WÜRZBURG

Doping: Ein Bericht über einen Bericht

Herunterspielen ist das Gebot der Stunde. Natürlich gab es schon vor dem jetzt veröffentlichten Bericht über Doping im Westen Hinweise auf chemische Nachhilfe für sportliche Leistung. Der Wert der Studie liegt aber vor allem darin, dass Mosaiksteine konzentriert zusammengeführt wurden und so ein System der Heuchelei und Doppelzüngigkeit von Sportpolitikern, Sportfunktionären und Sportmedizinern entlarven: Offiziell gab man sich ehrlich, hinter den Kulissen wurde Betrug mit pharmazeutischer Hilfe gefördert, wenn er nur Medaillen brachte.

Offiziell verweist der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) darauf, die Studie zur Aufklärung selbst initiiert zu haben. Gleichzeitig greift man in die bürokratische Trickkiste: Man fordert einen Bericht über den Bericht. Das braucht Zeit und hilft, das Thema völlig zu zerreden.

Diesen Eindruck hat nicht nur der Historiker Giselher Spitzer, Mitverfasser der Studie „Doping in Deutschland seit 1950“. Spitzer ist enttäuscht darüber, dass DOSB-Präsident Thomas Bach die Studie von einer Kommission um den Ex-Verfassungsrichter Udo Steiner begutachten lassen will. „Ich hatte erwartet, dass die Forschungsergebnisse jetzt intensiv in den Sportfachverbänden diskutiert werden“, sagt Spitzer. „Dass nun ein Jurist die Berichte prüft und Empfehlungen erstellt, halte ich nicht für angemessen – die in der Studie beschriebenen Sachverhalte sind nur zum Teil rechtlicher Art.“

Laut Spitzer sind die Akzente falsch gesetzt: „Wir müssen herausfinden, warum Originalakten geschreddert worden sind, obwohl ihre Bedeutung seit 1991 bekannt war.“ Außerdem sollte die Diskussion darüber beginnen, wie trotz schwieriger Quellenlage die Aufarbeitung des Dopings ab 1990 gelingen kann. Da müsse „Zugang zu allen Archiven“ gewährt werden.

Beim Thema Doping hatte der Regensburger Jurist Steiner schon mehrfach für Bach die Kohlen aus dem Feuer geholt: 2009, als der DOSB sechs ostdeutsche Leichtathletik-Trainer weiterbeschäftigte – obwohl alle eine illustre Vergangenheit in der „Deutschen Doping Republik“ hatten. Eine unabhängige Kommission um Juraprofessor Steiner wurde eingesetzt, bekam ein pauschales Eingeständnis der Doping-Sünder nebst Zusicherung, seit der Einheit natürlich sauber zu arbeiten. Im Gegenzug hat Steiner sie alle zur Weiterbeschäftigung empfohlen.

Steiner war es laut der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ auch, der 2009 der Kommission in anderer Sache half: Den Kritikern, die deutschen Springreitern laxen Umgang mit verbotenen Medikamenten vorwarfen, hielt er entgegen, die Reiter seien „nicht strukturell unredlich“.

Nun soll Steiner wieder ans Werk, Spitzers Studie über das Doping in den frühen Jahren der Bundesrepublik „evaluieren“ und „dem DOSB-Präsidium Empfehlungen geben für den Umgang damit und auch für Lehren in der Zukunft“. Es ist nicht zu erwarten, dass er vor dem 10. September Ergebnisse präsentiert – einem wichtigen Termin für DOSB-Präsident Bach: Dann wird in Buenos Aires der neue Präsident des Internationalen Olympischen Komitees gewählt, für Bach ein Lebenstraum.

An anderer Stelle funktioniert das Verschleppen und Vertuschen nicht mehr: Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, will sich nicht als Alibi missbrauchen lassen. Die Verzögerungen bei der Veröffentlichung des Berichts waren offiziell mit Bedenken wegen Datenschutzes erklärt worden. Schaar sagt: Im März lag ihm eine (von 800 auf 117 Seiten eingeschmolzene) Version vor, die er prüfte. Seit 4. Juli hatte er gegen eine Veröffentlichung keine Einwände mehr. Dennoch bedurfte es weiterer vier Wochen und heftigen Mediendruckes, ehe die Studie im Internet stand. Der Bundesbeauftragte entlarvte die angebliche Rechtfertigung als Ausrede: Er „begreife den Datenschutz nicht als Decke, die über Versäumnisse der Vergangenheit gebreitet werden darf“, schreibt er in seinem Blog. Er betont eigens: Gegen die Offenlegung von Namen (in der 800-Seiten-Fassung) habe er nichts, „soweit Verantwortliche in amtlicher Funktion, Verbandsvertreter oder Spitzensportler an Dopingaktivitäten beteiligt waren“.

Sogar Uwe Seeler meldete sich zu Wort. Der DFB-Ehrenspielführer verwahrt sich gegen den Eindruck, Spieler der deutschen Nationalmannschaft von 1966 hätten Ephedrin benutzt. „Ich kenne keinen, der damals gedopt hat“, sagt der damalige Kapitän. Im Abschlussbericht der Studie wird ein Schreiben des FIFA-Funktionärs Mihailo Andrejevic zitiert. Dies belege, „dass drei deutschen Fußballern am Ende des Turniers 'feine Spuren' Ephedrin nachgewiesen wurden“. Wegen appetithemmender und leistungssteigernder Wirkung wird Ephedrin eingesetzt – „sportrechtlich ein Dopingvergehen“, sagen die Autoren der Studie.

Der frühere 200m-Vizeeuropameister Manfred Ommer – der 1977 Doping zugegeben hat – sagt dagegen: „Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass im Fußball gedopt wird.“ Ommer war von 1986 bis 1994 Präsident beim zeitweise in der Bundesliga spielenden FC Homburg. Die jetzt veröffentlichte Studie lese sich „wie ein Krimi“, decke sich aber mit seinen Erfahrungen mit dem Freiburger Sportmediziner Josef Keul. „Freiburg war das Paradies für die Athleten“, sagte er: „Im Wartezimmer hat man alles gesehen, was Rang und Namen hatte, aus verschiedenen Sportarten.“ Sollte das Innenministerium die ganze Studie freigeben, werde „die Bombe sicherlich erst richtig platzen“.

Indessen wird Doping zum Wahlkampfthema: Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, verurteilte die Rolle des zuständigen Innenministers. „Minister Friedrich verhindert die Aufklärung und versucht, die Wahrheit über staatliches Doping zu vertuschen.“

Viel wichtiger wäre aber zu wissen, welche Rolle der Innenminister von 1972, Hans-Dietrich Genscher (FDP), spielte. Denn die Studie erhärtet den Eindruck, Politiker hätten vor den Olympischen Spielen in München Druck zum Doping ausgeübt, um mehr Medaillen erzielen zu können. Das hat Genscher, der spätere Held der deutschen Einheit, „völlig ausgeschlossen“.

Waren die beiden deutschen Staaten schon lange vor 1989 im Spritzen vereint? Die Manipulation mag in der DDR flächendeckend organisiert gewesen sein, während es im Westen einige spezialisierte Zentren gab. Moralisch überlegen muss sich deshalb keiner fühlen. Zu Recht dringt der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke – wie ostdeutsche Sportler – auf Gleichbehandlung: „Die Täter sind bisher nur im DDR-System bestraft worden, nie in der BRD.“

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