Gastbeitrag: Der Patient als Ware

Gerald Brandt
Gerald Brandt Foto: FoTo K. Leibnitz

Seit der Einführung des Gesundheitsfonds versuchen mehrere gesetzliche Krankenkassen, bei Ärzten Einfluss auf die von ihnen gestellten Diagnosen zu nehmen. Der Grund ist simpel: Patienten mit bestimmten Erkrankungen sind schlichtweg mehr wert als andere, weil die Kassen für sie Extragelder aus dem Gesundheitsfonds erhalten.

Dieses aktuelle Beispiel zeigt sehr deutlich, dass es in unserem heutigen Gesundheitssystem oft nur noch am Rande um ein solidarisches Miteinander und die fürsorgliche Betreuung erkrankter Menschen geht. Es geht ums Geld. Gewiss, die Pharma- und Medizinprodukthersteller müssen Geld verdienen, um neue Medikamente und Heilmethoden zu entwickeln. Und auch die niedergelassenen Haus- und Fachärzte sind Unternehmer und müssen dementsprechend agieren. Dieses unternehmerische Denken wird aber offenbar immer öfter dazu genutzt, sich im Kampf um die Mittel der Krankenversicherungen möglichst viele persönliche Vorteile zu verschaffen.

Der klassische Land- und Hausarzt, der noch ganz auf den persönlichen Kontakt zum Patienten und eine kostenbewusste Behandlung setzte, ist praktisch ausgestorben. Sein unternehmerisch orientierter Kollege hingegen schleust täglich Hunderte von Patienten durch seine Praxis. Denn durch die strengen Kopf- und Fallpauschalen kommt man offenbar nur so wieder zu einem ordentlichen Verdienst. Insofern trägt unser Gesundheitssystem mit seinen vermeintlichen Sparmechanismen auch selbst dazu bei, die kostenbewussten und die profitorientierten Ärzte gegeneinander auszuspielen.

Den Kürzeren ziehen allerdings naturgemäß die kleinen Praxen, in denen man noch individuell behandelt wird. Aber auch Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen geht es nicht besser. Denn auch hier muss man sich für Diagnose und Betreuung Zeit nehmen. Und doch beginnt auch hier schon der Verteilungskampf. Denn, wie gesagt, einige Patienten sind lukrativer als andere. Und so versuchen heute selbst einige Kliniken, Patienten gezielt an sich zu binden. Zum Beispiel durch die Einrichtung sogenannter Spezialambulanzen oder besonders hohe Operationszahlen. Dabei ist keineswegs immer gewährleistet, dass ein solches Krankenhaus tatsächlich die beste Betreuung für die Patienten bietet.

Weitere beliebte Mittel zur Erhöhung des Umsatzes sind das Erbringen von Leistungen, die nicht in jedem Fall nötig wären (zum Beispiel Antibiotika) und in Einzelfällen sogar die vorsätzliche Manipulation von Diagnosen und Abrechnungen. Auch ist es sicher kein Zufall, dass in den vergangenen 30 Jahren die Grenzwerte für Blutdruck, Blutfette oder Blutzucker immer gesenkt wurden – so dass heute viele Menschen als krank gelten, die man Ende der 1970er Jahre noch als kerngesund bezeichnet hätte.

Wo man also hinsieht, es regiert ein ebenso subtil wie gnadenlos geführter Verdrängungswettbewerb, bei dem die Patienten zwischen die Fronten geraten und mittlerweile kaum mehr sind als eine Ware, für die man umso mehr Geld erhält je geschickter man sich anstellt. Leider wird dieser Wettbewerb auch noch gezielt von der Politik gefördert, denn er soll zu mehr Effizienz führen und so das Gesundheitssystem entlasten.

Die Frage ist aber, ob ein Patient, der sich behandelt fühlt wie ein beliebiges Produkt in einer Fabrik, auch tatsächlich besser und schneller gesundet als ein individuell betreuter. Ich glaube das eher nicht, und deshalb sollten wir alle gründlich nachdenken, bevor wir zulassen, dass sich diese Entwicklung noch weiter verselbstständigt. Die Leidtragenden sind wir alle – allen voran aber die Patienten mit schweren, seltenen und chronischen Erkrankungen, die besonders viel Aufmerksamkeit brauchen.

Besser wäre es in jedem Fall, unnötigen Kostenfaktoren noch strikter als bisher zu begegnen und sich wieder einmal daran zu erinnern, dass unser Gesundheitswesen auf Solidarität und Fürsorge beruht – nicht auf Gewinnmaximierung.

Zur Person

Gerald Brandt Der Würzburger ist Gründer und Vorsitzender des Vereins Hypophosphatasie Deutschland, der die äußerst seltene angeborene Knochenstoffwechselstörung bekannt machen und ihre Erforschung und Bekämpfung vorantreiben will. Gerald Brandt hat nach etlichen Operationen und Knochenbrüchen in seiner Kindheit Germanistik und Anglistik studiert und als Texter und Herausgeber gearbeitet. Inzwischen hat der 38-Jährige aufgehört, die Zahl seiner Knochenbrüche zu zählen. Derzeit organisiert er die Würzburger Veranstaltung zum europaweiten „Tag der Seltenen Krankheiten“ am 28. Februar. Infos: www.hpp-ev.de

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