LEITARTIKEL

Die Grenzen der Narrenfreiheit

Verdacht auf Volksverhetzung nach Faschingsumzug       -  Ein Panzer mit der Aufschrift 'Ilmtaler Asylabwehr' nimmt am 07.02.2016 an einem Faschingsumzug in Reichertshausen im Landkreis Pfaffenhofen (Bayern) teil. Die Behörden ermitteln nun wegen des Verdachts der Volksverhetzung.
Ein Panzer mit der Aufschrift "Ilmtaler Asylabwehr" nimmt am 07.02.2016 an einem Faschingsumzug in Reichertshausen im Landkreis Pfaffenhofen (Bayern) teil. Die Behörden ermitteln nun wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Foto: Florian Simbeck

Vor ziemlich genau einem Jahr, kurz nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, diskutierte ganz Europa, wie weit Satire gehen darf. Der richtige Tenor damals: Satire darf alles – auch Mohammed-Karikaturen sind kein Tabu. Im Sinne der Meinungsfreiheit. Im Fasching ist das die Narrenfreiheit und auch die darf vieles. Die Narren sollen ihren Spott treiben – mit Politik, mit Religion und mit allem, was ihnen vor die Konfettikanone kommt. Deftig darf es sein, gerne auch provokativ. Und doch schossen am Faschingssonntag Karnevalisten im Landkreis Pfaffenhofen und im thüringischen Wasungen weit über dieses Ziel hinaus.

So rollte bei einem Faschingsumzug in Steinkirchen bei Pfaffenhofen ein als Wehrmachtspanzer umgebauter Wagen durch den Ort. Die unzweideutige Aufschrift: „Ilmtaler Asylabwehr“ und „Asylpaket III“. In Wasungen war unterdessen eine Lokomotive aus Pappmaschee zu sehen. Darauf stand „Balkan Express“ – so wird mitunter die Flüchtlingsroute in Südosteuropa genannt – und „Die Plage kommt“. Begleitet wurde der Wagen von als Heuschrecken verkleideten Narren.

Beide Wagen zeigen ein Phänomen der aktuellen Flüchtlingsdiskussion, das man schon seit Monaten beobachten kann: ein Missverständnis von Meinungsfreiheit. Unter ihrem Deckmantel sind für viele im Land Äußerungen salonfähig geworden, die man früher nur aus der rechtsradikalen Szene erwartet hätte. Am Faschingssonntag ist nun aus dem altbekannten „Das wird man wohl noch sagen dürfen...“ ein „Darüber wird man wohl noch lachen dürfen...“ geworden. Und zwar in aller Öffentlichkeit.

Wie niedrig die Hemmschwelle dazu ist, und wie abgestumpft die Gesellschaft bei dem Thema inzwischen zu sein scheint, zeigen die Aussagen der beteiligten Narren. „Ich war mir der Tragweite nicht bewusst“, sagte etwa am Montag ein Vertreter des „Oberilmtaler Carneval-Vereins“ und sprach von einer „Unachtsamkeit“. Tatsächlich seien im Faschingsumzug in Steinkirchen sogar Flüchtlinge mitgegangen.

In Wasungen wischte der verantwortliche Wagenbauer kritische Nachfragen mit einem Handstreich vom Tisch: „Das Motiv hat einen geschichtlichen Hintergrund und erinnert an das 100-jährige Jubiläum der ersten Fahrt des Balkanzugs“, behauptete er gegenüber „Bild“-Online. Was in seine Lokomotive hineininterpretiert wird, sei jedem selbst überlassen, meinte er.

Mitten in der Flüchtlingskrise, in der Deutschland gespalten ist wie nie, in der Asylbewerberheime brennen und die AfD punktet, indem sie Schüsse gegen Flüchtlinge an der Grenze ins Spiel bringt, sind sich Karnevalisten „der Tragweite“ ihrer „Unachtsamkeit“ nicht bewusst oder finden fadenscheinige Ausreden für geschmacklose Wagen. Um im Bild zu bleiben: Diese Narren haben den Schuss nicht gehört.

Zur Schau gestellte Ressentiments heizen die Stimmung weiter an. Schlechte Witze verpuffen nicht einfach, sondern finden im Internetzeitalter Verbreitung und dankbare Abnehmer, die sich in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Über Geschmack kann man nicht streiten. Gerade wenn es um Humor geht, liegen die persönlichen Schmerzgrenzen oft weit auseinander. Ja, es bleibt dabei: Satire darf alles. Aber nicht alles ist Satire. Die Frage, was die beiden Faschingswagen waren – eine Narretei oder Volksverhetzung –, beschäftigt nun die Staatsanwaltschaft.

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