Die Kompromisse des WWF

Warum die Umweltstiftung mit Konzernen zusammensitzt, erklärt Detlev Drenckhahn.
Detlev Drenckhahn
Detlev Drenckhahn Foto: Alice Natter

Es wird seine letzte vierjährige Amtsperiode beim World Wide Fund for Nature (WWF) sein. Und sie begann stürmisch für Detlev Drenckhahn. Seit 8. Juni führt der 67 Jahre alte Würzburger Professor für Anatomie und Zellbiologie die deutsche Sektion der weltweit größten Naturschutzorganisation nicht nur als Präsident, sondern auch als Vorsitzender des Stiftungsrats. Die geänderte Führungs- und Organisationsstruktur soll flexiblere und zügigere Entscheidungen möglich machen. Seit Wochen beschäftigt sich der WWF-Deutschlandchef jedoch nicht nur damit, den Planeten Erde zu retten, sondern auch den guten Ruf der Organisation. Dieser ist durch die Kritik des Filmemachers und Autors Wilfried Huismann im „Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda“ (Gütersloher Verlagshaus) angekratzt. Huismann wirft dem WWF vor, mit Umweltzerstörern wie Ölkonzernen und sogar mit Militärdiktaturen zu kooperieren. Während der WWF und der Verlag um eine außergerichtliche Einigung in ihrem Streit ringen, erläutert Detlev Drenckhahn im Interview, warum die Umweltstiftung mit Großkonzernen zusammensitzt und Kompromisse besser sind als gar nichts.

Frage: Im Eingangsbereich Ihres Würzburger Büros leuchtet Besuchern Schwarz auf Gelb das Hinweisschild „Achtung Gentechnik“ entgegen.

Detlev Drenckhahn: Das ist für mich als Naturschützer und Skeptiker der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in der freien Natur kein Widerspruch. Ich bin Mediziner, und die medizinische, Rote Gentechnik ist sehr wichtig. Sie rettet Leben. Viele Krebsmittel und Hormone werden ja gentechnisch hergestellt. Was der WWF ablehnt, ist Gentechnik in der Landwirtschaft solange Gefahren für Mensch und Natur nicht ausgeschlossen werden können. Der WWF möchte aber künftige Optionen der Grünen Gentechnik nicht ausschließen.

Der Filmemacher und Buchautor Wilfried Huismann wirft dem WWF unter anderem vor, er kooperiere mit dem US-amerikanischen Agrar- beziehungsweise Biotechnologiekonzern Monsanto, der ja stark auf Grüne Gentechnik setzt.

Drenckhahn: Wir arbeiten nicht mit Monsanto zusammen. Monsanto ist einer von rund 300 Teilnehmern beim Runden Tisch für verantwortlichen Sojaanbau, dem RTRS (Round Table on Responsible Soy). Auch für die Palmölindustrie gibt es einen Runden Tisch. Die einzelnen Verhandlungsrunden wurden vom WWF initiiert. Dort sitzen die größten Soja- und Palmölproduzenten, Händler, Banken, Vertreter von WWF und anderen Umweltorganisationen.

Was wird an den Runden Tischen besprochen?

Drenckhahn: Es geht vor allem um Sozial- und Umweltstandards für zertifizierten Anbau von Agrarrohstoffen. So haben wir erreicht, dass in Brasilien und Indonesien kein Soja und Palmöl mehr von den Runden Tischen anerkannt wird, das von Flächen seit 2008 gerodeter Urwälder stammt. Degradierte Wälder, obwohl ökologisch oft noch wertvoll, dürfen dagegen nach bestimmten Kriterien in Plantagen umgewandelt werden. Das ist ein Kompromiss, den man kritisieren kann. Aber so bleibt jedenfalls ein großer Teil der restlichen Urwälder erhalten. Darüber hinaus fordern wir die Anerkennung der Rechte der lokalen, indigenen Bevölkerung. Wenn die Agrarkonzerne diese Standards einhalten, bekommen ihre Produkte ein Zertifikat, das inzwischen viele Importeure in Europa und anderswo verlangen.

Das Zertifikat verhindert jedoch nicht den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen.

Drenckhahn: Ein Soja- oder Palmöl-Zertifikat heißt nicht, dass das Produkt hundertprozentig ökologisch in Ordnung ist. Aber durch die Rundtische haben wir beispielsweise außer dem Schutz wertvoller Wald- und Savannengebiete auch erreicht, dass einer der weltgrößten Sojaanbauer mittlerweile auf eine gentechnikfreie Produktionslinie umgestellt hat. Beim Palmöl geht es nicht um Gentechnik, sondern um die für Natur- und Wasserhaushalt so wertvollen Tropenwälder, damit diese nicht gänzlich für Palmölplantagen abgeholzt werden.

Entsteht bei diesen Runden Tischen nicht eine Annäherung an gewinnorientierte Agrarkonzerne?

Drenckhahn: Diese Verhandlungen sind mühevoll, aber schrittweise können wir für die Natur und die dort lebenden Menschen positive Veränderungen erreichen und Schäden reduzieren. Natürlich müssen wir Kompromisse eingehen, um Unternehmen zum besseren Umgang mit den zur Rodung frei gegebenen Flächen zu bewegen. Wir tun das, damit nicht alles zerstört und genutzt wird, wie das in Europa geschehen ist. Geld von diesen Unternehmen nehmen wir nicht an, um unabhängig zu bleiben.

