WÜRZBURG

Frauen ziehen im Beruf nach wie vor den Kürzeren

Wie bitte? In Sachsen-Anhalt bekommen Frauen mehr Lohn als Männer? Ein entsprechender Beitrag des Deutschlandfunks ließ vor einigen Tagen aufhorchen. Demnach liegt der Durchschnittsverdienst dort bei weiblichen Angestellten mit 2439 Euro um 40 Euro über dem Einkommen ihrer Kollegen. Ist das nicht ein Widerspruch zu all den Studien, die zu der betrüblichen Erkenntnis kommen: Frauen haben es im Berufsleben immer noch schwerer als Männer? Weil Frauen nicht nur ein geringeres Gehalt bekommen, sondern auch in Führungspositionen unterrepräsentiert sind – und sich zu allem Überfluss auch oft mit sexuellen Belästigungen konfrontiert sehen.

Nein, es ist kein Widerspruch. Denn in Sachsen-Anhalt ist die Situation in Wahrheit nicht anders als im Rest der Republik. Vor allem ein statistischer Kniff lässt das Ergebnis besser erscheinen als anderswo: 40 Prozent der Frauen in Sachsen-Anhalt arbeiten Teilzeit, in der Statistik wurde ihr Verdienst jedoch auf Vollzeitarbeit hochgerechnet…

Von Chancengleichheit kann nach wie vor keine Rede sein

Nach dem Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums hat sich die Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern zuletzt sogar weiter geöffnet. Bei vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation beträgt die Lohnlücke sieben Prozent. Wer wollte da Familienministerin Katarina Barley (SPD) widersprechen, wenn sie feststellt: „Bei der Verteilung von Belastungen und Chancen zwischen den Geschlechtern geht es in unserer Gesellschaft noch immer ungerecht zu.“

Dafür gibt es etliche Gründe. Einer davon: Wenn es um eine Balance zwischen Familie und Arbeit geht, treten vor allem Frauen kürzer und entscheiden sich oft – auf eigenen Wunsch oder gezwungenermaßen – für die klassische Rollenverteilung. „Es geht derjenige zur Arbeit, der im Job mehr Geld nach Hause bringt – in der Regel der Mann“, heißt es in einer Erhebung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Aber auch sonst gibt es beim Thema Chancengleichheit und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz erhebliche Gerechtigkeitslücken. So sind 63 Prozent der Frauen laut einer „World of Work“-Studie des Karriereportals „Monster“ der Ansicht, dass sie härter für Anerkennung und Beförderungen arbeiten müssen als Männer. Außerdem glaubt fast die Hälfte (47 Prozent) aller Arbeitnehmer, dass Männer einen Vorteil haben, wenn es darum geht, einen Job zu ergattern – trotz gleicher Qualifikationen von weiblichen Mitbewerbern.

Frauen bekommen im Job oft zu hören, sie seien aggressiv

Es spricht einiges dafür, dass Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg recht hat, wenn sie als Grund für diese Ungleichbehandlung unter anderem anführt, dass Frauen von klein auf Zurückhaltung lernen. Lautes, dominantes Auftreten würde ihnen oft negativ ausgelegt. Erfolgreiche Männer seien beliebt, erfolgreiche Frauen dagegen nicht. „Wie viele Männer hören schon, dass sie im Job zu aggressiv sind? Frauen bekommen diesen Vorwurf oft zu hören.“

Sie bekommen aber noch ganz andere Sachen zu hören. Mehr als die Hälfte aller berufstätigen Frauen haben nach Erkenntnissen des Marktforschungsinstituts Innofact bereits die unerfreuliche Erfahrung machen müssen, wie sich „anzügliche Kommentare und Witze“ anfühlen. Über „unangemessenes Starren und anzügliche Blicke“ klagen 44 Prozent der weiblichen Beschäftigten und gut 30 Prozent wurden „unerwünscht berührt oder umarmt“ – alarmierende Zahlen, über die in den meisten Betrieben allerdings nur hinter vorgehaltener Hand geredet wird. Denn viele Frauen haben Angst vor unangenehmen Folgen. Kein Wunder, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Veranstaltung bekannte: „Also ich glaube, wir haben bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau schon noch eine ganze Menge zu tun.“

Das gilt gewiss nicht nur für die Politik.

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