher machen und den Unterschied farblich kennzeichnen.

Valentin Thurn

Der Filmemacher Valentin Thurn zeigt in „Taste the Waste“ Beispiele für die globale Lebensmittelverschwendung. Er hat bisher acht Filmpreise gewonnen. Zum Film ist das Buch „Die Essensvernichter“ erschienen. Derzeit arbeitet Thurn an der Initiative „Foodsharing“ (deutsch: „Essen teilen“). Über diese Plattform sollen junge Leute übrige Lebensmittel bei anderen Teilnehmern abholen können. Text: sok/Foto: dpa

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