Sitzen Sie als Präsident von WWF-Deutschland an den Runden Tischen?

Drenckhahn: Nicht ich, sondern die WWF-Vertreter der betroffenen Länder wie Brasilien, Argentinien oder Indonesien. Die WWF-Organisationen in Deutschland oder anderswo wollen nicht wie Kolonialherren erscheinen, die sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen, zumal wir ja in Europa kein gutes Beispiel im Umgang mit der Natur abgegeben haben. Wir sind aber über die Verhandlungsziele voll informiert und mitverantwortlich.

Warum verhandeln Agrarproduzenten überhaupt mit dem WWF und anderen Umweltorganisationen? Womöglich aus Imagegründen?

Drenckhahn: Die Unternehmen wissen, dass der WWF lösungsorientiert ist. Wir gestehen jedem Unternehmen erst einmal zu, dass oft nur das Problembewusstsein fehlt. Viele Unternehmen wollen von selbst ökologisch besser werden und suchen bei uns Rat, wie sie diese Ziele erreichen können. Das bezieht auch Saatgutunternehmen ein, die mit Hilfe der Gentechnik oder anderen Zuchtmethoden Pflanzenkrankheiten und Pestizideinsatz verhindern wollen. Es wäre doch geradezu überheblich, aus fundamentalistischen Vorbehalten nicht in einen offenen Gedankenaustausch zu treten. Niemand ist allwissend und niemand weiß, welche Probleme auf die Menschheit noch zukommen. Als Wissenschaftler lernt man, stets offen für Neues zu sein.

Das ist eine sehr versöhnliche Einstellung. Ist dann in Ihren Augen zum Beispiel die Umweltorganisation Greenpeace mit ihren spektakulären Aktionen auf dem Holzweg?

Drenckhahn: Man müsste Greenpeace erfinden, wenn es Greenpeace nicht gäbe. Greenpeace ist mehr kampagnenorientiert, scheut keine Konfrontationen und zeigt mutig Missstände auf. Der WWF ist mit Greenpeace in regelmäßigem Austausch und hat übrigens auch das legendäre Schiff „Rainbow Warrior“ mitfinanziert. Greenpeace verfügt jedoch nicht über ein so weltumspannendes Netzwerk von über 5000 angestellten Menschen und ihren vielen Partnern wie der WWF. Der WWF wiederum könnte ohne die Aktionen von Greenpeace oftmals weniger Verhandlungsdruck aufbauen.

Zu Ihren Gesprächspartnern zählen auch die Firmenchefs von Krombacher oder EDEKA.

Drenckhahn: Mit der Krombacher Brauerei, EDEKA und anderen Unternehmen haben wir tatsächlich intensive Kooperationen. Krombacher darf das WWF-Logo, den Panda, verwenden und damit werben, weil das Unternehmen durch die Regenwaldstiftung mit dem WWF große Urwaldgebiete im Kongo schützt und derzeit die Wiedervernässung riesiger Sumpfwälder in Borneo finanziert, um die größte Orang-Utan-Population der Erde zu retten. Mit EDEKA haben wir etwa vereinbart, dass in den Filialen nur noch mit dem MSC-Siegel zertifizierter Wildfisch verkauft wird, also aus nachhaltigem Fischfang. Das entspricht fast 50 Prozent des gesamten deutschen Fischverbrauches. Darüber will EDEKA ausschließlich Fleisch von Tieren verkaufen, die nur mit gentechnikfreiem Futtermittel vorwiegend aus heimischem Anbau gemästet wurden. Und vieles mehr. So werden die Nachfrage nach Soja und der Druck auf die Tropenwälder verringert. Mit solchen Kooperationen können der WWF und die EDEKA-Kunden die Zulieferer und Märkte im Sinne der Grünen Wirtschaft wandeln. Die Politik schafft das nicht. Das haben wir ja gerade in Rio erlebt.

Sie sind seit über 30 Jahren im WWF aktiv, seit acht Jahren Präsident von WWF-Deutschland und Mitglied im internationalen WWF-Präsidium. Welche Ziele möchten Sie in den vier Jahren Ihrer letzten Amtszeit verwirklichen?

Drenckhahn: WWF-Deutschland ist die drittstärkste Nichtregierungsorganisation im WWF-Netzwerk. Dennoch müssen wir in einer der reichsten Nationen der Erde es erreichen, unsere weltweite Naturschutzarbeit und unseren Einfluss auf eine grüne Markttransformation in den nächsten Jahren zu verdoppeln. Das bedeutet auch, dass wir unsere Mitgliederzahl von derzeit 435 000 verdoppeln müssten, denn zwei Drittel unserer Mittel stammen von den Mitgliedern und weniger als zehn Prozent aus Unternehmenskooperationen. Auch müssen wir noch mehr in die Jugendbildung investieren, damit Kinder und Jugendliche möglichst früh ein ökologisches Problembewusstsein entwickeln. Und wir müssen noch transparenter werden und jede Unternehmenskooperation detaillierter offenlegen als bisher, um Skandalisierungs- und Verschwörungsfanatikern wie Wilfried Huismann den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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