„Die Synode ist ein Experiment“

Abt Jeremias Schröder, Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien im Kreis Landsberg am Lech, ist einer von vier Teilnehmern aus Deutschland, die im Oktober in Rom über den Kurs der Kirche mitentscheiden. Er hofft, dass Chancen wahrgenommen werden. Neben Schröder gibt es drei weitere stimmberechtigte Synodenteilnehmer aus Deutschland – Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, Bischof Franz-Josef Bode und Erzbischof Heiner Koch.

Frage: Abt Jeremias, sind Sie bereit für den Kampf?

Abt Jeremias: Ich hoffe sehr, dass die bevorstehende Weltbischofssynode keine Kampfsynode wird, trotz der zurzeit sichtbaren Polarisierungen. Ich hoffe, dass wir gemeinsam an Lösungen arbeiten werden.

Wenn man dieser Tage hört, wie sich einige katholische Amts- und Würdenträger im Vorfeld der dreiwöchigen Synode zum Thema Ehe und Familie äußern, dann muss man feststellen: Konservative und eher reformorientierte Kirchenvertreter ringen überaus heftig um den Kurs der Kirche.

Jeremias: Ich frage mich momentan eher, ob Papst Franziskus auf der Ebene von Synoden etwas erreichen kann. Eine Synode, die lediglich wiederholt, was bereits gesagt wurde, gab es schließlich schon oft.

Damit wäre nichts gewonnen, das wäre ein Stillstand. Und Papst Franziskus erwartet sich offensichtlich mehr von dieser Synode. Die spannende Frage ist also: Kommt es zum mutigen Schritt nach vorn oder wird Bekanntes wiederholt?

Hätte Franziskus nichts ändern wollen, hätte er die Familiensynode nicht einberufen müssen.

Jeremias: Ich glaube, es ist wichtig zu sehen, dass Franziskus die Synode als Instrument stärken wollte. Synoden gibt es seit langem, aber sie haben nicht wirklich Bahnbrechendes bewirkt in der Vergangenheit. Franziskus wollte der Weltkirche eine Stimme geben im Voranbewegen der Kirche – und das passiert jetzt. Für seine erste Synode hat er ein Thema gewählt, bei dem er offensichtlich Änderungsbedarf sieht.

Es geht um die Kirchenlehre zu Ehe und Familie, etwa um den Umgang mit wiederverheirateten Katholiken. Erleben wir gerade einen Wahlkampf um mehrheitsfähige Positionen?

Jeremias: Vorfestlegungen halte ich für wenig hilfreich. Alle wichtigen Dinge müssen beispielsweise bei uns im Kloster von allen Mitbrüdern gemeinsam entschieden werden. Denn wir sind uns bewusst: Erst wenn alle zusammenkommen und ein Problem von allen Seiten beleuchten, lässt sich allmählich feststellen, wie eine Lösung aussehen könnte. Dieses Vorgehen erwarte ich mir auch von der Synode.

Was wollen Sie einbringen?

Jeremias: Viele Fragen, um die es geht, sollte man regional entscheiden dürfen. Wir brauchen nicht für jedes Problem eine einheitliche, gesamtkirchliche Lösung, die in Rom erarbeitet wurde. Die Kirche muss sich vielleicht darauf verständigen, dass in unterschiedlichen Weltregionen und Kulturkreisen ein jeweils anderer Umgang mit dem komplexen Thema Familie ermöglicht wird. Ein Ordensmitglied aus dem Nahen Osten sagte mir: Eine Würdigung gleichgeschlechtlicher Lebensformen durch die Kirche wäre, rein hypothetisch, möglicherweise in Europa denkbar. Im islamischen Kontext wäre es das aber keinesfalls.

Welchen Beitrag zur Familiensynode können Sie speziell als Ordensmann denn leisten?

Jeremias: Wir Benediktiner gehen sehr versöhnt und annehmend miteinander um. Vielleicht kann das auch mit einfließen in die möglicherweise überhitzte Situation in Rom. Ich erhoffe mir, dass spürbar wird, dass die Kirche die Nöte, Ängste und Sorgen der Menschen ernst nimmt. Dass spürbar wird: Da ist Leben in der Kirche, da bewegt sich was.

Ein frommer Wunsch?

Jeremias: Die Synode ist ein Experiment, und ich wünsche mir, dass es glückt. Dass sich zeigt: Die Weltkirche kann bei derartigen Entscheidungen mitreden, sie müssen nicht nur der Römischen Kurie überlassen werden. Das wäre eine echte Veränderung in der Leitungskultur der katholischen Kirche. Wenn das klappt, wäre das ein großer Schritt vorwärts.

Kardinäle und Bischöfe vermitteln den Eindruck, dass sie zutiefst zerstritten sind. Ist das nicht ein verheerendes Bild, welches die Kirche da abgibt?

Jeremias: Ich vermute, dass das vor Ort in Rom ganz anders sein wird. Das Prozedere der Synode wurde auch leicht verändert: Man will jetzt schon viel früher in Kleingruppen diskutieren. Das war ursprünglich erst für die zweite Hälfte der Synode geplant. Da merkt man: Die Synodenteilnehmer sollen ins Gespräch miteinander gebracht werden. Ich gehe ganz entspannt und optimistisch in die Synode hinein.

Wie erklären Sie jemandem, der von hochrangigen Kirchenvertretern erwartet, Vorbild in Sachen Nächstenliebe zu sein, die gegenwärtigen Machtkämpfe?

Jeremias: Die Schärfe der Auseinandersetzung hat sicher auch damit zu tun, dass es bei der Synode wirklich um etwas geht – etwas, das ganz viele Menschen bewegt. Das war bei den früheren Synoden nicht unbedingt immer der Fall. Wer erinnert sich an die Themen der letzten fünf Synoden? Man muss bestimmte Positionen nicht teilen. Aber man muss doch anerkennen, dass etwa ein Bischof mit seinem Gewissen hinter ihnen steht. Es wird spannend.

Franziskus hat die Annullierung von Ehen erleichtert und damit konservative Kirchenvertreter verärgert.

Jeremias: Wir haben ein sehr kraftvolles Jesus-Wort zur Unauflöslichkeit der Ehe. Das steht kernig, aber auch sperrig im Raum. Dem kann sich die Kirche nicht einfach entziehen. Gleichzeitig hat die Kirche bereits im 4. Jahrhundert Wege gefunden, mit dem Scheitern von Menschen umzugehen. Es war eine im Konzil von Nicäa gefasste Position, dass in der kirchlichen Gemeinschaft angenommen werden muss, wer in einer zweiten Ehe zusammenlebt. Foto: Andreas Knappe

„Wir brauchen nicht für jedes Problem eine einheitliche, gesamtkirchliche Lösung, die in Rom erarbeitet wurde.“
Abt Jeremias Schröder

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