„Die Chancen der Digitalisierung sind immens, ihre Wagnisse nicht minder“

„Die Chancen der Digitalisierung sind immens, ihre Wagnisse nicht minder“       -  _

In der griechischen Mythologie öffnet Pandora, die Ehefrau des Bruders von Prometheus, eine ihr von Zeus mit Vorwarnungen übergebene Büchse, aus der alle Laster und Untugenden sich über die Menschheit ergießen. Die Hoffnung als einzige Tugend aber verbleibt in der sagenumwobenen Büchse und nährt somit den Glauben an die Zukunft. Von dieser Hoffnung werden aktuell die Bundesländer angesichts eines vom Bund für den Ausbau der digitalen Ausstattung an Schulen zugesicherten Investitionsvolumens von fünf Milliarden Euro getragen.

So wichtig die digitale Entwicklung und kognitive Erziehung unserer Schülerinnen und Schüler ist, so maßvoll, fokussiert und pädagogisch überlegt sollten diese Mittel eingesetzt werden. Im globalen Wettstreit mit den Wirtschaftssupermächten China und USA droht Europa den digitalen Anschluss zu verlieren. Alibaba, Google, Facebook & Co. müssen aktuell keinen europäischen Wettbewerber fürchten – die Aufholjagd kann nur mit einer digital affinen Gesellschaft gelingen. Insofern ist die Ausstattung unserer Schulen mit Tablets, Smartboards und verbesserten WLAN-Infrastrukturen mehr als überfällig, um zumindest mittelfristig wieder auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern gelangen zu können.

Die Studierfähigkeit hat abgenommen

Die digitale Entwicklung unserer Gesellschaft darf dabei aber nicht zu einer Vernachlässigung unseres kognitiven Grundrepertoires, unserer intellektuellen Basisfähigkeiten, führen. Die Übergabe dieser Grundfertigkeiten an eine künstliche Intelligenz, die kritiklose Übertragung der Lebenskontrolle an digitale Medien (Menschen breiten ihr Leben auf Facebook und Instagram aus) lässt uns schnell in ein Abhängigkeitsverhältnis von digitalen Mächten geraten. Die Macht der Maschinen, die Herrschaft der Künstlichen Intelligenz ist kein epischer Science-Fiction-Plot mehr, sondern bereits beginnende Realität. In privaten Haushalten sprechen die Menschen schon mehr mit Siri und Alexa als mit ihrem Partner. Die Studierfähigkeit unserer Jugend (ausgedrückt in der Beherrschung der deutschen Sprache sowie des mathematischen Zahlenraums) hat trotz umfassender technologischer Ausstattung eher abgenommen. Kommunikation erfolgt heute nicht mehr per handschriftlichem, Orthografie, Syntax und Semantik gehorchendem Brief, sondern über Social-Media-Kanäle, die bewusst (Twitter) oder unbewusst (WhatsApp) unsere Sprachfertigkeit verkümmern lassen. Der Wert geschliffen formulierter Sätze wird durch eine automatisierte Satz- und Wortvervollständigung obsolet, geübtes Kopfrechnen einfacher mathematischer Zusammenhänge gilt als antiquiert. Mit jedem neuen, smarten Gadget, jeder neuen App treibt uns die Technik vor sich her – und wir bemerken nicht, wie uns die Kontrolle über unser Leben verloren geht.

Neue pädagogische Ansätze wie das „Universal Design for Learning“ sollen die Lernenden ganzheitlich über die Adressierung aller Sinne neurologisch ansprechen – allein aus der Not heraus, dass diese sich nicht mehr auf vermitteltes Faktenwissen konzentrieren können. Unbestreitbar ist die Notwendigkeit einer zielorientierten, an Learning Outcomes ausgerichteten Lehrmethode. Dennoch bestimmen mittlerweile weniger die Inhalte, sondern vielmehr die Art der Vermittlung von Inhalten über den Lernerfolg. Lernende geben sich vermehrt der Passivität hin (Wikipedia wird als Allroundquelle benutzt, anstatt eine qualifizierte Literaturrecherche anzustreben) und können dergestalt Wissen nicht verinnerlichen. Als Konsequenz zeigt sich ein prüfungszentriertes Bulimie-Lernen, welches nachhaltigen Wissensaufbau ausschließt. Nicht mehr „Wissen ist Macht“, sondern mächtig ist, wer weiß, wo etwas steht – Google als Machtzentrum dieser dystopischen, „schönen, neuen Welt“. Robo-Advisor sollen unsere Entscheidungen „objektivieren“ und damit verbessern, Smartwatches und Wearables bestimmen unseren Tagesablauf. Das Humboldt?sche Bildungsideal, Wissen aus Neugier im Sinne einer fundierten Allgemeinbildung zu sammeln, hat in dieser Zukunftswelt keinen Platz mehr.

Digitale Prozesse verstehen und steuern

Diese mahnenden Worte sollen wahrlich keine Technikfeindlichkeit implizieren. Digitale Prozesse bereichern, erleichtern, verschönern, ja verlängern unser Leben – solange wir sie kontrollieren, bewusst steuern und eigenverantwortlich einsetzen. Um dies zu gewährleisten, müssen wir ihre Algorithmen, ihr Ursache-Wirkungs-Konzept und ihre grundsätzlichen Ablaufschemata verstehen. Um die Chancen der digitalen Welt zu nutzen, müssen wir darauf achten, dass unsere menschliche der künstlichen Intelligenz überlegen bleibt. Dies gewährleisten wir aber nicht, wenn wir uns Vereinfachungsstrategien hingeben oder unsere gesamte Persönlichkeit Google, Facebook & Co. preisgeben. Wenn erst einmal Google mehr von mir weiß als ich selbst, ist ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich.

Die Chancen der Digitalisierung sind immens, ihre Wagnisse aber nicht minder. Vernachlässigen und passivieren wir nicht unseren menschlichen Geist, um nicht eines Tages die Büchse der Pandora, einer permanenten Kontrolle künstlicher Intelligenzen, nicht mehr schließen zu können.

Matthias Müller-Reichart

Der Würzburger ist Inhaber des Lehrstuhls für Risikomanagement an der Hochschule RheinMain, Studiendekan der Wiesbaden Business School und Einzelhändler in Würzburg. Müller-Reichart ist zudem Autor von über 130 Veröffentlichungen im Rahmen der Versicherungswirtschaft und des Risikomanagements sowie Berater zahlreicher nationaler und internationaler Versicherungsunternehmen. 2018 wurde er mit dem Lehrpreis der Hochschule RheinMain ausgezeichnet.

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