BERLIN

„Die Syrer sind nicht alleine“

Andre Find
Andre Find ist einer der Gründer von "Adopt a Revolution". Foto: Privat

Seit mehr als einem Jahr protestiert die syrische Bevölkerung gegen das Regime von Diktator Baschar al-Assad. Meldungen über bewaffnete Auseinandersetzungen beherrschen die Medien. Dabei gebe es noch ein anderes, friedliches Gesicht des Protests, sagt Andre Find vom Projekt „Adopt a Revolution“ (auf Deutsch: Adoptiere eine Revolution, siehe Text unten). Sein Projekt sammelt Spenden für lokale Widerstandskomitees in Syrien und möchte damit ein Zeichen der Solidarität setzen.

Frage: Sie haben sich ein Jahr Auszeit genommen, um die Opposition in Syrien von Deutschland aus zu unterstützen. Wie kam es dazu?

Andre Find: Die Idee entstand, nachdem mein Freund Elias Perabo von einer Reise aus Syrien zurückkehrte. Er hat die Aufstände vor Ort miterlebt, viele Kontakte zu Oppositionellen geknüpft und den Aufbau der Lokalen Koordinierungskomitees (LCC) unterstützt. Als er wieder in Deutschland war, haben wir uns gefragt, was wir von hier aus tun können, um der Gewalt des Regimes etwas entgegenzusetzen.

Was motiviert Sie dazu, sich sozusagen hauptberuflich für „Adopt a Revolution“ zu engagieren?

FIND: Inzwischen hängt mein Herz an diesem Projekt. Es ist mir sehr wichtig, weil ich das Gefühl habe, es lässt sich tatsächlich etwas bewegen. Wir können etwas erreichen und die Demokratiebewegung unterstützen. Ich möchte den Syrern zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass sich jemand für ihre Lage interessiert.

Auf Ihrer Webseite bieten Sie „Revolutionspatenschaften“ für lokale Widerstandskomitees in Syrien. Welche Rolle spielen diese Komitees im Konflikt?

Find: Die Komitees haben den Protest gegen Assad erst möglich gemacht. Vorher war Syrien eine Republik der Angst, in der niemand eine oppositionelle Meinung kundtun wollte. Die Komitees lassen sich nicht einschüchtern und setzen mit ihrem Gewaltverzicht ein starkes Zeichen, das die Menschen ermutigt.

Es gibt auch einen bewaffneten Arm des Widerstandes, die Freie Syrische Armee (FSA) aus desertierten Regierungssoldaten. Arbeiten die Komitees mit der FSA zusammen?

FIND: Die FSA ist in großen Teilen Syriens gar nicht aktiv. Dort, wo sie vor Ort ist, findet stellenweise eine Zusammenarbeit statt, zum Beispiel wenn die Soldaten eine Demonstration schützen. Aber es findet eine strikte Trennung statt: Wer zur Waffe greift, gehört nicht zum Komitee.

Wie arbeiten die Komitees?

Find: Die Aufgaben sind von Ort zu Ort ganz unterschiedlich. Manche organisieren zum Beispiel die lokale Verkehrsregelung oder leisten humanitäre Hilfe. Die politische Arbeit ist allerdings allen gemeinsam: Sie stellen Demonstrationen und Protestaktionen auf die Beine und leisten Medienarbeit. Außerdem dokumentieren sie die aktuellen Geschehnisse.

Sie betonen, dass die Spenden an „Adopt a Revolution“ ausschließlich dem gewaltfreien Protest zugute kommen. Aber können Sie überhaupt kontrollieren, was mit dem Geld passiert?

Find: Über das Internet halten wir Kontakt zu den einzelnen Komitees. Alle sechs bis acht Wochen führen wir Interviews, um uns ein Bild von der jeweiligen Situation zu machen. Die Komitees müssen uns Berichte über ihre Arbeit schicken, die wir ins Netz stellen. Wir kooperieren auch eng mit den großen Netzwerken der Komitees, um Informationen zu bekommen. Außerdem können wir auf außenstehende Informanten zurückgreifen. Stellt sich heraus, das ein Komitee sich nicht an die Vertragsbedingungen hält, stellen wir die Zahlungen ein. So versuchen wir, möglichst viel Transparenz herzustellen.

  • Was passiert mit den Spenden? Die Berichte der syrischen Widerstandskomitees.
Wie kommt das Geld nach Syrien?

Find: Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir überweisen die Spenden an syrische Geschäftsleute, die ihr Geld im Ausland verwalten. Sie zahlen das Geld dann vor Ort aus. Oder wir überweisen das Geld nach Jordanien, in den Libanon oder in die Türkei. Die Aktivisten kommen dann über die Grenze, um das Geld abzuheben.

