Gutes Design für gutes Leben

Rainer Erlinger Foto: Andreas Labes

Rainer Erlinger (47), promovierter Arzt und promovierter Jurist, ist einem größeren Publikum als Autor der Kolumne „Eine Gewissensfrage“ bekannt. Seit zehn Jahren beantwortet Rainer Erlinger einmal wöchentlich im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ Leserfragen zur Alltagsmoral. An diesem Donnerstag (Beginn 18.30 Uhr) spricht er bei der Tagung „Ethik & Moral in Kommunikation & Gestaltung“ in Würzburg (siehe Infobox). Thema des Interviews ist die ethische Verantwortung von Werbern und Produktdesignern.

Frage: Gewissensfrage: Ist Werbung nicht per se unmoralisch, weil sie Bedürfnisse für Dinge weckt, die der Mensch nicht unbedingt braucht?

Rainer Erlinger: Wenn man Werbung darauf reduziert, dann wäre es gefährlich. Aber Werbung bedeutet immer auch Information. Der Konsument will etwas über neue Produkte wissen.

Und wann kommt die Moral ins Spiel?

Erlinger: Dann, wenn Werbung unnötige Bedürfnisse weckt und Menschen zu Dingen verführt, die nicht richtig sind, etwa zu übergroßem Konsum oder zur Verschwendung von Ressourcen. Ein weiterer Aspekt ist der Umgang mit der Wahrheit. Ab wann ist ein Herausstellen von positiven Eigenschaften moralisch fragwürdig? Dass Sie bei der ersten Begegnung mit einem Menschen Ihre Stärken herausstellen, und nicht die Schwächen, ist ganz natürlich und auch nicht verwerflich. Nur, wenn Werbung so etwas absichtlich macht, um zu täuschen, dann sind wir unter Umständen beim Lügen – und das ist moralisch bedenklich.

Wo sehen Sie moralische Grenzen für Werbung und Werber?

Erlinger: Ich glaube, die Grenzen kann derjenige, der Werbung macht, recht gut selbst bestimmen. Mit denselben Kriterien, mit denen er auch im sonstigen Leben richtig und falsch bestimmt. Wichtig ist, dass der Werber sich nicht als ausführendes Werkzeug sieht, sondern selbst eine Haltung zum Produkt und zu seiner Arbeit einnimmt.

Darf es denn eine Rolle spielen, ob er für Ökostrom wirbt oder für Atomkraft?

Erlinger: Meiner Auffassung nach ja. Ich halte mich da an Aristoteles. Der hat gesagt, dass der tugendhafte Mensch derjenige ist, der verschiedene richtige Verhaltensweisen eingeübt hat, die zusammen den Charakter formen. Das ist das, was heute in der Wirtschaftsethik mit ,Integrity', Integrität, bezeichnet wird. Nicht nur Compliance ist gefragt, also, dass man Vorschriften befolgt und keine Gesetze übertritt. Es geht vielmehr darum, sich insgesamt moralisch richtig zu verhalten. Es ist widersinnig, wenn jemand als Privatmensch Ökostrom bezieht, aber als Werber eine Kampagne für einen Atomstromanbieter macht. Das geht dann schon in Richtung Schizophrenie, da fällt der Mensch auseinander. Er ist nicht mehr integer, nicht mehr ganz.

Das Modelabel Benetton hat vor Jahren für Aufregung gesorgt, weil es mit einem sterbenden Aidskranken oder einem elektrischen Stuhl geworben hat. War das ethisch okay?

Erlinger: Ich fand das damals nicht so problematisch wie viele andere. Natürlich war es Werbung auch für Produkte. Allerdings sollte daneben auch eine gesellschaftliche Diskussion angeregt werden. Und das ist positiv.

Sie selbst sprechen in Würzburg über Produktdesign und Ethik? Gibt es ethisch wertvolleres beziehungsweise minderwertigeres Design?

Erlinger: Ich unterscheide zwischen den materiellen, den stofflichen Aspekten des Designs und den nichtstofflichen. Im stofflichen Bereich geht es beispielsweise um Ökologie. Welche Ressourcen braucht es zur Herstellung eines Produkts, ist der CO2-Ausstoß zu hoch, lässt es sich recyceln? Nichtstofflich geht es um die Frage: Was will das Design erreichen?

Haben Sie konkrete Beispiele?

Erlinger: Denken Sie an die Formensprache bei Autos. Wenn Fahrzeuge aggressiv daherkommen und schon vom Erscheinungsbild her platzgreifend wirken, hat das Auswirkungen auf eine Gesellschaft, in der sich manche Leute an den Rand gedrängt fühlen. Wenn ein Auto hingegen elegant und schnell wirkt, dann fühlt sich niemand verdrängt. Schon das Bauhaus wollte über das Design auf die sozialen Verhältnisse einwirken; gutes Design sollte den Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Ein Beispiel ist auch die „Frankfurter Küche“ von 1926, der Urtyp der modernen Einbauküche. Ziel ihrer Schöpferin Margarete Schütte-Lihotzky war es, die Hausarbeit von Frauen zu vereinfachen, damit sie die Möglichkeit haben, berufstätig, also gleichberechtigt, zu sein.

Und wo hat Design negativ gewirkt?

Erlinger: Ein Beispiel wären die Plattenbausiedlungen in der DDR oder ähnliche Betonbauten im Westen. Da gab es die positive Idee, durch ein funktionales Design Wohnraum für viele Menschen zu schaffen. Die Uniformität hat dann aber viele Probleme geschaffen, die Menschen haben sich nicht mehr wohlgefühlt.

Tagung „Ethik & Moral in Kommunikation & Gestaltung“

Wie weit geht die moralische Verantwortung von Werbern und Designern? Bei der Tagung „Ethik & Moral in Kommunikation & Gestaltung“ diskutieren am Donnerstag, 25., und Freitag, 26. Oktober, in Würzburg namhafte Designer, Philosophen und Kulturwissenschaftler unter anderem erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Kommunikationsdesign und Ethik“. Veranstalter ist die Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften (FHWS).

Die Tagung im FHWS-Neubau im Sanderheinrichsleitenweg 20 ist öffentlich. Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung ist erwünscht. Referenten sind unter anderem Ruedi Baur (Zürich), Rainer Erlinger (Berlin/München), Thomas Friedrich (Mannheim), Jens Müller (Augsburg), Wolfgang Ullrich (Karlsruhe) sowie Christian Bauer, Gertrud Nolte und Gerhard Schweppenhäuser (alle Würzburg). Ziel der Debatten und Forschungen könnte ein „Ethik-Kodex“ für die Branche sein, so wie es ihn für Ärzte, Ingenieure oder Journalisten gibt.

Ausführliches Programm: gestaltung.fh-wuerzburg.de/ethik-moral

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