Lohr

Hannes Jaenicke: Der Verbraucher hat fast immer eine Alternative

Der Schauspieler sprach über Machtstreben, Profitgier, Umweltzerstörung und wie diese Dinge zusammenhängen. Dagegen gebe es jedoch eine Waffe.
Der Schauspieler Hannes Jaenicke sprach vor der ausverkauften Stadthalle Lohr über die "Macht des Konsumenten". Foto: Susanne Schreck

Im sehr schicken Foyer der Lohrer Stadthalle hatten sich am Montagabend sehr viele ebenfalls sehr schick gekleidete Menschen versammelt. Die VR-Bank Main-Spessart hatte geladen, zum Ticket gab es noch Gratis-Getränke. Wein aus Franken, regionales Weißbier, Coca-Cola von irgendwo her. Wohlfühl-Atmosphäre. 

Ein Mann hinter einem Rednerpult reichte, um diese Atmosphäre zu zerstören. Hannes Jaenicke. Jahrgang 1960, Schauspieler, Dokumentarfilmer und Autor. Man kennt ihn vor allem aus Fernseh- und manchmal eben auch aus seinen Tierfilmen im ZDF, in denen er zu ergründen versucht, warum Delfine, Eisbären oder Nashörner vom Aussterben bedroht sind (es sei hier schon verraten: die Menschen sind es).

Der Abend war eine Zumutung. Nicht weil Jaenicke wenig wirklich Neues erzählte. Kinderarbeit auf Bananenplantagen, Überfischung der Erde, Elektroschrott an der afrikanischen Küste, alles schon gehört. Er erzählte vielmehr dieses Wenige so eindrücklich, dass der Abend eine Zumutung für das eigene Gewissen wurde. Jaenicke zeigte eins auf: wie schnell wir Konsumenten im Discounter das Wissen um das Leid derer wegwischen, die von eben diesen Discountern ausgebeutet werden, damit unsere Banane ein paar Cent billiger ist. Dabei könnte man solchen Konzernen als Konsument ganz einfach die Stirn bieten.

Das Bild zeigt Ölpalmplantagen bei Tawau auf Borneo. Dafür wurde der Regenwald abgeholzt. Foto: Michael Scheller

Wir Menschen beeinflussen mit unserem Kaufverhalten direkt die Natur und unsere Mitmenschen

Was habe ich damit zu tun, dass in Borneo, einer asiatischen Insel, Orang-Utans sterben? Solche Fragen würden ihm immer wieder gestellt werden, sagte Jaenicke. Die Antwort sei ganz einfach: "Die Wege sind viel kürzer als man denkt." Kaufe man im Baumarkt zum Beispiel Teakholz, sei das nichts anderes als in Jahrhunderten gewachsenes Regenwald-Holz aus Borneo – dem Lebensraum des Orang-Utans. Auch Zertifikaten könne man kaum glauben, diese seien oft gefälscht. Das habe er selbst beobachten können, als er sich mit seinem Kameramann in eine solche Holzfabrik geschlichen habe. "Da standen zwei Kinder, deren Job war es nur, die gefälschten Zertifikate auf das Holz zu hämmern", erzählte Jaenicke.

Teak-Holz kaufen oder nicht? Kaffeekapseln kaufen oder nicht? Billig-Shirt kaufen oder nicht? 120 solcher umweltrelevanten Entscheidungen treffe ein Bewohner der G20-Staaten, zitierte Jaenicke eine Studie der Boston Consulting Group. Der Schauspieler hatte noch viele weiterer solcher Geschichten dabei. Die Antworten, warum man diese Dinge jeweils vermeiden sollte, würden diesen Artikel sprengen. Aus Jaenickes Geschichten aber lassen sich vier Lehren ziehen:

Der Schauspieler Hannes Jaenicke sprach vor der ausverkauften Stadthalle Lohr über die "Macht des Konsumenten" Foto: Susanne Schreck

