Gastbeitrag: Kein kranker Mann am Bosporus

Gastbeitrag

Vor 50 Jahren öffnete Deutschland mit einem ersten Anwerbeabkommen seinen boomenden Arbeitsmarkt für türkische Fachkräfte – allerdings gegen härteste Widerstände. Es bestünde kein Bedarf an Zuwanderung, da das heimische Potenzial noch nicht ausgeschöpft sei, lautete damals wie heute das falsche Argument. Weil man zudem ursprünglich an eine rasche Rückkehr der „Gastarbeiter“ durch eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltsdauer glaubte, fehlte jede flankierende vorausschauende Integrationspolitik.

Die Folgen dieser fatalen Fehleinschätzungen sind bis heute vielfältig sichtbar; der Streit um den richtigen Umgang miteinander emotionalisiert unsere Gesellschaft seitdem bis in ihren Nerv. Dennoch haben trotz aller Versäumnisse beide Länder von dieser historischen Öffnung des Arbeitsmarktes enorm profitiert. Die Migranten aus der Türkei – ebenso wie aus anderen Ländern – haben maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand Deutschlands. Ihr Potenzial ist in Zukunft bei wachsendem Fachkräftemangel sogar noch wichtiger, wie der aktuelle Demografiebericht der Bundesregierung dramatisch belegt.

Die Türkei wiederum ist heute längst nicht mehr der „kranke Mann am Bosporus“, sondern im Gegenteil einer der wichtigsten aufstrebenden globalen Wirtschaftsriesen. Die Rückkehr zahlreicher, in der deutschen Industrie bestens geschulter Landsleute hat dazu nicht unwesentlich beigetragen. Dieser Know-how-Transfer ist ein anschauliches Musterbeispiel dafür, wie Arbeitsmigration erfolgreich wirkt. Die Türkei hat zudem ihren Arbeitsmarkt – durchaus auch mit Blick auf die deutschen Erfahrungen – mit mutigen Reformen vorangebracht; sie ist heute ein hoch attraktiver Standort für multinationale Unternehmen und zwar nicht mehr wegen des noch niedrigen Lohnniveaus, sondern weil die Menschen dort immer besser ausgebildet sind.

Ebenso florieren mittelständische Firmen. Die türkische Staatsverschuldung ist nur halb so hoch wie in Deutschland. Die Euro-Konvergenzkriterien erfüllt das Land locker. Das Wirtschaftswachstum war im letzten Jahr so kräftig wie in kaum einem anderen Land, nämlich neun Prozent; für dieses und das kommende Jahr sind fast fünf Prozent angepeilt. Der Bankensektor ist zudem weitaus stabiler als in vielen Krisenländern Europas, für die die Türkei mit ihren Erfolgen ein Vorbild sein sollte.

Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt für den nächsten großen Schritt gekommen, nämlich die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Ökonomisch würde die Türkei diese in einer Phase nachhaltig stärken und stabilisieren, da viele an der Zukunft der EU zweifeln. Darum wäre es fatal, wenn diese Entscheidung immer weiter aufgeschoben würde.

Eine große Chance droht verspielt zu werden. Der Türkei eröffnen sich längst andere Optionen und zwar nicht nur durch den Arabischen Frühling, sondern weil ihre Waren, Dienstleistungen und Fachleute überall in der Welt wachsende Aufnahme finden.

Würde man heute die EU-Grenzen öffnen, so wäre durchaus zu erwarten, dass mehr Einwohner aus der Europäischen Union in die Türkei einwanderten als umgekehrt von dort kommen würden. Auch die Zahl der türkischen Staatsbürger in der Bundesrepublik geht immer weiter zurück, auch getragen von einer wachsenden Zahl der Einbürgerungen. Nominell lebten 1998 etwa 2,1 Millionen Türken in Deutschland, Ende des vergangenen Jahres waren es nur noch 1,63 Millionen.

Zum 50. Jahrestag des historischen Anwerbeabkommens kann es nur eine Botschaft geben: Die Türkei ist Teil Europas. Es liegt an Deutschland, dazu jetzt ein klares Signal zu senden.

Professor Klaus F. Zimmermann ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Bis Anfang dieses Jahres war der 58-Jährige Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Foto: IZA BONN

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