Der blutige Sommer 2016 muss uns stark machen

Schwerverletzte bei Attacke in Zug bei Würzburg
Ein Feuerwehrfahrzeug steht am 18.07.2016 in Würzburg (Bayern) an einer Straßenabsperrung. Ein Mann hat in einem Regionalzug Reisende angegriffen und laut Polizei mehrere Menschen lebensgefährlich verletzt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (dpa)

Terror in Nizza, Würzburg und Ansbach. Amoklauf in München. Putschversuch in der Türkei. Es sind Jahrestage des Schreckens, die sich gerade häufen. Der blutige Juli 2016 hat unser Vertrauen in allumfassende Sicherheit zerstört. Wenn es heute heißt, die Welt sei aus den Fugen geraten, hat dieses Gefühl seinen Ursprung in den sich überschlagenden Ereignissen vor einem Jahr.

Die schwarze Serie beginnt, als Europa gerade ein wenig aufatmet. Der Brexit-Schock vom Vormonat ist etwas abgeklungen, die Fußballeuropameisterschaft im Frankreich unter schärfsten Sicherheitsmaßnahmen ohne größere Zwischenfälle zu Ende gegangen. Da trifft der Terror die westliche Welt umso härter. In Nizza rast ein Lastwagen in eine Menschenmenge, die fröhlich den Nationalfeiertag begeht. 86 Menschen sterben. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert die Tat für sich, die offenbar Monate später als Blaupause für den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten dient.

Während Deutschland mit den französischen Nachbarn trauert, verletzt ein 17-Jähriger in Würzburg in einem Regionalzug mit Axt und Messer fünf Menschen. Der Täter war als Flüchtling nach Deutschland gekommen und hat dem IS die Treue geschworen. Der Anschlag macht klar: Es bedarf keiner aufwendigen Planung, keiner illegalen Waffen – Werkzeuge aus dem Baumarkt genügen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Fanatismus kann sich jederzeit und überall Bahn brechen

Fanatismus und grenzenloser Hass auf „Ungläubige“ können sich jederzeit und überall Bahn brechen: In Ansbach sprengt sich ein 27-jähriger Geflüchteter aus Syrien bei einem Musikfestival mit einer Rucksackbombe in die Luft. Und im provinziellen französischen Rouen töten Islamisten während der Morgenmesse einen Priester. In diesen Tagen überschlagen sich die Nachrichten, Bilder, Orte, Opferzahlen, Angaben über die Täter verschwimmen zu einem diffusen Katastrophenszenario. Gleichzeitig entfaltetet sich vor den Augen der entsetzten Weltöffentlichkeit ein blutiges Drama in der Türkei. Teile der Armee versuchen, die Regierung zu stürzen. Menschen werden erschossen, von Panzern überrollt.

Als der Militärputsch niedergeschlagen ist, sind fast 250 Todesopfer und mehr als 2000 Verletzte zu beklagen. Der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdogan nutzt den Putschversuch für eine gnadenlose Abrechnung mit allen, die nicht für ihn sind. Das beliebte Urlaubsland, der EU-Beitrittskandidat, die Heimat vieler Mitbürger, schlittert in Richtung Diktatur. Nur der Umstand, dass Europa in der Flüchtlingsfrage auf die Türkei angewiesen ist, verhindert, dass das Band komplett zerschnitten wird.

Der Rechtsstaat muss seine Waffen schärfen

Der Juli 2016 hat Deutschland aus einer Art Dornröschenschlaf gerissen, gezwungen, neu über Sicherheit nachzudenken. Diverse Sicherheitspakete wurden verabschiedet; manche Maßnahmen sinnvoll, manche weniger. Spätestens das unglaubliche Behördenchaos im Fall des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri hat die Schwachstellen gnadenlos offengelegt. Seither wurden etliche Anschläge verhindert, zahlreiche Gefährder dingfest gemacht.