„Adopt a Revolution“ beklagt die mangelnde internationale Solidarität mit dem syrischen Volk. Wäre eine militärische Intervention für Sie ein Zeichen der Solidarität?

Find: Wir sind der Meinung, dass es bezüglich der Solidarität noch sehr viel ungenutztes Potenzial gibt. In Syrien versucht das Volk, einen demokratischen Weg einzuschlagen und sich zu befreien. Wir haben eine Verpflichtung, solche Bewegungen zu unterstützen. Eine militärische Intervention halten wir allerdings nicht für die richtige Lösung, auch wenn wir angesichts der Geschehnisse vollstes Verständnis für diese Forderung der Oppositionellen haben. Aber dieser Weg würde nur noch mehr Tote fordern. Wir befürworten den zivilen Widerstand.

Kann dieser Widerstand überhaupt erfolgreich sein?

Find: Unsere Vision ist, dass die Legitimität des Regimes immer mehr untergraben wird, je mehr ziviler Widerstand geleistet wird. Zu Beginn der Proteste gab es 100 bis 200 Demonstrationen pro Woche, inzwischen sind es mindestens 500. In den Medien hat man oft den Eindruck, dass überall Bürgerkrieg herrscht, dabei beschränken sich die militärischen Konflikte auf wenige Regionen.

Kann es mit Assad einen Wandel in Syrien geben?

Find: Darüber haben wir intern viel diskutiert. Inzwischen sind wir aber der Ansicht, dass man Assad an seinen Taten messen muss. Der Friedensplan von Annan ist bereits der zweite, dem er formell zugestimmt hat. Um die Bedingungen für Verhandlungen zu erfüllen, müsste Assad seine Armee abziehen. Wenn er das tut, hat er aber keine Chance mehr, weil er kaum noch Rückhalt im Land hat. Fest steht, dass Syrien nicht mehr zurück kann in das bisherige System unter Assad. Dafür haben zu viele Menschen zu viel riskiert.

In Syrien treffen viele verschiedene Interessen aufeinander, zum Beispiel die aus den USA oder Russland. Was erhoffen Sie sich von der internationalen Gemeinschaft?

Find: Das Bild ist tatsächlich sehr komplex. Europa zum Beispiel setzt sich für Menschenrechte und Demokratie nur mit voller Härte ein, wenn es sich mit wirtschaftlichen Interessen vereinbaren lässt. Die internationale Gemeinschaft sollte alle Brücken zu Assad abbrechen. In Deutschland gibt es zum Beispiel noch nicht mal einen formellen Abschiebestopp. Auch die diplomatischen Beziehungen werden aufrecht erhalten. An diesen Stellen könnte man den Druck noch deutlich verstärken.

Das Projekt „Adopt a Revolution“

Andre Find ist einer der Initiatoren von „Adopt a Revolution“ (Adoptiere eine Revolution). Der 31-jährige Politikwissenschaftler aus Leipzig arbeitete bisher als Online-Campaigner. Gemeinsam mit Elias Perabo und dem gebürtigen Syrer Aktham Abazid hat Find im Dezember 2011 eine Internetplattform ins Leben gerufen, um lokale Widerstandskomitees in Syrien finanziell zu unterstützen. Das Geld soll ausschließlich dem friedlichen und unbewaffneten Protest zugute kommen.

Rund 120 000 Euro sind seit Anfang 2012 zusammengekommen. Circa ein Viertel der 1400 Spender übernahm eine sogenannte „Revolutionspatenschaft“ und überweist nun monatlich einen frei wählbaren Betrag. Die Bankverbindung für Spenden lautet: about.change e.V., Konto-Nr.: 3 53 68 00, BLZ: 86 02 05 00, Bank für Sozialwirtschaft.

Aktuell unterstützt das Projekt 30 von insgesamt rund 300 syrischen Komitees. Eine Förderzusage gilt zunächst immer für drei Monate.

Das Kernteam von „Adopt a Revolution“ besteht aus fünf Mitarbeitern in Berlin und Leipzig. Zusätzlich steht auf Anfrage ein Netzwerk von Unterstützern zur Verfügung. Zu den Partnern gehören zum Beispiel medico international, das Komitee für Grundrechte und Demokratie und die Bewegungsstiftung. Der Beirat, der sich aus deutschen und syrischen Vertretern der Zivilgesellschaft zusammensetzt, legt die Förderleitlinien und die politische Ausrichtung des Projektes fest.

Schlagworte

  • Armee
  • Demonstrationen
  • Diktatoren
  • Oppositionelle
  • Regimes
  • Syrische Bevölkerung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!