WÜRZBURG

Doping: Keine Verherrlichung mehr

Leitartikel: Es ist was faul im Staate Fußball

Eine Woche hat es gedauert, bis sich das Innenministerium genötigt sah, die Studie mit dem sperrigen Titel „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“ komplett ins Netz zu stellen und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nun hat jedermann einen Blick in die Abgründe des systemischen Dopings in der Bundesrepublik. Allerdings wurde das Ministerium erst durch öffentlichen Druck, es muss so deutlich gesagt werden, zur Transparenz gezwungen.

Als diese Zeitung zusammen mit der „Märkischen Oderzeitung“ exakt vor acht Tagen Original-Dokumente aus dem Bundesarchiv veröffentlichte, die erstmals bundesfinanzierte Dopingforschung Anfang der 1970er Jahre belegten, erhielt das Thema eine neue Qualität. Die Verwendung von Anabolika, von Insulin, von Wachstumshormonen, das Forschen mit Hundeherzen, all das waren keine Ergebnisse aus Zeitzeugeninterviews, keine Erinnerungen, all dies war nun belegbar durch die Akte „VF-1220/13/72“. Zwar glaubte der für den Sport zuständige Innenminister Hans-Peter Friedrich auch da noch, sich nicht äußern zu müssen und das Thema bis in die Zeit nach der Bundestagswahl verschieben zu können. Aber als sich am Wochenende auch überregionale Medien des Themas annahmen, ging alles ganz schnell.

Jetzt sind die Berichte öffentlich, und sie zeichnen ein irritierendes Bild, ein Geflecht aus Vertuschung und Täuschung. Es wird beschrieben, wie die Olympischen Spiele 1976 in Montreal zu Anabolika-Spielen wurden. Die anabolen Steroide waren geächtet, aber nicht beweisbar, wenn sie rechtzeitig abgesetzt wurden. Es ist zu lesen von einem Ruder-Bundestrainer, der in den 1960er Jahren ein Verbot der Anabolika ablehnte, und von Minderjährigen-Doping. Dazu ist dokumentiert, dass der Deutsche Bundestag 1991 offenbar über eine Testosteronstudie fehlinformiert worden ist. Auch wird deutlich, dass die Forscher bei ihrer Arbeit behindert worden sind: So gewährte ein ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes keine Akteneinsicht, der Deutsche Fußball-Bund wollte den Archivzugang nur „zu letztlich inakzeptablen Auflagen gewähren“. Brisante Akten wurden geschreddert. Ja sogar die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) weigerte sich, Dokumente zu kopieren. Dies alles zeigt: Die Bundesrepublik war nicht die saubere Sportnation, als die sie sich gerne präsentierte.

Und die Konsequenz? Deutschland braucht ein wirksames Anti-Doping-Gesetz, der Sport ist mit der Aufarbeitung seiner Probleme überfordert. Aber die Leistungssportler, die Herzblut, Fleiß und Willen investieren, brauchen auch unseren Schutz. Oft ist es doch so: Die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Athleten sind überzogen, Sieger werden verherrlicht. Diese Absolutheit, diese Glorifizierung zu Helden oder das Verdammen zu Versagern steigert den Reiz, zu dopen. Wenn wir einen ansatzweise sauberen Sport wollen, darf Platz eins nicht mehr das einzige Maß sein.

Selbstkritisch sei angemerkt: So sehr die Medien in diesem Fall für Transparenz und Aufklärung gesorgt haben, so sehr sind sie doch auch Teil des Geflechts: „Die Presse fordert jedoch nach wie vor Spitzenleistungen und vor allem Erfolge in internationalen Wettbewerben“, schreiben die Forscher. Vielleicht sollten wir uns als Erstes mal das Medaillenzählen abgewöhnen.

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