1. Viele Unternehmen "verarschen" die Kunden, wo es nur geht – und es ist okay, darauf herein zu fallen

Jaenicke erzählte die Teak-Holz-Geschichte nicht als Vorwurf, sondern weil er selbst einmal im Baumarkt auf Empfehlung des Verkäufers eben jenes Holz gekauft hatte. Selbst die Regierung sei auf die gefälschten Zertifikate herein gefallen. Die Fensterrahmen des Reichstags seien, so Jaenicke, fast komplett aus Teak-Holz mit gefälschten Zitaten. Nicht nur beim Holz, in vielen Branchen versuchten Unternehmen menschen- und umweltschädliche Produktionsbedingungen zu vertuschen. Er habe ein ganzes Buch dazu geschrieben – der Titel: "Die große Volksverarsche". So hätte das Bio-Baumwoll-T-Shirt von H&M lediglich fünf Prozent Bio-Baumwolle und der Rest wäre der selbe "Dreck" wie bei allen anderen Shirts der Marke auch. 

2. Sich zu informieren, geht schneller als gedacht

Verhindern könne man solche "Tricks" nur, wenn man sich informiert, so Jaenicke. Wie das gehe, ohne viel zu viel Zeit dafür zu brauchen, fragte ein Zuhörer nach der Veranstaltung. Das sei das große Problem, antwortete der Schauspieler. Es gebe jedoch Internetseiten, die diese Recherche für einen übernehmen würden. Namentlich nannte er "utopia.de" oder die App "buycott", mit der man die Barcodes eines jeden Produktes scannen und den Konzern dahinter feststellen könne. Auch Greenpeace würde einen guten Überblick geben, vor allem bei Bekleidungsherstellern.  

3. Es gibt immer ein alternatives Produkt, das menschen- und umweltfreundlicher ist

Statt dem Teak-Holz könne man immer Eiche kaufen, statt Kaffeekapseln fair gehandelten Filterkaffee, statt einem Billig-Shirt ein hochwertiges. Es gebe immer eine Alternative, sagte Jaenicke. Dass diese Alternative oft teurer sei, dieses Argument wolle er aber nicht gelten lassen. "Es gibt ein Sprichwort: Billig kann ich mir nicht leisten", sagte Jaenicke. Ein billiges Shirt gehe zum Beispiel schneller kaputt, auf die Dauer rechne sich daher die teurere Alternative in vielen Fällen. Auch beim Essen sei das ähnlich, sagte Jaenicke und holte gegen die Politik aus. "Ich halte es für ein zynisches Versagen der Subventionspolitik, dass gesundes Essen teuer und schlechtes Essen billig ist." Zudem würde die Hälfte der Nahrungsmittel in Deutschland weggeworfen werden. "Die Unternehmen wollen, dass man kauft, wegwirft und sofort wieder kauft. Das steigert den Umsatz". 

4. Der Verbraucher hat die beste Waffe gegen die Ausbeutung anderer – den Geldbeutel

"Wie bringen wir als Konsumenten Discounter in die richtige Spur?", fragte ein Zuhörer am Ende der Veranstaltung. Die einfachste Möglichkeit sei der Geldbeutel, antwortete Jaenicke. Am besten kaufe man bei kleineren Läden regionale Produkte. Auch von Weltläden sei er ein großer Fan. Wenn man schon in den Discounter gehe, solle man zu den Fairtrade-Produkten greifen. "Selbst die großen Discounter richten ihre Einkaufspolitik nach dem, was die Kunden wollen", argumentierte Jaenicke. Auch dass die kleinen Läden aus den Dörfern und Städten verschwinden würden, läge im letzten Schluss am Kaufverhalten. 

Diese Tipps halte auch er nicht immer selbst ein, sagte Jaenicke, der sich an diesem Abend auch kritisch über sich selbst und die Filmbranche äußerte. Filme würden aus Kostengründen oft in Billiglohn-Ländern produziert. Am Set würden hunderte Plastikbecher verschwendet, so der Schauspieler. An diesem Abend zeigte er jedoch, dass man als einzelner Mensch doch einiges bewegen kann, solange man das Gewissen nicht ausschaltet. 

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