WÜRZBURG

Halloween ist kommerziell, aber auch ein Heidenspaß

Am Abend vor Allerheiligen sind sie wieder überall im Land unterwegs – Kinder in gruseligen Kostümen klingeln an Haustüren und fragen: „Süßes oder Saures?“ Und Erwachsene feiern, ebenfalls angsteinflößend maskiert, ausgelassene Partys. Halloween wird bei Jung und Alt zunehmend beliebter – und umstrittener. Handelt es sich bei dem bunten Treiben nur um einen harmlosen Spaß? Oder um Konsumterror?

In Deutschland geht bei dieser Frage ein Riss durch die Bevölkerung. Die eine Hälfte stimmt laut einer aktuellen YouGov-Umfrage der Aussage zu, der Gruselspaß verdränge als Import aus den USA die deutsche Kultur. Der Rest der Republik kann sich indes über eine derartige Spaßbremsen-Mentalität nur wundern. Immerhin findet eine deutliche Mehrheit von 65 Prozent der Befragten, das Fest sei zu kommerziell.

Rund ums Gruselfest steigen die Umsätze für Süßes und Kostüme

Natürlich geht es bei diesem kunterbunten Kürbis-Karneval auch ums Geld. Und selbstverständlich kann man dessen gnadenlose Vermarktung sehr kritisch sehen. So wie die Theologin Margot Käßmann. Die EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 hat ja recht, wenn sie daran erinnert, dass die Karnevals- und Spielwarenindustrie den Halloweenkult mit einer massiven Werbekampagne vor 26 Jahren erst so richtig befördert hat. Damals, 1991, fiel die „fünfte Jahreszeit“ wegen des Irakkrieges bekanntlich ins Wasser – und bescherte den einschlägigen Branchen erhebliche Einnahmeverluste. Bis die rettende Idee mit Halloween kam . . .

Noch heute klingelt in den Süßwarenabteilungen die Kasse. Laut Zahlen aus dem Jahr 2016 steigen die Umsätze in der Halloween-Woche deutlich. Nur Weihnachten und Ostern rollt der Rubel noch besser. Auch Karnevalsgeschäfte freuen sich nach wie vor über steigende Umsätze rund um das importierte Gruselfest.

Es ist freilich nicht verboten, einen solchen Anlass nach allen Regeln der Marketing-Kunst zur Steigerung des Geschäftserfolgs zu nutzen. Niemand wird gezwungen, sich mit Süßigkeiten in Vampirform einzudecken oder in teure Horror-Verkleidungen zu schlüpfen. Wer keine Lust auf abgefahrene Halloween-Feiern hat, braucht sich nur dem Trubel zu entziehen – wie an Fastnacht auch. Ein wenig mehr Gelassenheit in dieser Frage könnte jedenfalls nicht schaden. So, wie sie Manfred Becker-Huberti, Professor für Kirche und Kommunikation an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, zum Ausdruck bringt: „Ich bin der Meinung, man sollte vor allem cool bleiben“, rät er allzu eifernden Kritikern. „Brauchtum ist lebendig. Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, das lässt sich nicht steuern.“

Halloween ist übrigens keine amerikanische Erfindung zur Ankurbelung der Wirtschaft, wie boshafte Zeitgenossen behaupten. Vielmehr geht der zur Ersatzfastnacht mutierte Brauch auf eine keltische Tradition zurück. Der Name bezeichnet den Abend vor Allerheiligen (All Hallows' Eve), an dem die Toten dem Volksglauben zufolge zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt wandeln.

Mit irischen Einwanderern gelangte der Brauch in die USA. Von dort wurde er später wieder nach Europa quasi reimportiert.

Bei Straftaten hört der Spaß am Reformationstag allerdings auf

In einem Punkt sind sich die meisten Deutschen dann aber doch einig: Ihr Verständnis für den Heidenspaß am irischen Brauchtum hört dort auf, wo strafrechtliche Grenzen überschreiten werden. Insgesamt hat die Zahl der Polizeieinsätze, die mit Halloween in Zusammenhang stehen, auch in der Region zugenommen. Musste 2015 die Polizei 40 Mal ausrücken, waren es im vergangenen Jahr 90 Einsätze. Vor allem wegen Sachbeschädigung. Aber auch Ruhestörungen und Körperverletzungen registrierten die Beamten. In solchen Fällen droht den Übeltätern Saures von den Ermittlern – und das zu Recht.

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