Doch gerade weil die Terrormiliz IS militärisch am Boden liegt, wird sie nun umso mehr versuchen, den Westen zu treffen – im Inland wie im Ausland. Zwei deutsche Touristinnen, erstochen im ägyptischen Taucherparadies Hurghada – das ist nur die jüngste der Schreckensnachrichten, die seit dem Fanal vom Juli 2016 nicht abgerissen sind. Sie dürfen weder zu Abstumpfung führen, noch zu Resignation. Sondern müssen die konsequente Besinnung auf das Prinzip der wehrhaften Demokratie zur Folge haben. Der Rechtsstaat muss seine Waffen schärfen und der sich ständig ändernden Bedrohung anpassen. Und er muss sie bei Bedarf ohne Zögern und Zaudern einsetzen. Dann hat menschenverachtender Terror auf Dauer keine Chance.

Rückblick

  1. Axt-Attentat in Würzburg: Hongkonger bekommt Rettungsmedaille überreicht
  2. Drei Jahre nach Würzburger Axt-Anschlag: Ermittlungen dauern an
  3. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Rettungsmedaille für Hongkonger
  4. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Opfer von damals heiraten
  5. Würzburger Muslime besorgt um den Ruf ihrer Religion
  6. Kennt Bundesanwaltschaft den Hintermann des Axt-Anschlags?
  7. Axt-Attentat: Der Terror vor der Haustüre
  8. Wie die Polizei mit gefährdeten Jugendlichen umgeht
  9. Jugendliche stark machen im Kampf gegen Radikalisierung
  10. Landrat plädiert für anderen Umgang mit Flüchtlingen
  11. „Diese Politik ist menschenverachtend“
  12. „Und immer wieder bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück“
  13. Terror: Mehr Schutz für die Ersthelfer
  14. Helfer im Einsatz: Die Angst kommt erst später.
  15. „Kein Anschlagsszenario, das zuvor irgendjemand im Blick hatte“
  16. Leitartikel: Der Anschlag von Würzburg bleibt rätselhaft
  17. Axt-Attentat in Würzburg - Ein Jahr danach
  18. Der blutige Sommer 2016 muss uns stark machen
  19. Gesellschaft muss sich auf neue Bedrohungen einstellen
  20. Die Feuerwehr im Einsatz: Das Jahr 2016
  21. Nach dem Axt-Attentat: Checkliste für Retter im Einsatz
  22. Pilotprojekt gegen Radikalisierung
  23. Wie die Welt der Salafisten aussieht
  24. Opfer des Axt-Attentats bleiben optimistisch
  25. Der Tag, an dem Würzburg zur Zielscheibe des Terrors wurde
  26. Leitartikel: Es braucht Wahrheit und Wehrhaftigkeit
  27. Gerhard Kallert: „Kein Grund für mehr Ängste“
  28. Axt-Attentat: „Es tat gut, helfen zu können“
  29. Axt-Attentat: Die Frage nach dem Warum bleibt
  30. Schüsse auf Axtattentäter waren einzige Chance für Polizei
  31. Leitartikel: Trauer und Leid ohne Groll
  32. Axt-Attentatsopfer melden sich erstmals zu Wort
  33. Axt-Attentat: Zustand der Opfer hat sich weiter verbessert
  34. Nach Axt-Attentat: Erste Opfer fliegen nach China zurück
  35. Axt-Attentat: Chat belegt Kaltblütigkeit
  36. Nach Axt-Attentat: Konferenz für Pflegefamilien
  37. Axt-Attentäter anonym in Bayern bestattet
  38. Ein Monat zwischen Alptraum und Alltag
  39. Nach dem Axt-Attentat: „Nichts ist mehr so, wie es mal war“
  40. Asylantrag wegen technischer Störung unentdeckt
  41. Axt-Attentat: Spendenkonto für die Opfer eingerichtet
  42. Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft kümmert sich um Angehörige
  43. Ein anonymes Grab für den Axt-Attentäter?
  44. Axt-Terrorist schlüpfte ungeprüft aus Ungarn herein
  45. Zweifel an islamischem Begräbnis für Attentäter
  46. Die Zugfahrt, die im Alptraum endete
  47. Keine jungen Flüchtlinge in Pflegefamilien
  48. Bahn will hunderte Sicherheitskräfte neu einstellen
  49. Die Angst vor dem Terror
  50. Axt-Attacke: Leiche des Täters noch nicht freigegeben

Schlagworte

  • Bernhard Junginger
  • Amokläufe
  • Anis Amri
  • Attentat in Würzburg
  • Islamischer Staat
  • Putschversuche
  • Recep Tayyip Erdogan
  • Rechtsstaatlichkeit
  • Terrormilizen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!